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30 Jahre Einheit: Gesundheitsprofis erzählen

Wie sieht es aus im Gesundheitswesen, dreißig Jahre nach der Einheit? Gibt es noch Unterschiede? Welche Herausforderungen gibt es? Die Probleme heute sind gesamtdeutsch, sagen die Gesundheitsexperten

von Julia Rudorf, Tina Haase, Beatrice Sobeck, 02.10.2020
Apothekerin

Eine der befragten Gesundheitsprofis: Birgit Schade, Apothekeninhaberin in Leipzig


Unsere Fragen zum Gesundheitswesen haben wir in Apotheken, Praxen und Universitäten gestellt, und ganz unterschiedliche Antworten bekommen. Gemeinsame Botschaft der Gesundheitsexperten ist: Auch die Probleme und Herausforderungen beim Thema Gesundheit sind längst vereint.

Hier die Aussagen der Interviewpartner:

1. Birgit Schade, Apothekeninhaberin in Leipzig

Birgit Schade lebt seit 23 Jahren in Leipzig und hat vor 16 Jahren dort ihre Apotheke eröffnet:

"Studiert habe ich in Mainz, meine Mitarbeiterinnen kommen aus allen Teilen Deutschlands und der Welt. Wir sind ein tolles, gesamtdeutsches Team. Manchmal kommt es noch vor, dass Kunden mich nach Präparaten fragen, die es schon lange nicht mehr gibt, aber das ist eher selten. Gesamtdeutsch sind leider auch die Probleme, die ich für die Apotheken sehe. Dass aktuell die Pleite eines Abrechnungsunternehmens die Existenz von 3500 Apotheker-Kolleginnen und Kollegen bedroht, das ist in unseren Augen ein echter Skandal. Dass die Öffentlichkeit davon nur so wenig mitbekommt, ist mehr als bedauerlich. Die Apotheken vor Ort müssen sich in Zukunft noch besser vernetzen, um auf ihre Themen aufmerksam zu machen."

 

Dr. Christiane Trapp

2. Dr. Christiane Trapp, Kinder- und Jugendärztin im Ruhestand

Christiane Trapp arbeitete seit 1975 in der Kinderklinik Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Von 1981 bis 1984 praktizierte sie in Lybien, danach kehrte sie nach Güstrow zurück und übernahm 1987 die Leitung der Kinderklinik, die sie auch nach der Wende behielt:

"Wenn ich so darüber nachdenke, was ich als Ärztin aus DDR-Zeiten vermisse, dann ist es die Mütterberatung, ganz besonders die Versorgung von Familien in den Dörfern. Dort gab es meistens nur eine Gemeindeschwester, aber keinen Kinderarzt. Die Mütterberatung war staatlich und verpflichtend organisiert. In regelmäßigen Abständen fuhren wir also zu festen Termine aufs Land, um Mütter und Kinder zu versorgen. Die Mütterberatung fand meistens im Gemeindezentrum statt – es gab also eine zentrale Anlaufstelle. An dieser Versorgungsleistung wurden alle Kinderärzte aus einem Bezirk beteiligt, so wurde der Aufwand auf viele Schultern verteilt. In den Städten war das einfacher. Dort gab es zentrale Mütterberatungsstellen, zu denen die Frauen mit ihren Babys in regelmäßigen Abständen kommen mussten. Die Kinder wurden untersucht, geimpft, gewogen und die Mütter hatten eine Anlaufstelle, wenn es Probleme gab oder sie Sorgen hatten. Zurückblickend habe ich das Gefühl, dass die Versorgung von Familien damals engmaschiger war.

Wir sind ja auch in die Krippen, Kindergärten und Schulen zur Gesundheitsvorsorge und zum Impfen gegangen. Die Eltern fanden das praktisch, so mussten sie sich nicht nach der Arbeit darum kümmern. Heute muss ich manchmal schmunzeln, wenn manche Dinge wieder herbeigesehnt werden oder sogar zurückkommen. Zum Beispiel das Meldesystem, wenn Eltern die U-Untersuchungen verpassen, das wurde in manchen Bundesländern 2007 oder 2008 wieder eingeführt, heute gilt es wieder bundesweit."

 

Arzthelferin vor Auto Hausbesuche

3. Christina Taccetta, Entlastende Versorgungsassistentin (EVA)

Christina Taccetta arbeitet für eine Hausarztpraxis in der Kleinstadt Breckerfeld in Nordrhein-Westfalen:

"Ich arbeite jetzt seit vier Jahren als EVA, mache also täglich Hausbesuche, bei denen ich zum Beispiel Blut abnehme, Blutdruck messe oder den Zucker kontrolliere. Dass es so ein ähnliches Modell auch in der DDR früher gab, war mir lange nicht bewusst. Manche meiner älteren Patienten haben mir aber schon mal von solchen Gemeindeschwestern erzählt. Dass diese Idee wieder aus der Versenkung geholt wurde, ist aus vielen Gründen eine gute Sache. Heute leben einfach viele alte Menschen auf dem Land. Für sie ist es schwierig, mal schnell wegen einer Spritze zum Arzt zu kommen. Dass es immer weniger Hausärzte gibt auf dem Land, ist auch bekannt. Egal in welchem Bundesland. In der Stadt ist es nicht besser: Finden Sie mal einen Arzt, der heute noch Hausbesuche macht! Für das nichtärztliche Personal sind EVA, AGnES, VerAH und wie die verschiedenen Modelle auch heißen, gut. Denn damit wird unsere Arbeit und unsere Qualifikation auch mehr wertgeschätzt. Davon hat das Gesundheitswesen mit Sicherheit auch in Zukunft etwas."

4. Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost:

"Seit 30 Jahren gibt es in Deutschland ein einheitliches Gesundheitssystem, dessen Gestaltung in den Neuen Bundesländern mit viel Engagement betrieben wurde. Insbesondere die AOKs haben einen wichtigen Beitrag geleistet, so auch die AOK im Nordosten.

Heute stehen wir wieder vor einer Zeitenwende: Nicht erst die Corona-Krise hat gezeigt, dass an der digitalen Transformation kein Weg vorbeiführt. Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) beginnt ab 2021 echte digitale Vernetzung. Patienten*innen können in der ePA Befunde oder verordnete Medikamente hochladen. Ärzte und Notfallmediziner haben so Zugriff auf lebenswichtige Informationen etwa zu Medikamentenunverträglichkeiten. Die digital übermittelten Daten liegen mit einem Klick schnell und sicher vor, aufwendige Doppeluntersuchungen werden vermieden. Je mehr Menschen die ePA nutzen und ihre Vorteile kennenlernen, desto schneller wird sich die digitale Vernetzung im Gesundheitswesen durchsetzen."

 

Prof. Dr. Petra Wagner, Institut für Gesundheitssport und Public Health Uni Leipzig

5. Professorin Petra Wagner, Gesundheits- und Rehabilitationssport an der Universität Leipzig

Petra Wagner ist Direktorin des Instituts für Gesundheitssport und Public Health in Leipzig:

"Das Thema körperliche Aktivität und Sport in der Gesellschaft kann man aus meiner Fachperspektive, der Sportwissenschaft, in seiner jetzigen Form nur schwer mit früher vergleichen. Vor der Wende gab es keine Konzepte für "Gesundheitssport", so wie es sie heute mit hohen Qualitätsauflagen gibt. Es gab den Leistungssport, und den "Breiten- und Freizeitsport", der eventuell auch mit dem Motiv Gesundheit betrieben wurde.
Auch der Leistungssport spielte in der DDR eine ganz andere Rolle. Das sogenannte "Sichtungssystem", mit dem man gezielt versuchte, schon bei den Kleinen Talente und Begabungen für bestimmte Sportarten auszumachen, auch mit Blick auf den Leistungssport, gab es nur in der DDR. Die heutige Identifikation von Talenten hat da andere Vorgehensweisen.

In der Schule ist das Thema Bewegung und Sport heute aus Sicht der Gesundheit viel stärker implementiert und wird mitgedacht. Auf Kinder mit gesundheitlichen Problemen versucht man in der Schule individueller einzugehen. Bewegungsangebote heute sind auf verschiedene Zielgruppen zugeschnitten. Das reicht von Angeboten zur Prävention über den Rehabilitationsport bis zur Therapie. Aber das ist wirklich auch eine gesamtdeutsche Entwicklung, die sehr wichtig war."

 

ältere Frau vor Schild Diabetes-Vorsorge

6. Erna Miericke aus Rathenow in Brandenburg war Krankenschwester in der DDR

Erna Miericke (81) kämpft heute mit Aktionstagen gegen Diabetes:

"Ich habe in der DDR Krankenschwester gelernt, habe im Krankenhaus, im Betrieb und in der Polikinik gearbeitet. Nach einer schweren Krankheit wurde ich Invalidenrentnerin. Aber ich habe eine neue Berufung gefunden: Menschen mit Diabetes helfen. Das kommt nämlich in unserem Gesundheitswesen oft zu kurz.

Mein Mann, der früh verstorben ist, hatte Typ-2-Diabetes. So kam ich dazu, mich in diesem Bereich zu engagieren: Ich gründete diverse Selbsthilfegruppen für Menschen mit Typ-2-Diabetes im Havelland. Ohne solche Gruppen sind die Menschen auf sich allein gestellt, obwohl wir ein gutes Gesundheitssystem haben. In den Gruppen werden Fachvorträge von Ärzten gehalten, dort können sich die Menschen austauschen, gegenseitig beraten, zusammen Sport treiben, eben voneinander lernen, wie man gut mit der Krankheit leben kann.

Und seit gut 15 Jahren organisiere ich Aktionstage zur Diabetesvorsorge im Landkreis. Bei diesen Veranstaltungen sind Warteschlangen programmiert. 5931 Menschen ließen bereits kostenlos ihr Risiko für Diabetes testen. Das Aktionsteam Diabetesvorsorge, zu dem Apotheker, eine Krankenkasse und eine Fußpflegerin gehören, misst Größe, Gewicht, Bauchumfang, Blutdruck und Blutzucker. Wir gemeinsam haben hunderte Menschen nach auffälligen Ergebnissen schon zum Arzt geschickt. Da sieht man, wie wichtig diese Arbeit ist.

Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes haben lange unbemerkt die Krankheit. Das ist gefährlich. Altersbedingt musste ich allerdings die Selbsthilfgruppen aufgeben. Und wenn das Aktionsteam 6000 Patienten getestet hat, wird sich auch dieses auflösen. Nachfolger haben sich leider nicht gefunden."


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