Fitness: Ist zu viel Sport schädlich?

Viele neue Studien deuten auf ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch ­intensive körperliche Belastung hin. Klar ist der Zusammenhang aber keinesfalls

von Dr. Reinhard Door, 02.11.2018
Extremsport

Sport in Maßen hilft der Fitness und fördert die Gesundheit


Man kann dem Tod davonrennen. Das sagen Mediziner um Carl Lavie von der Universität New Orleans. Im Schnitt drei Jahre länger als Sofahocker leben Menschen, die in ihrer Freizeit die Turnschuhe schnüren und loslaufen. Sport tut dem Herzen gut, fördert die Durchblutung, hebt die Laune und hat viele weitere positive Effekte.

Dennoch dämpfen Lavie und Kollegen die Euphorie. Man könne es auch übertreiben, sagen sie. Und dann nütze weitere Anstrengung nichts mehr. Andere Forscher gehen noch darüber hinaus: Eine Überdosis Sport schade eher, meinen sie; die günstigen Wirkungen kehrten sich dann ins Gegenteil um. Unterstützt werden sie durch eine Reihe von Studien in den vergangenen Jahren, die vermeintlich schädliche Effekte extremer Ausdauerleistungen aufzählen.

Ist weniger tatsächlich mehr?

Zu viel Anstrengung lasse die Gefäße verkalken, führe zu Narben im Herzmuskel, senke die Herzleistung und sogar die Lebenserwartung, sagen sie. Zunächst mindere Sport das Erkrankungsrisiko. Aber wenn es eine untere Schwelle erreicht habe, steige es mit zusätzlichen Trainingseinheiten wieder.

Gibt es also tatsächlich ein Zuviel beim Sport? Und wenn ja, wo liegt die Grenze? Den ersten Verdacht weckten wohl Blutproben, die Ärzte bei Marathonläufern genommen hatten. Nach den rund 42 Kilometern zurückgelegter Strecke waren Blutwerte stark erhöht, die auf einen Herzinfarkt, eine Lungen­embolie oder auf Herzschwäche hindeuten.

Sport gleich Mord?

Spätestens nach drei Tagen waren die Werte jedoch wieder im Normbereich. Inzwischen wurde diese Beobachtung vielfach bestätigt. Mit sehr empfindlichen Tests lassen sich zum Beispiel erhöhte Mengen der Substanz Troponin, bekannt als Marker für einen Herzinfarkt, bei fast jedem Langstreckenläufer finden. Doch bedenklich ist das nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. "Dass diese Substanzen ausgeschüttet werden, ist ein Ausdruck der Anstrengung", beruhigt Professor Axel Schmermund vom Cardioangiologischen Centrum Bethanien in Frankfurt. "Es bedeutet nicht, dass man mit jedem Marathonlauf ein Stück Herzmuskulatur verliert."

Neben dem Troponin-Anstieg wurde in einer Studie nach Ultra-Ausdauerwettkämpfen zudem eine leichte Vergrößerung der rechten Herzkammer beschrieben. Auch ihre Funktion – das Blut in die Lunge zu pumpen, wo es mit Sauerstoff angereichert wird – war beeinträchtigt. Davon erholten sich die Sportler binnen weniger Tage. Doch kann eine solche Beeinträchtigung auf Dauer ohne Folgen bleiben? Leiert die Herzkammer womöglich bei wiederholter Überanstrengung aus und verliert ihre Pumpkraft?

Olympioniken und Ironmen

Das fragten sich Kardiologen und Sportmediziner an der Universitätsklinik Saarbrücken. Um die Antwort zu finden, testeten sie 33 Sportler, mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren immer noch rund 17 Stunden wöchentlich trainieren. Einige hatten früher an Olympischen Spielen oder Ironman-Triathlons teilgenommen – Athleten also, die seit Jahrzehnten intensiv Sport treiben. ­Tatsächlich waren die Herzen dieser Teilnehmer deutlich größer und kräftiger als bei einer Vergleichsgruppe, deren Mitglieder nie Ausdauersport betrieben hatten.

Solche "Sportlerherzen" sind eine normale Anpassung des Körpers an eine regelmä­ßige hohe Ausdauerbelastung. Von einer krankhaften Schädigung oder einer eingeschränkten Funktion der rechten Herzkammer fand sich keine Spur. Selbst nach langjähriger starker Beanspruchung blieb diese demnach unbeschadet.

Professor Jürgen Scharhag, der inzwischen an das Münchner Universitätsklinikum rechts der Isar wechselte, ist einer der Studienautoren. Er hat über viele Jahre Spitzensportler untersucht, also jene Menschen, bei denen schädliche Effekte am ehesten sichtbar werden müssten. Das Ergebnis der Studie überrascht ihn nicht: "Ich habe noch keinen Leistungssportler gesehen, bei dem das Herz durch den Sport über die Jahre aus dem Leim gegangen ist."

