Spondylolisthesis (Wirbelgleiten)

Beim Wirbelgleiten sind die Wirbelkörper im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule gegeneinander verschoben. Häufig ist eine Überbeanspruchung im Rahmen bestimmter Sportarten die Ursache
von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 05.02.2014

Manche Leistungssportarten können Wirbelgleiten begünstigen

F1online/Fancy

Ein Überstrecken des Oberkörpers, also eine Knickbewegung nach hinten (medizinisch: Hyperlordosierung) belastet die Wirbelsäule. Wiederholte starke Überstreckungsbewegungen können mit der Zeit die Struktur bestimmter Wirbel und Zwischenwirbelgelenke verändern – und so auf lange Sicht zum Wirbelgleiten führen.

Gefährdet sind vor allem Kinder und Jugendliche, die Leistungssport in Disziplinen wie Geräteturnen, Trampolinspringen oder Leichtathletik (Stabhochsprung, Wurfdisziplinen) betreiben.

Lendenwirbel von oben: Wirbelkörper (1), Wirbelkanal (2), Querfortsätze (3), Gelenkflächen der Wirbelgelenke (4), Dornfortsatz (5)

W&B/Martina Ibelherr

Wie kommt es zu einem Wirbelgleiten?

Am Anfang stehen Veränderungen an den Zwischenwirbelgelenken. Sie sitzen an den Wirbelbögen (siehe Grafik, Gelenkflächen sind blau eingefärbt). Eine übermäßige Belastung kann allmählich den Knochen zwischen diesen Wirbelgelenken mürbe machen.

Schließlich bildet sich ein Spalt im knöchernen Wirbelbogen. Der Fachausdruck für diese Spaltbildung lautet Spondylolyse. Solche Veränderungen enstehen meistens am untersten, also am fünften Lendenwirbel.

Bei etwa der Hälfte der Betroffenen mit einer Spaltbildung verschieben sich die betroffenen Wirbelkörper im Laufe der Zeit gegeneinander. Der obere Wirbelkörper wandert auf dem unteren nach vorne, also Richtung Bauch.

Auf diesem Röntgenbild der Wirbelsäule (orange eingefärbt) ist das Wirbelgleiten deutlich zu sehen: Der unterste Lendenwirbel ist nach vorne verrutscht

Getty Images/Creative

Verschiedene Begleitfaktoren können dabei eine Rolle spielen: Dazu gehören die Form des unteren Wirbels, Veränderungen an der zugehörigen Bandscheibe, die Form des oberen Wirbels (also des Gleitwirbels) sowie genetische Faktoren.

Deutlich seltener sind Verletzungen, Entzündungen oder Tumoren Ursache eines Wirbelgleitens. Degenerative Prozesse, das heißt schwere Abnutzungserscheinungen der Bandscheiben, können auch ohne eine Spaltbildung der Wirbelbögen zu Gleitphänomenen führen (Peudospondylolisthesis). Betroffen sind dann meist ältere Menschen.

Welche Symptome treten bei einem Wirbelgleiten auf?

Eine Spaltbildung (Spondylolyse) läuft häufig ohne Beschwerden ab oder allenfalls mit uncharakteristischen Kreuzschmerzen. Erst mit dem beginnenden Gleitprozess kann es am Ort des Gleitwirbels zu Schmerzen bei Bewegung kommen.

Bei höhergradigen Gleitprozessen sind eventuell die Nervenwurzeln mit beteiligt. Symptome sind dann zum Beispiel in die Beine ausstrahlende Schmerzen bis hin zu neurologischen Ausfällen wie Gefühlsstörungen oder Lähmungen.

Wie stellt der Arzt die Diagnose Wirbelgleiten?

Der Arzt erkundigt sich nach der Krankengeschichte und möglichen Beschwerden. Dann folgt eine körperliche Untersuchung. Bei schlanken Patienten liefert sie eventuell schon Hinweise auf die Diagnose: Charakteristisch ist eine äußerlich erkennbare Stufe an der Wirbelsäule, das sogenannte Sprungschanzenphänomen.

Das genaue Ausmaß des Wirbelgleitens erkennt der Arzt anhand von Röntgenaufnahmen. Er beurteilt Aufnahmen im Stand und in maximaler Vorbeugung (Flexion) und Überstreckung (Extention). Auf Schrägaufnahmen kann er Veränderungen der Wirbelbögen besonders gut erkennen.

