Behinderung: Wohlfühlen durch Sport

Sport hat positive Effekte auf Muskeln, Herz und Psyche. Auch Menschen mit einer Behinderung können von regelmäßiger Bewegung und den damit verbundenen Kontakten profitieren

von Christian Krumm, 21.02.2018
Aktiv trotz Behinderung

Nicht nur Bewegung: Manfred H. schätzt am Sport vor allem die sozialen Kontakte


Auf Sport zu verzichten, das war für Manfred H. nie eine Option. Seit 1978 sitzt der heute 72-jährige Frankfurter nach einem schweren Bandscheibenvorfall im Rollstuhl. Er hat Bogenschießen ausprobiert und war lange Zeit als Rollstuhl-Basketballer aktiv. Vor rund zehn Jahren wechselte er vom Spielfeld aufs Parkett und hält sich seither mit Tanzen fit. Mindestens einmal in der Woche trifft er sich mit anderen zum Training in der Turnhalle der Berufsgenossenschaft­lichen Unfallklinik in Frankfurt. Vor Turnieren stehen auch mal zwei oder drei Trainingstage pro Woche auf dem Plan. Die Amateurgruppe hat sich auf Standardtänze spezialisiert, Manfred H. mag am liebsten langsamen Walzer und Tango. 

Nach einem zweistündigen Training weiß der ehemalige Verwaltungsfach­­angestellte, was er getan hat: "Da fließt der Schweiß schon ordentlich." Jede Bewegung, jede Drehung mit dem Rollstuhl sei harte Arbeit. Vor allem in den ersten Jahren, als er noch eine Tanzpartnerin hatte, die ebenfalls im Rollstuhl saß, sei es richtig anstrengend gewesen. Aus ­gesundheitlichen Gründen musste sie aufhören, seitdem tanzt Manfred H. regelmäßig mit einer "Fußgängerin", wie er sagt. Das sei leichter.

Sport mit Handicap: Mehr Lebensqualität durch soziale Kontakte

Gerade für Menschen mit Handicaps hat körperliche Aktivität viele positive Aspekte – neben den zahlreichen vorbeugenden Effekten auf Muskulatur, Herz-Kreislauf-System oder Psyche, von denen jeder Sportler profitiert. "Beispielsweise kann bei ihnen die durch moto­­rische Einschränkungen reduzierte Beweglichkeit verbessert werden", sagt Dr. Volker Anneken, Leiter des Frechener Forschungsinstituts für Inklusion durch Bewegung und Sport. 

Eine maßgebliche Rolle spiele aber vor allem das individuelle Wohlbefinden. "Wir konnten in mehreren Studien zeigen, dass bei Menschen mit Querschnittslähmungen, Amputationen oder auch Patienten mit Multipler Sklerose die Lebensqualität durch regelmäßige sportliche Aktivitäten deutlich höher ist als bei denjenigen, die inaktiv sind", erläutert Anneken.

Durch gemeinsame Aktivitäten und den Austausch mit anderen Sportlern fühlen sich Menschen mit Handicap stärker in die Gemeinschaft eingebunden. Auch für Manfred H. war Sport immer weit mehr als nur körperliche Bewegung. "Ich brauche die sozialen Kontakte in der Gruppe. Wenn ich mal gesundheitsbedingt längere Zeit im Krankenhaus war und nicht trainieren konnte, hatte ich immer schnell das Gefühl, dass mir etwas fehlt." 

Trotz Behinderung den Spaß an der Bewegung behalten

Daniela S. (35) ist beim Training ebenfalls nie allein. In die Berliner Kletterhalle des Deutschen Alpenvereins begleiten sie ihre Kinder, ihr Mann oder andere Menschen mit Handicap. Gesichert mit Seilen, ertastet sie sich den Weg nach oben, manchmal mithilfe von Zurufen wie "Auf drei Uhr!". Aufgrund eines Gendefekts verlor sie als Schulkind nach und nach ihr Augenlicht. Was sie nicht verloren hat, sind der Spaß an Bewegung und das Verlangen nach sportlichen Herausforderungen.

Aktiv trotz Behinderung

Vor einem Jahr entdeckte sie das Klettern für sich. Ihre Kinder schwärmten ihr davon vor. Zweifel, dass ihre Mama das trotz Sehbehinderung kann, hatten die beiden nie. Das Besondere am Klettern sind unter anderem die vielfältigen Trainingseffekte. Es kräftigt die gesamte Körpermuskulatur, fördert Koordinationsfähigkeit, steigert Konzentration und Aufmerksamkeit. Kletternde erzielen rasch Erfolgserlebnisse, die ihnen guttun.

