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Wohnen für Hilfe: Eine Win-Win-Situation

Zusammen leben – Beim Projekt "Wohnen für Hilfe" unterstützen Studenten Menschen, die Hilfe brauchen, und wohnen dafür günstiger

von Bianca Leppert, 11.12.2019

Natalies Zeit im Seniorenheim hat ihren Blick aufs Altern geändert (Tippen Sie auf den "Play"-Button, um sich den gesamten Artikel vorlesen zu lassen)


Manchmal sitzen Pascal und Valentin auf dem Sofa im Wohnzimmer und schauen Fußball. Pascal ist Fan von Borussia Dortmund, Valentin vom SC Freiburg. "Ich könnte Valentin mitten in der Nacht aufwecken und fragen, wie es in der Tabelle aussieht, er hätte immer die Antwort", sagt Pascal, der an der Universität Freiburg Slawische Philologie studiert. Die WG der beiden könnte eine wie jede andere sein. Ist sie aber nicht. Valentin ist geistig behindert und braucht im Alltag die Unterstützung von Pascal. Sie kochen gemeinsam, Pascal erinnert ihn daran, mal wieder zu putzen, oder hilft ihm bei der Wäsche. "Valentin lebt sehr im Moment, im Hier und Jetzt. Das ist durch seine Behinderung bedingt. Manchmal wünsche ich mir, mir würde das auch nur annähernd mal gelingen." Rund 17 Stunden pro Monat widmet der 34-Jährige seinem Mitbewohner. Dafür zahlt er eine vergünstigte Miete für sein Zimmer in der Wohnung in Emmendingen nahe Freiburg, in der sich die beiden Küche und Wohnzimmer teilen.

Projekt “Wohnen für Hilfe": Pascal und Valentin wohnen zusammen

Inklusive WGs, also Wohngemeinschaften von Studierenden und Menschen mit Handicap, sind ein Teil des Programms "Wohnen für Hilfe" des Freiburger Studierendenwerks. Seit 2002 vermittelt man dort Studierende, die keinen Wohnheimplatz bekommen, kein Privatzimmer finden oder vergünstigten Wohnraum suchen, an passende Wohnpartner. Neben den inklusiven WGs sind das Seniorenheime oder Privatleute, die Unterstützung brauchen. Die Miete berechnet sich nach individuellen Vereinbarungen.

Die Idee: Menschen ergänzen einander

"Wohnen für Hilfe" gründet sich auf einen Idee von Anne-Lotte Kreickemeier, ehemals Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Darmstadt. Sie entstand schon Anfang der 1990er-Jahre. Inzwischen gibt es das Projekt in vielen Städten in ganz Deutschland. "Grundgedanke von ‚Wohnen für Hilfe‘ ist, dass Menschen aus unterschiedlichen Bereichen Bedürfnisse und Ressourcen haben, die einander ergänzen", erläutert sie.

Am Studierendenwerk Freiburg sammelt Nicole Krauße die Wohnraum-Angebote, klärt ab, welche Bedürfnisse und Wünsche an die potenziellen WG-Partner gestellt werden, und vermittelt die entsprechenden Studenten.  Rund 1000 Partnerschaften sind bereits entstanden. "Das Wichtigste bei der Vermittlung ist das persönliche Gespräch", sagt sie. "Wir versuchen, die Erwartungen beider Seiten so präzise wie möglich zu erfassen, die Rahmen­bedingungen zu klären und Absprachen zu treffen. Aber letzten Endes muss einfach die Chemie stimmen." Mietkosten zu reduzieren, kann nicht das einzige Ziel sein. Oft äußern die Studierenden den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun. Offenheit und Engagement sind Voraussetzung.

