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Sport mit Strom: Muckis aus der Steckdose

Muskelaufbau durch Stromimpulse – der Sporttrend hat sich durchgesetzt. Hält er, was er verspricht? Oder überwiegen die Risiken?

von Larissa Gaub, 10.03.2020
Elektrische Muskelstimulation und Gewichte heben

EMS-Training wird immer beliebter. Muskeln bauen sich dabei durch Stromimpulse auf


Sich einmal pro Woche in einen hautengen Anzug zwängen, mit Elektroden verkabeln und immer wieder Strom durch den Körper jagen lassen. Klingt brutal, machen viele Leute aber freiwillig. Ihr Ziel: in kurzer Zeit fit, schlank und stark werden. Im Jahr 2017 versuchten knapp 190 000 Menschen in Deutschland, mit der EMS-Methode (Elektromyostimulation oder auch elektrische Muskelstimulation genannt) ihren Körper zu stählen. Zumindest waren sie in einem der gläsernern Studios, die seit ein paar Jahren in vielen Großstädten aufpoppen, als Mitglieder angemeldet. Statt für die Strandfigur ständig Hanteln zu stemmen, einfach 20 Minuten stromsporteln: Funktioniert das

Muskeln unter Strom setzen

"Im Hochleistungssport nutzen wir das EMS-Training schon seit zehn Jahren", erklärt Dr. Heinz Kleinöder, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Abteilung Kraftdiagnostik und Bewegungsforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Urspünglich kommt die Methode aus der Physiotherapie. "Besonders nach Verletzungen oder Operationen sollen die Stromstöße dem Muskelschwund entgegenwirken oder ihm vorbeugen", erklärt Frank-Peter Bossert, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Elektrotherapie vom Deutschen Verband für Physiotherapie.

Das Prinzip der Methode ist einfach: Wenn wir Sport treiben, leiten unsere Nerven Impulse an die Muskeln weiter, die sich daraufhin zusammenziehen. Und Muckis wachsen, je öfter sie gebraucht werden. Beim EMS-­Training leiten Elektroden, die in Funktionskleidung eingearbeitet sind, außerdem Strom an die Muskeln. Während man also verkabelt Kniebeugen oder Sit-ups macht, werden die verschiedenen Muskelgruppen an Beinen, Bauch oder Rücken zusätzlich zum Nervenimpuls durch einen elektrischen Reiz stimuliert. Pro Sekunde werden sie so etwa 85 Mal zum Kontrahieren gebracht – ohne Strom könnte man das nicht erreichen.

Elektrische Muskelstimulation

Besser langsam angehen lassen

Damit der Strom besser zu den Muskeln gelangt, wird der Trainings­anzug vorher oft leicht befeuchtet. "Bei der Reizstromtherapie kommen meist 24 Volt zum Einsatz", erklärt Bossert. "Zum Vergleich: Eine Nervenzelle arbeitet mit 70 bis 80 Millivolt." Wer mit dem Stromtraining beginnt, sollte es darum langsam angehen lassen. "Man sollte erst einmal lernen, mit dem Reiz umzugehen", empfiehlt Sportwissenschaftler Kleinöder. "Damit man sich nicht beim ersten Mal gleich völlig überschätzt."

Nach und nach könne man dann langsam die Intensität steigern. Anfangs ist es ungewohnt, wenn mit einer Übung durch den Strom mehr  Muskelgruppen aktiviert werden als bei herkömmlichen Bewegungen. Selbst einfache Übungen wie Kniebeugen fühlen sich dann plötzlich deutlich anstrengender an. "Zudem ist wichtig, nicht gleich alle Muskeln zu stimulieren, sondern schrittweise anzufangen, zum Beispiel erstmal mit Bauch und Rücken", sagt Kleinöder.

Trainings-Regeln
• Wer unter Strom trainieren möchte, sollte sich einen geeigneten Trainer suchen und langsam beginnen.
• Nach jeder Trainingseinheit vier Tage Pause einlegen.
• Wer sich unwohl fühlt oder unter Schmerzen leidet, sollte einen Arzt aufsuchen.
• Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzschrittmachern oder Epilepsie sollten ganz auf EMS-Training verzichten.
• Wer sich krank fühlt oder unter einem Infekt leidet, sollte ebenfalls nicht mit Strom trainieren. Dann sind allerdings auch andere Sportarten tabu. Denn es gilt: erstmal auskurieren.
• Der Bundesverband Gesundheitsstudios Deutschland hat in Zusammen­arbeit mit Universitäten Leitlinien für ein sicheres EMS-Training veröffentlicht.

Strom als Motivator

Der Sportwissenschaftler ist der Meinung, dass sich das EMS-Training sogar als Einstiegssportart für echte Couchpotatoes eigne. "Viele lernen ihren Körper durch das Training besser kennen und bekommen dann Lust auf mehr Sport," so Kleinöder. Er betont aber wie wichtig es ist, einen erfahrenen und gut geschulten Trainer an der Seite zu haben, der das Training auf den Zustand des Kunden abstimmt.

Dazu rät auch die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung. Denn das Training könne schnell dazu verleiten, sich zu übernehmen. Unwissendes Personal wie auch die Trainierenden seien oft damit überfordert, die Belastung richtig einzuschätzen. Das Problem: Wer zu stark unter Strom trainiert, erhöht die Produktion des Enzyms Creatin-Kinase, welches auch beim herkömmlichen Sport ausgeschüttet wird. Das Enzym unterstützt Muskeln bei der Energieversorgung. Schießen die Werte in die Höhe, kann das möglicherweise zu Nierenschädigungen führen.

Elektrische Muskelstimulation

In Maßen ist das Training sinnvoll

In einer aktuellen Übersichtsarbeit von insgesamt 23 Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit des EMS-­Trainings, die im Fachblatt Frontiers in Physiology veröffentlich wurde, stellten Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg, der Technischen Hochschule Kaiserlautern und der Deutschen Sporthochschule Köln fest, dass das Training unter Strom Muskelmasse aufbaue, die Fettmasse reduziere und dabei nicht mit besonderen Risiken verbunden sei. Kleinöder fügt hinzu: "Wird der Reiz vernünftig angewendet, ist das Training sicher." Auch Bossert sieht das so: "Sofern die Muskulatur gesund innerviert ist, also keine Nervenschädigungen und auch sonst keine Vorerkrankungen vorliegen, ist EMS für jeden geeignet."


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