Es gibt vier Schweregrade des Gleitens. Die Deckplatte des unteren Wirbelkörpers wird geviertelt und als Maßstab für die Gradeinteilung verwendet. Es ergibt sich folgende Gradeinteilung:

  • Grad 1: Der obere Wirbelkörper bedeckt mindestens drei Viertel der Deckplatte des unteren Wirbelkörpers.

  • Grad 2: Der obere Wirbelkörper bedeckt mindestens die Hälfte aber weniger als drei Viertel der Deckplatte des unteren Wirbelkörpers.

  • Grad 3: Der obere Wirbelkörper bedeckt mindestens ein Viertel aber weniger als die Hälfte der Deckplatte des unteren Wirbelkörpers.

  • Grad 4: der obere Wirbelkörper bedeckt weniger als ein Viertel der Deckplatte des unteren Wirbelkörpers

Bei Symptomen, die auf eine Beteiligung der Nervenwurzeln hindeuten, ist zusätzlich eine Magnetresonanztomografie (MRT) angezeigt.

Besonders bei Jugendlichen während der Pubertät, also in der Zeit des stärksten Wachstums, ist es wichtig, bei Rückenschmerzen ein Wirbelgleiten auszuschließen. In dieser Phase können sich bereits vorbestehende Schäden des Stütz- und Bewegungsapparates verschlechtern.

Wie sieht die Behandlung eines Wirbelgleitens aus?

Eine konservative Therapie der Beschwerden, also eine Behandlung ohne Operation, ist in der Regel bei Jugendlichen mit einer Spaltbildung (Spondylolyse) oder einem höchstens zweitgradigen Wirbelgleiten (Spondylolisthesis) möglich. Der Betroffene sollte Sportarten mit häufiger Überstreckung der Wirbelsäule auf jeden Fall pausieren. Wichtigstes Behandlungsverfahren ist eine Krankengymnastik. Sie hilft, die Wirbelsäule durch das Training bestimmter Muskelgruppen zu stabilisieren.

Bei einer frischen Spondylolyse ist es manchmal auch sinnvoll, die Wirbelsäule vorübergehend in einem Korsett ruhigzustellen. In gewissen Zeitabständen sollten Röntgenkontrollen stattfinden. Bei Symptomen einer Nervenwurzelbeteiligung kann der Arzt entzündungshemmende Medikamente empfehlen, eventuell hilft auch eine Spritzenbehandlung (periradikuläre Injektionen).

In verschiedenen Situationen ist auch eine Operation nötig. Beispiele sind bleibende Beschwerden trotz konservativer Behandlung, ein Fortschreiten des Gleitprozesses im Wachstumsalter und motorische Ausfälle, also Lähmungserscheinungen. Die Operationsmethode ist vom Ausmaß der Veränderung und den Beschwerden des Betroffenen abhängig. Die Verfahren reichen von einer Verschraubung des betroffenen Wirbelbogens bis hin zu einer operativen Verbindung der Wirbelkörper.

Der Arzt berät dazu, welche Therapieverfahren im individuellen Fall möglich und angemessen sind und welche Vor- und Nachteile sie haben können.

Bedeutet Wirbelgleiten ein Sportverbot?

Inwieweit kann der Lieblingssport bei einer Wirbelsäulenveränderung wieder ausgeübt werden? Zu dieser Frage sollten sich Betroffene und ihre Trainer intensiv sportorthopädisch beraten lassen. Gemeinsam mit dem Arzt sollten sie klären, in welchem Umfang bestimmte Übungen erlaubt sind. Manchmal helfen schon Sicherungsmaßnahmen oder koordinierende Vorübungen, Dehnungs- oder Kräftigungsprogramme. Ein generelles Sportverbot ist meist nicht nötig. Allerdings ist in vielen Fällen ein Wechsel zu anderen, die Wirbelsäule weniger belastenden Sportarten zu empfehlen.

Dr. med. Michael Peters

W&B/Privat

Beratender Experte: Dr. med. Michael Peters, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportmedizin, Ärztlicher Leiter der Sportorthopädie und Sporttraumatologie der Klinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Freiburg

Quellen:

Grifka J, Engelhardt M, Krüger-Franke M (Hrsg.): Praxiswissen Halte- und Bewegungsorgane, Sportverletzungen – Sportschäden

Grifka J, Kuster M (Hrsg.): Orthopädie und Unfallchirurgie, Berlin Heidelberg Springer-Verlag 2011


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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