Studierendenwerk Freiburg: Nicole Krauße bei der Beratung

Es geht um Leben und Tod

Die 21-jährige Natalie studiert Gesang sowie Musik und Sport auf Lehramt. Eine Zeit lang lebte sie mit vier anderen Studenten mitten unter Senioren im Carl-Mez-Haus des Evangelischen Stifts in Freiburg. Gemeinsam organisierten sie Weihnachtsfeiern, bei denen sie mit den älteren Mitbewohnern Plätzchen gebacken haben. Leseabende, an denen die Senioren passend zu Büchern aus dem 20. Jahrhundert erzählen konnten, was sie erlebt haben. Aber auch Diskussionen zu ernsteren Themen wie "Leben und Tod" leiteten die Studenten an. "Man beschäftigte sich mit Dingen, über die man sonst in unserem Alter vielleicht nicht nachdenken würde", sagt Natalie: "Wie man selbst im Alter wohnen will oder was Krankheiten mit einem machen. Man wird sensibler, und ich verstehe meine Oma nun viel besser." Expertin Kreickemeier weiß: "Durch ständigen Kontakt zu jungen Menschen bleiben ältere Menschen aktiver, werden wieder ‚jünger‘. Es entwickeln sich Achtung, Einfühlungsvermögen und Verständnis zwischen den Generationen." Und was war mit Partys? "Die Wände sind dort glücklicherweise gut isoliert. Wenn wir feierten und etwas trinken wollten, gingen wir aber meist in eine Bar", sagt Natalie.

Beide Seiten profitieren

Die Mieter bekommen eine preiswerte und sichere Unterkunft, haben Gesellschaft, wenn weder Familie noch Freunde am neuen Wohnort leben und bekommen je nachdem Hilfe beim Lernen oder Sprechen einer fremden Sprache und beim Verstehen einer anderen Kultur.

Rebecca kennt die Seite derjenigen, die Hilfe in Anspruch nehmen. Die 41-Jährige ist alleinerziehend und entdeckte das Angebot von "Wohnen für Hilfe" in Freiburg über das Internet. Nach der Trennung von ihrem Mann hatte sie ein Zimmer in ihrer Wohnung frei und suchte jemanden, der sie mit ihren beiden Kinder sowie dem Haushalt unterstützt. "Und jemanden, mit dem man zwischendurch mal quatschen kann", sagt sie.

Mit Yazmin, die ursprünglich aus Mexiko kommt und in Freiburg Anglistik studiert, verbindet Rebecca mittlerweile eine Freundschaft. Trotzdem war es zu Beginn nicht einfach, einen Fremden in den Familienalltag zu integrieren. "Es war komisch, jemanden so sehr an seiner Privatsphäre teilhaben zu lassen. Jeder musste erst mal seine Rolle finden", erinnert sich Rebecca. Die Familie und die Studentin haben unterschiedliche Rhythmen. Yazmin isst zum Beispiel zu anderen Zeiten und geht sehr früh ins Bett. "Man muss regelmäßig im Austausch bleiben und sich auf den anderen einlassen, damit das Zusammenleben funktioniert."

Inzwischen klappt das bei Rebecca und Yazmin ganz gut. Seit die Mexikanerin in einer Band singt, finden die Proben jeden Samstag bei der Familie zu Hause statt. Dann kommen Freunde vorbei, es wird mexikanisches Essen gekocht und ganz viel gemeinsam gelacht.

Ein deutschlandweites Projekt

Insgesamt 20 Studentenwerke beteiligen sich derzeit bundesweit an "Wohnen für Hilfe"-Projekten. Darüber hinaus gibt es inzwischen auch Programme, die bei öffentlichen Trägern oder Wohlfahrtsverbänden angesiedelt sind und zum Teil auch für nichtstudierende Wohnraumsuchende offen sind.

Es finden sich Wohngemeinschaften mit Senioren, Familien, Alleinerziehenden und Menschen mit Behinderung.

Als Faustregel gilt: Pro Quadratmeter bezogenem Wohnraum leisten die Studenten eine Stunde Hilfe pro Monat. Wer zum Beispiel in einem 15-Quadratmeter großen Zimmer 15 Stunden monatlich mithilft, zahlt nur noch die Nebenkosten. Wer auf 20 Quadratmetern lebt, kann aber auch nur zehn Hilfestunden pro Monat leisten und zahlt dann nur noch die Hälfte der normalen Kaltmiete.

Wie die Hilfe aussieht, besprechen die Beteiligten individuell: Rasen mähen, einkaufen gehen, auf die Kinder aufpassen oder kochen. Ausgenommen sind pflegerische oder medizinische Dienste.