Mögliche Folgen hoher Belastung

Gefährdung des Herzens

Eine andere These ist jüngst in den Fokus von Kardiologen gerückt: So kommt es zum Beispiel bei manchen hoch ambitionierten Sportlern zu verstärkten Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen, glaubt man etwa einer britischen Studie aus dem vergangenen Jahr.

Doch zum einen waren die Sportler einige Jahre älter als die unsportliche Vergleichsgruppe, was ihr Risiko für Gefäßverkalkungen naturgemäß erhöht. Zum anderen wurden sie über die Werbung in einem populären Athletenmagazin gewonnen. "Doch wer meldet sich hier freiwillig, nimmt acht Stunden Diagnostik in Kauf, bekommt dafür keinen Cent und kann in dieser Zeit nicht trainieren?", fragt Schmermund.

Versteckte Ursachen

Er vermutet: "Diejenigen, die besorgt sind, weil sie zum Beispiel aus einer Familie mit ­einer Häufung von Herzleiden stammen." Damit tragen sie ein erhöhtes Risiko, das für den angeblich negativen Effekt des Sports verantwortlich sein könnte. In der Nachbetrachtung einer anderen Studie zum selben Thema ergab sich, dass die Sportler früher mehr geraucht hatten.

Das alles sind Hinweise darauf, dass nicht der Trainingsumfang die Ursache der Gefäßablagerungen war. Die Bewegung schützt sogar noch: Bei den Athleten in der britischen Studie waren ­die Ablagerungen sta­biler als bei den Bewegungsfaulen. Sie bergen ein geringeres Risiko, als Initialzündung für einen Herzinfarkt zu dienen.

Täuschende Momentaufnahme

Um Klarheit über all diese vermeint­lichen oder tatsächlichen Risiken ­­intensiven Sports zu schaffen, sind die Teilnehmerzahlen der Studien zu klein, die Probanden nicht genau ­genug ausgewählt, ist das Studien-­Design nicht ideal. Meist ergeben die Daten der Teilnehmer nur eine Momentaufnahme. Aussagekräftiger wäre es, die Gesundheit der Sportler über längere Zeit zu verfolgen. Doch das wäre so aufwendig und teuer, dass sich daran noch niemand gewagt hat – obwohl alle Experten betonen, dass die möglichen Schäden genauer untersucht werden müssten.

Ein Befund allerdings lässt sich nicht mit methodischen Schwächen der Studien abtun.

Forscher der Universitätsklinik Hamburg um Professor Gunnar Lund hatten Männer untersucht, die mindestens einmal an ­einem Ironman-Wettkampf teilgenommen hatten: Fast vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rennrad und zur Krönung noch einen Marathonlauf – eine extreme Belastung, die auch exzessives Training verlangt.

Narben auf dem Herzen

Bei neun von 54 dieser Triathleten entdeckten die Forscher Narben im Herzmuskel. Diese können die Reizleitung behindern, zu Rhythmusstörungen oder einer nachlassenden Herzleistung führen. Je mehr die Ex­tremsportler trainiert hatten, desto größer war ihr Risiko für solche Vernarbungen.

Der renommierte US-­Kardiologe Aaron Baggish hält eine abgeheilte, unerkannte Herzmuskelentzündung für die wichtigste Ur­sache dieser Befunde. Sie kann zum Beispiel infolge einer fiebrigen Erkältung auftreten.

Pausen retten Leben

Wer in dieser Situation nicht auf den Sport verzichtet, weil es ihn etwa bei einer Ironman-Vorbereitung zurückwerfen würde, der riskiert eine Ver­­schlim­merung. Und hat noch Glück, wenn davon "nur" Narben im Herzen zurückbleiben.

"Solche unerkannten Herzmuskelentzündungen ohne Symptome sind gar nicht so selten", sagt Professor Hans-Georg Predel, der die Abteilung für rehabilitative Sport- und Leistungsmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln ­leitet. Sie stellen auch eine mögliche Ursache dar, wenn Sportler während eines Fußballspiels tot umfallen oder bei einem Radrennen eine tödliche Herzattacke erleiden.

Plötzlicher Herztod eher selten

Doch solche tragischen Ereignisse kommen wesentlich seltener vor, als die aufgeregte Berichterstattung darüber vermuten lässt. Forscher gehen aufgrund ­­internationaler Register davon aus, dass unter 100 000 Sportlern nur maximal vier einen plötzlichen Herztod erleiden. Für Marathonläufer zählt die US-Statistik einen plötzlichen Herztod unter 110 000 Läufern.

Neben nicht ausgeheilten Herzmuskelentzündungen gibt es dafür zwei weitere Hauptursachen. Experten unterscheiden dabei nach Altersgruppen: Bei Athleten unter 35 Jahren dominieren angeborene Herzerkrankungen. Bei älteren Sportlern liegen meist Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen zugrunde: die koronare Herzkrankheit.

