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Traumjob? Eine Apothekerin erzählt

Daniela W. ist seit zwei Jahren Inhaberin einer Apotheke in Bocholt. Hier erzählt sie, warum sie ihre Kunden als beste Freunde betrachtet und selbst ein Nasenspray mitunter ausführlicher Beratung bedarf

von Julia Rudorf, 26.02.2019
Daniela Wandenelis

"Genau zuhören und sich Zeit lassen - das schafft Vertrauen." Daniela W. im Beratungsgespräch mit einer Patienten. Im Interview erzählt sie von ihrem Beruf als selbstständige Apothekerin


Als ich die Apotheke übernommen habe, gab es natürlich auch Kunden, die gedacht haben, ich sei die Tochter vom Chef. Hätte ja irgendwie gepasst: Die junge Apothekerin, die irgendwann die Apotheke der Eltern übernimmt. Das habe ich dann schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Denn dass ich heute Apotheken-Inhaberin bin, hat mit meiner Familie wirklich nichts zu tun. Meine Eltern sind beide Ingenieure. Als Kind hat mir Mathematik Spaß gemacht, Naturwissenschaften und Anatomie haben mich interessiert. Mein Traumberuf war Ärztin.

Strukturformel, Moleküle, Reaktionen

Nach dem Abitur fand ich Medizin zwar immer noch gut. Aber Pharmazie hat das Rennen gemacht. Das hatte auch mit dem Fach Chemie zu tun. Strukturformeln, Moleküle, Reaktionen – ich konnte das immer leicht fassen. Das war gut, denn an der Freien Universität in Berlin, wo ich studierte, ging es stark in die Forschungsrichtung.

Ein Thema, das erst während meines Studiums aufkam, war die Klinische Pharmazie. Ich war in einem der ersten Seminare dazu und konnte auch an der Charité eine Art Praktikum machen. Da haben wir viel gelernt über die Sicherheit in der Arzneimitteltherapie, etwa über Neben- und Wechselwirkungen bei Chemotherapien. Vermutlich ist das ein Grund, warum mir dieser Bereich bis heute so am Herzen liegt.

Der Weg zur eigenen Apotheke

Als ich vor einigen Jahren hier in der Apotheke in Bocholt anfing zu arbeiten, hatte ich über eine eigene Apotheke nicht konkret nachgedacht. Ich war angestellt. Aber ich bekam schon bald ziemlich viel Verantwortung übertragen – vor allem, was die Dokumentationen und die Organisation anging. Als die Inhaber dann irgendwann einmal anfingen, mit mir über das Thema einer möglichen Übernahme zu sprechen, da wusste ich also schon ein wenig, was alles auf mich zukommen würde. Und hatte Zeit, mir klar zu werden, ob ich das möchte.

Eine Apotheke zu übernehmen ist heute nicht ohne Risiko. Auch finan­ziell. Man weiß ja, wie viele Apotheken jedes Jahr schließen und wie wenige neu aufmachen. Wie etliche andere Apotheker habe ich die Entwicklung und die gesundheitspolitischen Entscheidungen mitverfolgt. Ich habe mir das alles durch den Kopf gehen lassen, bevor ich dann doch den Schritt in die eigene Apotheke gegangen bin.

Intimes durch Scheiben besprechen

Als Inhaberin habe ich jetzt eigentlich nicht mehr schlaflose Nächte als vorher. Ausgenommen dann, wenn ich mal einen 24-Stunden-Notdienst mache. Das kommt vor. Eine Mitarbeiterin ist kürzlich krank geworden, dann stemmt man das auch mal alleine.

Die Notdienste vor Ort finde ich wichtig. Neulich war Bocholter Kirmes, das ist bei uns ein großes Volksfest. Mitten in der Nacht hatte ich dann zwei Beratungsgespräche zur "Pille danach". Auch wenn es etwas merkwürdig klingt: So was Intimes durch eine Scheibe hindurch zu besprechen, das geht. Meist kommen echte Notfälle, oft Eltern mit kleinen Kindern, die ein Antibiotikum benötigen. Dass jemand am Nachtschalter Babywindeln möchte oder etwas gegen brüchige Nägel, das gibt es vermutlich in der Großstadt häufiger, in Bocholt ist das eher selten.

