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Die Notapotheke der Welt: action medeor

Am Niederrhein lagern auf 4000 Quadratmetern viele Tonnen von Medikamenten. Als schnell abrufbarer Vorrat für Krisen. Aber auch als langfristige Unterstützung für Länder des Globalen Südens

von Barbara Kandler-Schmitt, 11.12.2019
Dr. Buchkremer-Ratzmann

Dr. Irmgard Buchkremer-Ratzmann im Lager des Deutschen Medikamenten-Hilfswerks action medeor e.V. in Tönisvorst


Ein Gespräch mit Apothekerin Dr. Irmgard Buchkremer-Ratzmann, Leiterin Qualitätssicherung und Pharmazeutische Fachberatung beim Deutschen Medikamenten-Hilfswerk action medeor e.V. in Tönisvorst. Zu ihren Aufgaben gehören die Auswahl von Medikamenten, die Qualitätssicherung im Medikamentenlager in Deutschland und die Auditierung von Produzenten weltweit.

Frau Dr. Buchkremer-Ratzmann, für wen sind die Medikamente von action medeor gedacht?

Mit den Medikamenten helfen wir Menschen, die ansonsten kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Das ist leider für viele Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien immer noch der Fall. Als "Notapotheke der Welt" unterstützen wir die Länder dort in ihrer pharmazeutischen Arbeit – von der Zulassungsbehörde über die Hersteller und Großhändler bis zu den Apotheken vor Ort.

Wir helfen nicht nur in akuten Krisensituationen, sondern engagieren uns in der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit. Das ist sogar noch wichtiger, denn je länger eine Krise anhält, desto katastrophaler wird der Gesundheitszustand der Bevölkerung, etwa durch Mangelernährung oder schlechte hygienische Bedingungen. Die Menschen erkranken dann leichter und sterben an Krankheiten, die eigentlich behandelbar sind und an denen niemand sterben müsste.

Expertin Dr. Buchkremer-Ratzmann

Haben Sie konkrete Beispiele?

Die Menschen in Syrien, im Jemen und in Somalia etwa beliefern wir seit Jahren mit Medikamenten, Nährlösungen für mangelernährte Kinder und tragbaren Wasserfiltern. Alle größeren Projekte beinhalten Komponenten zur Desinfektion, Hygiene und Trinkwasserqualität, um den Ausbruch von Epidemien zu verhindern. Auch der bewusste Umgang mit Antibiotika wird in unseren Projekten vermittelt.

Für akute Katastrophen lagern hier jederzeit abrufbereite Notfall-Kits. Was enthalten sie?

Die Notfall-Kits können wir binnen Stunden in Krisenregionen weltweit versenden. Ein solches Kit besteht aus 31 Paketen, wiegt etwa eine Tonne und enthält die medizinische Grundversorgung für zehntausend Menschen – vor allem Schmerzmittel, Desinfektionsmittel, Verbandmaterial, Durchfallmedikamente und Antibiotika, die bei Naturkatastrophen oder in Flüchtlingslagern gebraucht werden. Zwei solcher Kits sind jederzeit abrufbereit, bei Bedarf können wir innerhalb weniger Stunden welche nachpacken. Damit versorgen wir medizinische Notfall-Teams, die von Europa aus in die Krisengebiete reisen.

Mit wem arbeiten Sie in der Notfallhilfe zusammen?

Wir kooperieren mit sehr vielen Hilfsorganisationen, zum Beispiel auch mit pharmazeutischen Organisationen wie "Apotheker ohne Grenzen" und "Apotheker helfen". Manchmal liefern wir auch direkt an langjährige kompetente Partner in den betroffenen Gebieten oder suchen Kontakt zu staatlichen Stellen. In einigen Ländern sind wir so gut vernetzt, dass wir mit den dortigen Gesundheitsministerien zusammenarbeiten. Die Notfall-Kits machen aber den kleineren Teil unserer Arbeit aus. Die langfristige Entwicklungszusammenarbeit steht im Vordergrund – sowohl in der regulären Versorgung als auch in Krisengebieten.

Wie sieht das konkret aus?

Bei länger anhaltenden Krisen wie in Syrien oder im Jemen stellen wir maßgeschneiderte Lieferungen zusammen und unterstützen unsere Partner vor Ort beim Aufbau provisorischer Gesundheitssysteme. Zu diesem Zweck lagern bei uns rund 160 verschiedene Wirkstoffe, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als essenziell eingestuft werden. Das heißt, jeder Patient sollte Zugang zu diesen Medikamenten haben. Doch das Problem in vielen Ländern ist, dass es für die sachgerechte Anwendung zu wenig Fachpersonal gibt.

Apotheken-Versand

Wie gehen Sie damit denn um?