Schon nach einem Jahr fühlt sich Daniela S. an der Wand sicher und routiniert: "Ich würde mich als ambi­tionierte Amateurin bezeichnen." Der Leistungs- und Wettbewerbsgedanke übe durchaus eine gewisse Faszination auf sie aus. Lange Zeit hat sie diese Faszination auch gelebt. Bei den Paralympics erschwamm sie sich mehrere Gold- und Silbermedaillen. Dabei wollte sie den Sport nach ihrer Erblindung an den Nagel hängen. Doch ihr Vater meldete sie drei Jahre später einfach beim Behindertenschwimmen an. "Zum Glück!", sagt Daniela S. – nicht nur im Hinblick auf ihre Me­daillen. "Ich fühle mich im Wasser viel freier. Hier ist es nicht so wichtig, ob ich sehen kann".

Einzel- und Teamsportarten für Menschen mit Behinderung

Menschen mit einem Handicap erkennen beim Sport oft auch, dass sie doch viel mehr können, als sie sich selbst zutrauen. Lang ist die Liste der Sportarten, die auch Menschen im Rollstuhl, mit Sehbeeinträchtigung oder anderen Behinderungen ausüben können. Prinzipiell kann jeder etwas finden.

Es gibt Einzelsportarten wie Pole Wheeling – eine Variante des Nordic Walkings für Rollstuhlfahrer – ebenso wie diverse Teamaktivitäten, zum Beispiel Sitzfußball, Blindentennis, Rudern, Boccia, Golf und Wasserski. Jetzt im Winter können Menschen mit Handicap mithilfe spezieller Sport­­geräte Pisten bezwingen, Langlauf­loipen absolvieren oder Skitouren unternehmen. Wer es geselliger mag, versucht sich etwa beim Curling oder im Eishockey.

Es mangelt noch an Verfügbarkeit und Barrierefreiheit

Es mangelt also nicht an der Vielfalt der Möglichkeiten, sondern oft an deren Verfügbarkeit in unmittelbarer Wohnortnähe. Menschen, die in einer Großstadt leben, haben es oft leichter. In ländlichen Regionen sieht es dagegen häufig nicht so rosig aus. "Wenn man erst einmal sehr lange Wege zurücklegen muss, um überhaupt zum Sport zu kommen, ist das ein großer Hinderungsgrund", sagt Wissenschaftler Anneken.

Der Experte bemängelt außerdem die eingeschränkte Barrierefreiheit vieler Sportstätten. Er erfährt im Zuge seiner Arbeit zwar immer wieder, dass Sportverbände und Politik mehr Angebote für Menschen mit Handicap schaffen wollen. Doch alle Beteiligten müssen sich einsetzen, um solche Vorhaben zu planen oder auszubauen und daran hapert es oft. Der Bedarf sei eindeutig da – sowohl der Wunsch nach speziellen Einrichtungen, die sich an den individuellen Handicaps orientieren, als auch nach inklusiven Angeboten. Viele Menschen mit Behinderung würden gern gemeinsam mit nicht Behinderten Sport treiben. Betroffenen, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Trainingsmöglichkeiten nutzen möchten, rät Teilhabe-Experte Anneken, direkt auf die örtlichen Sportvereine zuzugehen und nachzufragen.  

Doch neben fehlenden Angeboten gibt es noch den einen Hinderungsgrund, den wohl jeder kennt: den inneren Schweinehund. "Er ist bei jedem da, egal ob mit oder ohne Behinderung", sagt Anneken. Dazu kommt, dass Menschen mit Handicap, die beispielsweise einen Unfall hatten und erstmalig mit schweren Beeinträchtigungen konfrontiert sind, zunächst ganz andere Sorgen haben. Doch gerade ihnen helfe es, beim Sport die Herausforderungen anzunehmen, um körperlich und psychisch widerstands- und leistungs­fähiger zu bleiben.

Anlaufstellen für Sportbegeisterte mit Handicap

Menschen mit Behinderung, die gerne Sport treiben möchten, wenden sich am besten an Beratungsstellen, Sportbünde oder Kreissportbünde sowie die Vereine vor Ort. "Gehen Sie offen auf die Ansprechpartner zu, und fragen Sie nach", rät Dr. Volker Anneken.

  • Deutscher Rollstuhl-Sportverband e. V.: www.drs.org