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Was bewirkt Faszientraining?

Faszien im Fokus: Die Arbeit am Bindegewebe löst angeblich Verspannungen und beseitigt Schmerzen. Stimmt das wirklich?

von Monika Holthoff-Stenger, 20.01.2020
Frau beim Faszientraining mit einer Faszienrolle

Die entscheidende Rolle: Faszientraining wird vor allem mit Sportgeräten aus Hartgummi durchgeführt


Das Wort klingt einfach gut: Faszientraining. Modern hört es sich an, ein wenig technisch, vor allem aber wissenschaftlich. Bis vor wenigen Jahren kannte kaum jemand den Trendbegriff Faszien. Mittlerweile ist daraus eine Industrie entstanden, mit der sich viel Geld verdienen lässt.

Faszienkurse im Fitnessstudio

Jedes Fitnessstudio, das etwas auf sich hält, bietet entsprechende Kurse an oder stellt zumindest Geräte bereit. Längst sind die Rollen und Bälle auch im Supermarkt zu haben. Physiotherapeuten massieren das fasziale Gewebe, Bücher und DVDs wollen über das Thema aufklären.

Kursanbieter und Rollenhersteller versprechen: Wer die Faszien trainiert, trainiert den ganzen Körper. Bestimmte Druck-, Dehn- und Sprungübungen sollen das Gewebe geschmeidig machen – für mehr Beweglichkeit, gegen Rückenschmerzen und Verspannungen. Sportler sollen damit sogar ihre Leistung steigern. Doch treten diese Effekte in der Tat ein?

Körpereigene Stoßdämpfer

Faszien sind keine neu entdeckte Struktur im Körper. Neu ist lediglich die Bezeichnung. Bis vor wenigen Jahren zählte man sie einfach zum Binde­­gewebe. Die genaue Definition ist unter Forschern bis jetzt umstritten.

Die internationale Fascia Research Society beschreibt die weiße, wenige Millimeter dicke Substanz sehr allgemein als "Hülle, Schicht oder eine andere zerlegbare Ansammlung von Bindegewebe, die sich unter der Haut bildet, um Muskeln und andere innere Organe zu befestigen, einzuschließen und zu trennen" (siehe Grafiken).

Faszien geben dem Körper Halt und Stabilität. Sie dienen außerdem als eine Art Stoßdämpfer, indem sie Muskeln und Organe bei abrupten Bewegungen und Sprüngen stützen.

Unterschätztes "Orangennetz"

Bis vor wenigen Jahren hat die Wissenschaft dem vermeintlichen Füllmaterial kaum Beachtung geschenkt. Erst seit Kurzem ist es überhaupt möglich, Faszien im Ultraschall darzustellen und Aussagen über Dicke, Beweglichkeit, Festigkeit, Elastizität und Wassergehalt zu treffen.

Heute weiß man: Faszien speichern ein Viertel des Körperwassers, sie versorgen Zellen und Organe mit Nahrung und enthalten selbst Abwehr- und Lymphzellen. In dem Gewebe sitzen zudem viele Schmerz- und andere Rezep­toren, die Signale direkt ans Gehirn senden.

"In gesunden Faszien sind Kollagenfasern scherengitterartig angeordnet, ähnlich einem Orangennetz", erklärt Professor Werner Klingler, Faszienforscher an der Universität Ulm. Dadurch sind sie reißfest und elastisch zugleich, wiegen aber dennoch selbst fast nichts. Muskelkontraktionen und mechanische Kraftübertragung laufen reibungslos ab.

Mit Bewegung Rückenschmerzen vorbeugen

Bei älteren, verletzten oder untrainierten Personen kann das verloren gehen. Weil der Austausch von Gewebeflüssigkeit stockt, werden Abfallprodukte wie Entzündungsbotenstoffe oder Milchsäure nicht ausreichend abgebaut. Die Kollagenfasern im Bindegewebe wuchern aus und bilden ein Gewirr, das unter dem Mikro­skop an ein verknotetes Wollknäuel erinnert. Oft wird von verklebten Faszien gesprochen.

