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Schreibschwäche bei Erwachsenen

Verloren im Buchstaben-Labyrinth: Menschen mit Legasthenie tun sich in der modernen Berufswelt schwer. Eine Therapie kann auch Erwachsenen mit Lese-Rechtschreib-Störung noch helfen, aber viel Ausdauer ist nötig

von Bettina Rackow-Freitag, 08.01.2020
Mann mit Buchstabenwürfel als Kopf

Legasthenie: Das Gehirn speichert Wortbilder schlecht ab


"Mänegement" steht auf dem Flipchart, die Zuhörer schauen betreten zu Boden, aber dem Redner fällt der Rechtschreibfehler nicht auf. Das ist eine peinliche Situation, doch keine Fiktion.

Mindestens vier bis sechs Prozent der Deutschen sind wortblind, können also Wortbilder nicht gut im Gehirn abspeichern, und haben daher Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben – auch im Erwachsenenalter.

Wenn Erwachsene mit der Rechtschreibung kämpfen

"Legasthenie besteht ein Leben lang", erklärt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie und spricht damit ein Tabuthema an. Der Irrglaube, dass Lese- und Rechtschreibstörungen nur ein Problem der Schulzeit sind und sich auswachsen, macht Betroffenen das Berufsleben schwer.

Tägliche Arbeit am Computer, Englisch "fließend in Wort und Schrift" oder Weiterbildungen bedeuten für die Erwachsenen mehr als nur eine Hürde. Viele leiden unter den Vorurteilen, meiden Gruppenarbeit, lautes Lesen oder das Schreiben von Briefen aus Angst vor Häme oder gar dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Psychische Belastung

Wer zugibt, Schwierigkeiten mit der Muttersprache zu haben, geht das Risiko ein, vom Chef und von den Kollegen als dumm oder faul abgestempelt zu werden. "Psychisch kann das sehr belastend sein", sagt Höinghaus.

Das bleibt oft nicht folgenlos: "Bei rund 40 Prozent der Legastheniker entwickelt sich im Lauf des Lebens eine Folge­erkrankung wie eine Depression oder psychosomatische Störung."

Dabei hat das mit der Intelligenz nur in ganz seltenen Fällen etwas zu tun: "Während die Rechtschreibung oft auf dem Level eines Fünftklässlers stehen bleibt, entwickeln sich das Fachwissen und die Kompetenz normal", erklärt die Expertin.

Legasthene Mitarbeiter fördern

Viele Betroffene haben ein sehr gutes technisches Verständnis oder eine künstlerische Begabung. Sogar Hoch- oder Teilbegabungen finden sich unter Legasthenikern. Werden sie rechtzeitig erkannt und gefördert, steht einer Karriere nichts im Wege.

Seit sich Persönlichkeiten wie Ferdinand Piëch, ehemals Vorstand des VW-Konzerns, oder der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, als Legastheniker geoutet haben, wächst in der Öffentlichkeit allmählich die Akzeptanz.

"Inzwischen fragen sogar Arbeitgeber, wie sie ihrem legasthenen Mitarbeiter helfen können, und wollen auch therapeu­tische Fördermaßnahmen bezahlen", stellt Annette Höinghaus fest.

Dabei ist ­jeder Berufszweig betroffen: Sie ­berät Marketingleiter, Postzulieferer, Kraftfahrer und sogar angehende Lehrer. "Jeder kann ein Studium beginnen, doch meist stellt sich erst in der beruflichen Praxis heraus, ob die Veran­lagung ein Problem wird", erläutert die Beraterin.

Lesen will geübt werden

Ein hohes Maß an Ausdauer ist notwendig, um der Legasthenie die Stirn zu bieten, denn eine Therapie benötigt rund zwei Jahre, bis sie anschlägt. Nicht immer bleibt der Erfolg von Dauer. Denn wenn der Stresslevel zu hoch ist oder man zu lange bei den Leseübungen pausiert, kehren die ­alten Fehlermuster zurück, und die erlernten Strategien greifen nicht mehr.