Daniela W. (45) war als Apothekerin angestellt, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte

Spaß an der Arbeit

Manchmal hätte ich gerne mehr Zeit für die Kundenberatung. Stattdessen bin ich oft im Büro im Untergeschoss. Dort habe ich extra eine Deckenbeleuchtung ausgesucht, die aussieht wie ein Oberlicht. Mein Schreibtisch steht praktisch "unter freiem Himmel" mit ein paar Wolken. Vieles, was ich hier erledige, ist Dokumentation, zum Beispiel bei Betäubungsmitteln, da muss alles genau festgehalten werden. Aber auch Personalführung ist wichtig. Wir sind ein großes Team mit drei Apothekerinnen, 13 PTAs und PKAs und drei Fahrern, die Medikamente ausliefern.

Als Apothekenleiterin muss ich mir auch Gedanken machen, dass jeder sei­­nen Bereich findet und Spaß an der Arbeit hat. Eine unserer PTAs macht zum Beispiel sehr gern Beratung zu Apotheken-Kosmetik. Eine andere ist sehr engagiert, wenn es um knifflige Rezep­turen geht, also das Herstellen von Medikamenten. Aber vieles im Büro, das muss eben ich machen. Hilft nichts.

Apotheker im Job-Profil

Ausbildung: Voraussetzung ist ein erfolgreich abgeschlossenes Pharmaziestudium, das in der Regel vier Jahre dauert. Nach einem anschließenden praktischen Jahr kann die Berufszulassung  als Apotheker erteilt werden, die sogenannte Approbation.

Arbeitsplatz: Ende 2017 gab es in Deutschland mehr als 64 000 berufstätige Apotheker. Die meisten, circa 51 100, arbeiten in öffentlichen Apotheken. Die Mehrheit ist angestellt tätig, rund 15 200 sind als Apothekeninhaber selbstständig.

Damit ich die Apotheke trotzdem immer im Blick habe, hängt vor meinem Schreibtisch ein Monitor, der von dort Bilder überträgt. Wenn ich sehe, dass viele Kunden da sind – und das ist im Winter öfter der Fall –, dann lasse ich hier alles stehen und liegen und gehe rauf, in die Beratung.

Beratung statt Beipackzettel

Wir haben viele Kunden, die sich als Patienten in onkologischer Behandlung befinden. Häufig geht es bei uns daher auch um Probleme, die während oder nach einer Krebstherapie auftreten können. Nebenwirkungen der Chemotherapie etwa. Wenn die Mundschleimhaut stark geschädigt ist und das Schlucken schwerfällt oder Haut und Nägel speziell gepflegt werden müssen. Viele Patienten sind sehr dankbar, wenn man Hilfe und Rat geben kann.

Auch beim Thema Palliativmedizin. Viele Menschen denken, dass es da nur noch um Tod und Sterben geht. Dabei kann man mit palliativer Versorgung so viel an Lebensqualität dazugewinnen. Im Krankenhaus auf der Palliativ-Station durfte ich mal ein paar Tage hospitieren. Das hat mich sehr beeindruckt. Dort wird auf eine ganz besondere Weise auf die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen und ihrer Angehörigen eingegangen. Empathisch und würdevoll.

Ziemlich beste Freunde

Genau hinhören und sich Zeit nehmen, das steht für mich immer im Vordergrund. Das bringt viel, auch wenn es manchmal nur um Kleinigkeiten geht. Ich glaube, dass wir dadurch großes Vertrauen genießen. Bei unseren Teambesprechungen sage ich immer zu meinen Mitarbeitern: Wenn euch ein Kunde gegenübersteht, dann stellt euch vor, es ist euer bester Freund. Dann hat man eine ganz andere Basis für ein Beratungsgespräch.

Ich bin immer noch sehr überzeugt, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe. Die Menschen brauchen uns und die Apotheken. Und zwar dort, wo sie wohnen. Den persönlichen Kontakt kann man nicht ersetzen. Das beginnt selbst dann, wenn es nur um die Anwendung eines Nasensprays geht. Oder wissen Sie, dass ein Pa­tient mit einer Glaukom-Erkrankung vorsichtig sein muss, wenn er ein Nasenspray gegen seine Erkältung anwenden möchte? Diese wichtigen Informationen bekommt man meist erst in einem persönlichen Gespräch mit. Und nicht unbedingt aus dem Beipackzettel.

Ungehobenes Potential

Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Politik das auch so sieht. Dabei hätten Apotheker wirklich noch viel ungehobenes Potenzial. Zum Beispiel, wenn es um die Beratung zur Arzneimitteltherapiesicherheit geht. Für die Patienten könnte sich da noch Vieles verbessern. Aber bisher gibt es für die Beratungleistung weder einen rechtlichen Rahmen, noch eine Vergütung. Wir bieten es unseren Kunden trotzdem an, und wir tun es gern. Eigentlich müsste sich da aber dringend was ändern.