Soziale Ungerechtigkeit: Armut macht krank

Gesundheit und Lebensdauer hängen in Deutschland stark vom Einkommen ab. Arme leiden eher an Übergewicht und chronischen Krankheiten. Experten fordern Chancengleichheit - von Kindheit an

von Dr. Achim G. Schneider , 26.09.2018
Taschengeld

Wer wenig Geld zur Verfügung hat, ernährt sich häufiger ungesund und leidet eher an Übergewicht. Vor allem Kinder sind betroffen


Die Ungerechtigkeit beginnt schon vor der Geburt. 27 Prozent aller Mütter aus armen Verhältnissen rauchen in der Schwangerschaft. "Tabakgifte beeinträchtigen die Entwicklung der Organe. Das Herz-Kreislauf-System und die Atemwegsorgane bilden sich dadurch nicht gleichermaßen gut aus", erklärt Dr. Thomas Lampert, Leiter des Fachgebiets Soziale Determinanten der Gesundheit am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin.

Kindern aus sozial schwachen Familien wird damit ein erhöhtes Risiko, später eine Lungenerkrankung oder einen Herzinfarkt zu erleiden, quasi in die Wiege gelegt. Zum Vergleich: In einkommensstarken Schichten greifen nur zwei Prozent der werdenden Mütter zur Zigarette. Hat jemand wenig Geld, wirkt sich das auch ungünstig auf seine Gesundheit aus – zumindest statistisch ge­sehen. "Dieser Zustand hat sich in den letzten Jahrzehnten verfestigt oder sogar ausge­weitet", sagt Experte Lampert.

Sozialmedizinreport

Übergewicht und wenig Sport in ärmeren Schichten

Aktuell belegen das beispielsweise Daten des RKI zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ein Ergebnis: In der ärmsten sozialen Schicht hat jeder zehnte Sprössling starkes Übergewicht. Der Anteil ist damit viermal so hoch wie bei Familien, die über ein hohes Einkommen verfügen.

"Übergewicht ist eine Bürde, die Kinder oft mitschleppen bis ins Erwach­­senen­alter", so Lampert. Knochen, Motorik und Muskeln entwickeln sich schlechter, das Risiko für Diabetes und Herz-­Kreislauf-Erkrankungen steigt stark. Häufig leiden die Betroffenen unter Hänseleien.

Sehr viele von ihnen werden die überschüssigen Pfunde ihr Leben lang nicht wieder los. Wohl auch, weil Bewegung nicht ausreichend in ihrem Alltag integriert ist. "Kinder aus benachteiligten Familien machen weniger Sport", sagt Lampert. Sie lernten zum Beispiel seltener und später schwimmen. Eine Ursache sieht der Experte in der Vorbildfunktion der Eltern: "Wenn die Mutter und der Vater Sport treiben, wird das in die Freizeit- und Urlaubsgestaltung eingebaut." Doch auch hier zeigt die Statistik: Der Anteil der Erwachsenen, die sich regelmäßig bewegen, ist unter den Gutverdienern zuletzt gestiegen. In einkommensschwachen Schichten stagniert der Wert auf einem niedrigen Niveau.

Im Video sehen Sie die gesundheitlichen Unterschiede zwischen armen und wohlhabenden Kindern

Präventive Angebote in Kitas und an Schulen als Lösung?

Das größte Potenzial, um die ungerechten Startbedingungen auszumerzen, sehen Fachleute in Kindertagesstätten und vor allem in Schulen. "Das ist die größte Stellschraube. Dort verbringen Kinder die meiste Zeit, und es ist eine Institution, die alle gleicher­maßen erreicht", sagt beispielsweise Professor Claus Wendt, Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen. Seit vor drei Jahren das Präventionsgesetz in Kraft trat, sind auch die finanziellen Mittel für entsprechende gesundheitsfördernde Maßnahmen vorhanden.

Den Krankenkassen steht zusätzliches Geld zur Verfügung, um Kitas und Schulen zu unterstützen. Viele Einrichtungen haben ihre Verpflegung verbessert, Kochkurse eingeführt, Bewegungsangebote geschaffen, gesundheitliche Aspekte in den Unterricht eingebaut. Aber nicht alle Experten glauben, dass sich das eignet, um sozial schwache Familien wirklich zu erreichen.

Prävention erreicht die sozial Schwachen am wenigsten

Thomas Altgeld vom Vorstand der Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung sieht das Agieren der Krankenkassen kritisch: "Viele Aktivitäten in Kitas und Schulen sind kaum nachhaltig, sondern bislang vor allem marketing-orientiert mit dem Ziel, junge Familien als neue Versicherte zu gewinnen." Etliche Kitas und Schulen seien bereits präven­tionsmüde bei all den Angeboten der untereinander konkurrierenden Kassen. Thomas Altgeld hält es für sinnvoller, die verfügbaren Mittel zu bündeln und damit mehr strukturbildende Maßnahmen zu fördern.

