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Riskantes Flunkern beim Arzt

Es ist zwar menschlich, nicht die Wahrheit zu sagen, wenn es um sehr persönliche oder peinliche Sachverhalte geht. Aber beim Arzt kann es die Gesundheit gefährden. Warum wir es dennoch tun

von Sonja Gibis, 07.01.2020
Pinocchio beim Arzt

Bis zu 80 Prozent der Patienten gaben in Online-Umfragen zu, ihren Arzt schon mal angelogen zu haben


Machen Sie regelmäßig Sport?" Der Mann im weißen Kittel blickt streng über den Brillenrand, in seinen Händen ein Formular für die Patientenakte. Wer jetzt mit "Nein" antwortet, hat schon versagt – oder fühlt sich zumindest so. "Ja, ich jogge regelmäßig", hört man sich sagen. Schließlich ist einmal pro Monat auch regelmäßig. Und man ­wollte ja längst auf zweimal pro Woche erhöhen.

Patienten wollen nicht belehrt oder beurteilt werden

Wenn Sie sich jetzt ertappt fühlen, sind Sie nicht allein. "Alle Patienten lügen", so lautet die Maxime des zynischen TV-Arztes Dr. Gregory House. Und damit hat er offenbar nicht ganz unrecht. Bis zu 80 Prozent der Patienten haben ihren Arzt schon mal angelogen – und gaben es in zwei Online-Umfragen von Forschern der Universität von Saint Joseph in Connecticut und Utah (USA) sogar zu.

Sie flunkern, wenn es um ­Ernährung und Bewegung geht, drücken sich vor Tabu­themen oder verschweigen, dass sie auch Alternativmedizin nutzen. Der Hauptgrund: Sie möchten nicht belehrt und beurteilt werden.

Lügen kann auch Symptom einer Krankheit sein

Dass Menschen ihrem Arzt nicht immer die Wahrheit sagen, dürfte zumindest Psychologen nicht überraschen. Schon eher, wenn das Gegenteil der Fall wäre. Denn: Alle Menschen lügen – und zwar täglich.

Bis zu 61% der Patienten lügen beim Arzt, weil sie sich schämen.

Quelle: Jama Network Open, 2018

Bei einigen Störungen wie Narzissmus und Borderline gehört häufiges Lügen zum Krankheitsbild. Doch auch gesunde Menschen schwindeln ständig. Wir ­­lügen, um Konflikte zu vermeiden, andere zu schonen, um so gesehen zu werden, wie wir es gerne wollen – oder uns selbst sehen möchten.

Auch Ärzte wissen das. "Aber Herr Doktor, ich esse gar nicht viel. Wirklich!" Wenn Dr. Sebastian Brechen­macher das von einem Patienten mit 120 Kilo hört, ist klar, dass etwas nicht stimmt.

Auch Ärzte sind nur Menschen

"Übergewicht ist der Klassiker, wenn es um Lebensstilflunkereien geht", sagt der Hausarzt aus Krailling bei München. Dennoch vermeidet er den erhobenen Zeigefinger. Lieber erklärt Brechenmacher ruhig, dass bei einem Büroarbeiter, der wenig Sport treibt, eben schon ein paar Snacks zwischendurch die Zahl der Pfunde wachsen lassen. Und um wie viel besser man sich fühlt, wenn man einige davon loswird.

"Ich sage aber auch, dass man etwas für die Seele braucht. Und dass ich selbst mal nach einem harten Tag mit ­einer Wurstsemmel auf dem Sofa lande." Wenn man sich menschlich zeigt, davon ist er überzeugt, macht es das für den Patienten leichter, ehrlich zu sein. "Ich sehe den Patienten als gleichwertigen Partner und mich als seinen Berater", sagt Brechenmacher.

Patienten motivieren statt belehren

Professor Tobias Esch sieht in der Lebensstillüge ­sogar eine Chance. "Ein guter Arzt riecht so was", sagt der Leiter des Instituts für Integrative ­Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung des Klinikums der Universität Witten/Herdecke. Doch heißt eine solche Flunkerei auch, dass der Patient bereits weiß, was richtig für ihn wäre.

Vielleicht braucht er nur noch einen Schubs, um es umzusetzen? Dass in der Praxis viele Patienten zu Pinocchios werden, liegt für Esch auch daran, wie der Appell zu gesünderem Lebensstil überbracht wird: mit einem unausgesprochenen "Du musst!".  

Experte Prof. Tobias Esch

"Dabei steht sofort im Raum: Warum hast du es nicht längst getan? Man ist also schon gescheitert." Wer als Arzt möchte, dass ihm die Patienten die Wahrheit sagen, muss daher andere Rezepte ausstellen als Belehrungen.

Zum Beispiel Motivation. "Wenn man ein Verhalten ändern will, muss das, was an die Stelle tritt, mindestens so viel Freude machen wie das alte", weiß Esch. Sonst fällt man schnell zurück.

Zum Hausarzt oder doch lieber zu Dr. Google?

Dass die Partnerschaft zwischen Arzt und Patient teils misslingt, liegt aber auch an überholten Rollenmustern. Wer gesünder leben will, holt sich zwar gern die Unterstützung von Dr. Google, Fitness-­Trackern oder einem Heilpraktiker. Beim Betreten einer Arztpraxis delegieren viele ihre Gesundheit noch immer an den Experten im weißen Kittel.

Der Arzt steht als Autorität auf einem Podest, der Patient unmündig und passiv daneben. Für viele nimmt der ­Mediziner eine Art Vaterrolle ein. "Von ihm gemocht zu werden ist teils wichtiger, als gesund zu werden", sagt Esch. Auch das verhindert Offenheit.

Um vom Podest runterzukommen, kann laut Esch ­Offenheit helfen. In seiner Ambulanz dürfen die ­Patienten nicht nur die Befunde und den Medikations­­plan über ein Online-Portal einsehen, sondern auch die gesamte ärztliche Dokumentation.

Offene Kommunikation ist wichtig

"Das Vertrauen zueinander wächst dramatisch." Das weiß Esch aus Analysen der von ihm entwickelten Methode. Denn: Wer möchte seine Lügen schon schwarz auf weiß in der Patientenakte nachlesen?

Auch bei der Kommunikation können beide Seiten dazulernen. "Ist etwas unverständlich, unbedingt nachfragen", rät Hausarzt Brechenmacher. Da Ärzte täglich mit Begriffen wie "Angina Pectoris" oder ­"arterieller Hypertonie" hantieren, vergessen sie gern, dass Durchschnittsbürger damit wenig anfangen können.

Eine Analyse des Münchner Klinikums Bogenhausen zeigt: Ärzte verschätzen sich oft darin, was ­ihre Patienten verstehen. Jede Nachfrage hilft auch dem Arzt, ein besserer Therapeut zu werden.

Lügen gefährdet die Gesundheit

Vertrauen ist überdies wichtig, damit Flunkern nicht zur Gesundheitsgefahr wird. "Etwa, wenn der Patient behauptet, dass er Medikamente einnimmt – und es stimmt nicht", sagt Brechenmacher. Wer bestimmte Mittel ablehnt, sollte das offen ansprechen. "Ein guter Arzt geht darauf ein", sagt er. Auch wenn die Patientenwünsche nicht dem entsprechen, was er selbst als optimale Therapie ansieht.

Fällt es bei einem bestimmten Arzt extrem schwer, offen zu sein, stimmt vielleicht einfach die Chemie nicht, und ein Wechsel kann sinnvoll sein. Lügen beim Arzt schaden vielleicht nicht dem Seelenheil. Der Gesundheit aber auf jeden Fall.