Bei langfristigen Entwicklungsprojekten geht es uns vor allem darum, das Know-how der Menschen vor Ort zu verbessern. Deshalb schulen wir unsere Partner in pharmazeutischen Angelegenheiten wie der Lagerung oder Zubereitung von Arzneimitteln. In Tansania etwa etablieren wir derzeit eine dreijährige modulare Ausbildung für Apothekenhelfer und schulen die Arzneimittelhersteller vor Ort.

Wo werden die Medikamente hergestellt?

Wie andere Pharmaunternehmen beziehen wir unsere Arzneimittel weltweit. Wir kaufen aber nur bei Unternehmen, die wir zuvor einer Qualitätsprüfung unterzogen haben. Das ist uns ganz wichtig, und das machen wir umfassend. Deshalb prüfen wir nicht nur die Hersteller der Medikamente, sondern auch die Wirkstoffproduzenten und die Hersteller von Packmitteln, die für die Stabilität der Arzneimittel wichtig sind. Weil es in vielen Ländern keine eigene Zulassungsbehörde gibt, prüfen wir die Arzneimittel hier im Haus. Unsere Apotheker machen die Wareneingangskontrolle, und je nach ihrer Herkunft und Art werden die Arzneimittel zusätzlich noch einmal von einem unabhängigen Qualitätslabor geprüft.

Warum bekommt man Arzneimittel von action medeor nicht in Deutschland?

Weil unsere Arzneimittel für unsere Zielländer in Afrika, Lateinamerika und Asien gedacht sind. Deshalb beantragen wir gar keine europäische Zulassung. Wir haben in Deutschland zwar eine Großhandelserlaubnis, aber wir handeln innerhalb von Europa nicht mit Arzneimitteln. Ihre Qualität ist zwar nach internationalen Standards geprüft, aber sie sind zum Beispiel nicht in deutscher Aufmachung verpackt. Die Kennzeichnung ist auf Englisch und Französisch, manchmal auch auf Spanisch, Portugiesisch oder Arabisch. Und wir liefern nicht direkt an die Patienten, sondern nur an Krankenhäuser, Hilfsorganisationen oder Großhändler, die in erster Linie Großgebinde von uns erhalten. Das hat zum einen Kostengründe, wird aber gerade in Krankenhäusern oft bevorzugt.

In vielen Zielländern herrscht ein tropisches Klima. Ist das beim Transport und bei der Lagerung ein Problem?

Nein, kein Problem, aber natürlich eine zusätzliche Aufgabe, zum Beispiel beim Transport und bei der Lagerung der Medikamente. Wir müssen sicherstellen, dass die Transportbedingungen in Bezug auf Feuchtigkeit und Temperatur passen. Ware aus Indien etwa kommt in der Regel in temperaturkontrollierten Containern oder in kleineren Mengen per Luftfracht. Wir versehen die Ware mit speziellen Sensoren, sodass wir die Temperatur während des gesamten Transports überwachen können. Und wir kontrollieren natürlich die Verfalldaten der bei uns gelagerten Medikamente, und zwar jeden Monat. Viele Länder schreiben vor, dass importierte Medikamente mindestens noch 12 Monate haltbar sein müssen. Arzneimittel mit kürzerer Haltbarkeit werden aber nicht gleich entsorgt, sondern können bis zu sechs Monate vor Ablauf für die langfristige Versorgung gespendet werden.

Wie werden die Arzneimittel finanziert?

Wir finanzieren uns in erster Linie über Geld- und Sachspenden, verkaufen aber auch Arzneimittel zum Selbstkostenpreis an unsere Partner in der Entwicklungszusammenarbeit. Viele Lieferungen verdanken wir den großzügigen Spenden von Privatpersonen und Stiftungen. Für unsere Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit bekommen wir zudem auch Geld von der öffentlichen Hand, etwa vom Auswärtigem Amt oder vom Bundesministerium für Zusammenarbeit und Entwicklung. Diese Mittel fließen uns in der Regel aber nur dann zu, wenn wir einen Eigenanteil leisten, und der wird wiederum aus Spenden getragen.

Nehmen Sie auch Medikamentenspenden an?

An Sachspenden haben wir sehr strenge Anforderungen und nehmen sie nur von der pharmazeutischen Industrie, nicht aber von Privatpersonen entgegen. Das hat Mengen- und Qualitätsgründe. Wer aber helfen will, kann das natürlich mit einer Geldspende tun. Wir verwenden diese Mittel, um Menschen in Not zu helfen. Jede Spende hilft, unserem Ziel näher zu kommen, dass niemand mehr an eigentlich behandelbaren Krankheiten sterben muss.

Auch Sie wollen helfen? Weitere Informationen finden Sie unter www.medeor.de