In den wöchentlichen Stunden schulen Therapeuten die Aufmerk­sam­keit, trainieren systematisch Regeln und erklären, wie sich Wörter herleiten lassen. "Wir zeigen auch, wie Vorleseprogramme und Spracherkennungs-Software sinnvoll eingesetzt werden", erklärt Höinghaus.

Praktische Tipps gehören ebenso dazu: "Weite Zeilen- und Buchstabenabstände, Großschrift mit mindestens 14 Punkt und schnörkellose Schrifttypen ohne Serifen erleichtern das Lesen."

Gene haben Auswirkungen auf Legasthenie

Warum manche Menschen Schwierigkeiten haben, sich Wortbilder zu merken, wird zum Teil durch die Vererbung erklärt. "Inzwischen kennen wir rund 20 Genorte auf den menschlichen Chromosomen, die eine Rolle spielen. Sie beeinflussen die frühembryonale und neuro­nale Ge­hirnent­­wicklung, was zu einer Legasthenie führen kann", erklärt der Würzburger Humangenetiker Professor ­Tiemo Grimm, der selbst Legasthe­niker ist.

Die Betroffenen können dadurch zum Beispiel auch gehörte Sätze schwer mit der Hand verschriftlichen, denn die Reize im Gehirn werden nicht störungsfrei verarbeitet und übersetzt.

Rasante Fortschritte sind unrealistisch

Die Weltgesundheitsorganisation hat Legasthenie sogar als Behinderung eingestuft. "Doch nicht jede Legasthenie ist gleich", betont Grimm. Während die einen nicht einmal den Sinn des Gelesenen verstehen, erschließen sich anderen keine Rechtschreibregeln.

Eine individuelle Betreuung ist vonnöten. Inzwischen besteht eine Vielfalt an Therapieangeboten, doch man sollte vorsichtig sein. "Es sind viele Scharlatane dabei, die schnelle Fortschritte oder eine Heilung versprechen", warnt Tiemo Grimm. "Doch die gibt es leider nicht."

Lernen, mit der eigenen Schwäche umzugehen

Es wird auch oft mit Blick- oder Hörtrainings geworben. Sie zeigen bei legasthenen Kindern Erfolge; Erwachsene profitieren selten davon. Grimm rät, nur zertifizierte Lern- und Legasthenie-Therapeuten aufzusuchen, die nach den aktuellen Leitlinien arbeiten. Die Kosten werden aber nicht von den Krankenkassen übernommen – nur jene für die Therapie von Folgeerkrankungen wie Depressionen.

"Viel wichtiger sind mehr Verständnis und der offene Umgang mit der eigenen Schwäche", rät der Wissenschaftler. "Und es lohnt sich zu kämpfen." Er zog vor einigen Jahren gemeinsam mit seinem ebenfalls legasthenen Sohn vor Gericht, um einen Nachteil­ausgleich für Studenten einzuklagen – mit Erfolg. Martin Grimm ist heute ein erfolgreicher Mediziner.

Legastheniker haben Rechte

Nur mit einer entsprechenden ­umfangreichen und standardisierten Testung von einem Psychiater oder Psychotherapeuten haben Legastheniker vergleichbare Rechte wie ­Menschen mit einer Behinderung. Je nach Einstufung können Betroffene sogar einen Schwerbehinderten­ausweis beantragen.

Während einer Aus- oder Weiterbildung ist auch ein Zeitzuschlag oder sogar eine persönliche Assistenz für Prüfungssituationen möglich. Diese Hilfe muss aber beantragt werden. An den Universitäten sind dafür die ­Beratungsstellen für Studierende mit Behinderung zuständig.


Weitere Informationen zum Thema finden Sie im Internet unter
www.bvl-legasthenie.de