Momentan gehe es bei der Gesundheitsförderung nicht besonders gerecht zu, findet der Psychologe. "Es ist eine Frage der Finanzkraft eines Bundes­­landes und des Engagements der Krankenkassen, was in einer Gegend unternommen wird. Eigentlich eine untragbare Situation." Dass die aktuellen Aktivitäten die sozial Schwächsten erreichen, bezweifelt auch Soziologe Wendt: "Die Erfahrung zeigt, dass Schulen in sehr wohlhabenden Stadtteilen durch Elterninitiativen beispielsweise eine sehr hochwertige Ernährung realisieren – und im benachbarten Stadtteil passiert nichts."

Bewegungsangebote in den Alltag der Kinder einbauen

Ähnlich sieht das Psychologe Altgeld für den Bereich Bewegung. Die Einführung einer zusätzlichen Turnstunde etwa würde seiner Meinung nach vor allem Kindern ansprechen, die ohnehin gerne Sport treiben. Sport- und Bewe­gungsmöglichkeiten außerhalb der Schule kosten wiederum Geld: Verein, Spaßbad, Fitnessstudio – für Einkommensschwache kaum finanzierbar. Altgeld plädiert daher für mehr niedrigschwellige und spielerische Bewegungsangebote im Alltag der Kinder. Ringe zum Hangeln, die von der Decke jedes Klassenzimmers baumeln. Oder ein Schulbuskonzept, das bewusst ein Stück Fußweg einschließt, das die Kinder zusammen zurücklegen. "Der Spieltrieb ist ja da. Man muss nur Angebote machen, damit sie ihn auch ausleben können."

Zahlreiche Fachleute fordern, noch viel weiterzugehen. Sie wollen unser Schulsystem insgesamt reformieren. "Die soziale Ungleichheit bei der Bildung hat sich in Deutschland ver­größert", meint etwa Soziologe Wendt. Unabhängig von ihren Noten würden sozial bessergestellte Kinder häufiger den Übergang zum Gymnasium oder an die Universität schaffen. Und alle Studien zeigen, dass sich mit jedem zusätzlichen Bildungsgrad auch die Gesundheit verbessert – weil man mehr darüber weiß, sich mehr darum kümmert. So nehmen ärmere Menschen zum Beispiel kostenlose Angebote zur Vorsorge und Früherkennung seltener wahr als Menschen mit höherem Einkommen. Wendt: "Es fehlt oft nicht nur an den Finanzen, sondern auch am Bewusstsein."

Dr. Thomas Lampert

Weniger Raucher in allen Schichten

Das Bewusstsein für gesundheit­liche Risiken zu schaffen ist in den vergangenen Jahren eigentlich nur in einem einzigen Bereich gelungen: beim Rauchen. Der Anteil der minderjährigen Nikotinkonsumenten ist stetig gesunken und liegt bei nur noch sieben Prozent. Zwar qualmen Jugendliche aus benachteiligten Familien überdurchschnittlich häufig, doch bei ihnen gibt es den gleichen rückläufigen Trend. "Wir haben eine Generation, die es nicht mehr cool findet, in den Pausen zu rauchen. Es hat lange gedauert, so weit zu kommen", sagt RKI-Experte Lampert.

Mit Aufklärung alleine lässt sich diese Entwicklung aber wohl nicht erklären. Eher mit politischen Maßnahmen. Die Steuern auf Tabakprodukte wurden erhöht, Rauchverbote in Restaurants und Klubs eingeführt, die Möglichkeiten für Werbung eingeschränkt. Lampert: "Wir haben beim Alkohol nicht den gleichen Rückgang, weil wir nicht die gleichen politischen Anstrengungen unternommen haben."

Verlorene Lebensjahre: Arme Menschen sterben früher

Spannend am aktuellen Nichtrauchertrend ist auch, dass das Verhalten der Eltern nicht zwingend darüber entscheidet, ob ein Kind irgendwann selbst zur Zigarette greift. Lampert: "Es gibt zunehmend mehr Jugendliche, die nicht rauchen, obwohl es ihre Eltern tun. Und immer mehr Eltern nehmen Rücksicht und rauchen nicht in Gegenwart ihrer Kinder." Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, werden weniger Menschen eine Lungenkrankheit bekommen oder einen Herzinfarkt erleiden – egal wie viel Geld sie verdienen.

Momentan aber treffen viele Erkrankungen sozial Schwächere deutlich häufiger: die koronare Herzkrankheit zum Beispiel oder Typ-2-Diabetes. Die gravierendste Ungerechtigkeit aber sind die verlorenen Lebensjahre. So sterben arme Frauen in Deutschland im Schnitt acht Jahre früher als reiche. Bei den Männern beträgt der Unterschied sogar knapp elf Jahre.