Das Netzwerk für Beweglichkeit und Kraft

Faszien verleihen dem Körper Halt und leiten Schmerzreize ans Gehirn weiter. Um elastisch zu bleiben, benötigen sie Bewegung

Besonders häufig trifft es die große Lumbalfaszie, die den Rücken diagonal umspannt. "Infolge falscher Belastungen verhärten Lumbalfaszie und Rückenmuskeln. Schmerzrezeptoren im Bindegewebe melden die Veränderung ans Gehirn. Patienten berichten dann oft über quälende Schmerzen", so Klingler. Wer sich regelmäßig bewegt, kann solchen Verspannungen vorbeugen und verhärtetes Gewebe lockern.

Spezielle Sportgeräte nicht unbedingt nötig

Faszienübungen sind speziell darauf ausgerichtet, das Bindegewebe zu aktivieren. Doch der Trainingstrend birgt einige Fallstricke, weiß Dr. Jan Wilke, der am Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt zum Thema Faszien forscht: "Momentan gibt es noch zu wenige gesicherte Studien darüber, wie sich das Training tatsächlich auswirkt."

Viele Hersteller verkaufen speziell auf Faszien ausgerichtete Sportgeräte. Dabei ist es unmöglich, das Gewebe isoliert zu trainieren: "Wann immer ich mich bewege, trainiere ich Muskel und Faszien zusammen", sagt Wilke.

Deshalb sei fast jede Art von Sport auch gut für die Faszien: "Vor allem leicht federnde bis explosiv-dynamische Bewegungen wie Hüpfen, Springen und Schwingen sind Reize, die Faszien stimulieren."

Auch das Training mit der bekannten Hartschaumrolle könne das Binde­gewebe positiv beeinflussen. Wer sich etwa auf die ­Rolle setzt und darauf hin und her gleitet, trainiert den Gesäßbereich.

Sich Tipps beim Physiotherapeuten oder Faszientrainer holen

Die genauen Effekte sind aber bisher nicht ausreichend untersucht. In einzelnen Studien konnten Probanden ihre Beweglichkeit steigern, nicht aber ihre sportliche Leistungsfähigkeit generell.

Mitunter kann die Selbstmassage auch schaden. So zeigt sich im Ultraschall, dass während des Ausrollens der Wade der komplette venöse Rückfluss unterbrochen ist. Es wird also kein Blut vom Bein in die obere Körperhälfte transportiert.

Ob dabei sogar die Venenklappen geschädigt werden, muss noch erforscht werden. Um Fehler zu vermeiden, sollten Anfänger sich von einem Physiotherapeuten oder Faszien­trainer anleiten lassen.

Mann dehnt sich nach dem Joggen

Alternativen zur Selbstmassage

Doch die Selbstmassage ist ohnehin nur eine von vier Säulen des Faszientrainings. Genauso wichtig sind streckende Dehnungen, federnde Bewegungen und die Körperwahrnehmung. Was bei Dehn- oder Hüpfübungen im Bindegewebe geschieht, hat Werner Klingler im Labor untersucht.

"Altes Gewebewasser wird abtransportiert, frische Flüssigkeit fließt nach, die Faszien sind wasserreicher als vorher", berichtet der Wissenschaftler. Nährstoffaustausch und Bewegungswärme machen sie gleitfähiger und ­­beweglicher, so Klinglers Hypothese.

Ausdauer, Muskulatur und Koordination trainieren

Die Körperwahrnehmung schult, wer zum Beispiel im Sitzen gezielt einzelne Abschnitte der Wirbelsäule an ­die Rückenlehne schmiegt. Oder wer die Schnürsenkel mit hochgehobenem Bein zubindet. Das trainiere die Kommunikation zwischen Faszien und Gehirn – und damit die Fähigkeit, Kraft und Richtung von Bewegungen optimal auszuführen.

Ob gezielte zusätzliche Faszienübungen tatsächlich sinnvoll sind? Um das zu beantworten, bedarf es weiterer wissenschaftlicher Arbeiten. Einstweilen gilt: Wer regelmäßig Ausdauer, Muskulatur und Koordination trainiert, stimuliert fast immer auch die Faszien.