Nicht alles davon können Kardiologen bei einer Untersuchung entdecken. US-amerikanische Ärzte begnügen sich dabei mit einer Besprechung der Krankheitsgeschichte. Ihr Argument: Bei Fehlbefunden würde man Patienten womöglich zu einem reduzierten Sportprogramm ­raten – und sie von der eigentlich gesunden Bewegung abhalten.

EKG entdeckt Auffälligkeiten

Deutsche Experten lassen das nicht gelten. Kardiologen sollten lernen, normale EKG-­­Veränderungen durch ein vergrößertes Sportlerherz von krankhaften Abweichungen zu unterscheiden – und verdächtige Befunde mit weiteren Untersuchungen abklären.

Das größte Risiko für die meisten Menschen ist jedoch, ganz auf Sport zu verzichten. Selbst wenn es eine Schwelle gibt, ab der er schädlich wird: Sie würde bei jedem Menschen an einem anderen Punkt liegen. Fachgesellschaften empfehlen eine halbe Stunde Bewegung an möglichst vielen Tagen.

In Maßen trainieren

Wer das nicht schafft, sollte nicht resignieren: Schon einmal pro Woche joggen oder walken hat einen messbaren positiven Effekt. Besonders lange Trainingszeiten oder außergewöhnlich intensive Anstrengung schaden vielleicht nicht, nutzen aber ab einem bestimmten Ausmaß der Gesundheit nicht mehr. "Das Training für einen Marathonlauf ist sehr gesund", sagt Predel, "der Lauf selbst bestenfalls nicht schädlich."

Die Menge macht das Gift

Ob es beim Sport auch ein Zuviel gibt, darü­ber sind die Bücher noch nicht ­­geschlossen.

Mit Sicherheit schädlich ist eine hohe Dosis, wenn sie auf ­eine entsprechende genetische Veranlagung trifft. Das kommt jedoch nur selten vor. Oder im Fall einer Grunderkrankung, zum Beispiel ­einer krankhaften Verdickung der Herzmuskulatur, die man bei ei­ner sportkardiologischen Untersuchung entdecken könnte.

Unbestritten ist auch, dass Extrem-Ausdauersportler später öfter an Vorhofflimmern leiden, der häufigsten Herzrhythmusstörung. Freilich deutet bislang nichts darauf hin, dass dieses Risiko auch für Menschen zutrifft, die beispielsweise dreimal die Woche joggen. Im Gegenteil, das Laufen schützt dann sogar vor Vorhofflimmern.

In der Summe überwiegt offenbar selbst bei besonders intensiv trainierenden Spitzensportlern die positive Seite bei Weitem. Messen lässt sich das am härtesten Kriterium: der Lebenserwartung.

Olympioniken leben länger

Die meisten Studien, die entsprechende Daten erhoben haben, liefern ein eindeutiges Ergebnis. So werden olympische Medaillengewinner im Durchschnitt fast drei Jahre älter als ansonsten vergleichbare Menschen, ermittelten britische Forscher anhand von 15 000 Teilnehmern, die seit der ersten Olympiade auf dem Siegertreppchen standen.

Und französische Teilnehmer des weltweit härtesten Radrennens, der Tour de France, gewinnen einer Analyse ­zufolge sogar mehr als sechs Jahre zusätzliche Lebenszeit – allen eventuellen Dopingpraktiken zum Trotz.

Vorsorge für Athleten

Ob eine kardiologische Untersuchung nötig ist, hängt ab von der
Trainingsintensität, dem Alter und Vorerkrankungen.

 

  • Deutsche Olympioniken und Fußballprofis der Ersten und Zweiten Liga sind zu einem EKG in Ruhe und unter Belastung, einer Ultraschall-Unter­suchung und der Analyse von Blutwerten verpflichtet.
  • Diese Maßnahmen empfehlen Experten auch jenen Sportlern, die im ­­mittleren Alter noch intensiv trainieren. Bei unklaren Befunden raten sie zu einer Abklärung mit weiteren Untersuchungen.
  • Besonders eindringlich gilt die Empfehlung für jene, die in mittleren Jahren neu oder wieder mit Sport beginnen. Noch wichtiger ist ein Arztbesuch für jene Einsteiger, die beispielsweise an einer koronaren Herzkrankheit, ­­Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhten Blutfettwerten leiden.
  • Bei jüngeren Sportlern ohne Vorerkrankung oder Beschwerden ist zumindest ein Ruhe-EKG angebracht – und bei auffälligen Befunden eine weitergehende Untersuchung.
  • Rein vorsorgliche Untersuchungen müssen die Patienten meist selbst bezahlen, einige Krankenkassen übernehmen einen Teil. Die Investition könnte sich aber lohnen.