Mann ohne Orgasmus? Häufiger als gedacht

Fünf bis zehn Prozent aller Männer kommen beim Sex nicht oder nur mit großer Verzögerung zum Höhepunkt. Woher so eine Orgasmusstörung kommt und was dagegen hilft
von Ulrich Kraft, 18.11.2015

Unbefriedigt: 30 Minuten Sex ohne Höhepunkt können ein Warnzeichen sein

iStock/Dolgachov

Im Bett lief es bei Kai und Claudia lange gut. Mehrmals in der Woche hatten sie Sex, redeten offen über ihre erotischen Phantasien, lebten diese gemeinsam aus und erfreuten sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes vieler Höhepunkte. Doch dann sagte Claudia, dass sie sich ein Kind wünscht und die Pille absetzen möchte. Kai war gar nicht wohl dabei, er hätte gerne noch eine Weile gewartet. Trotzdem stimmte er zu.

Von diesem Tag an ist alles anders: Dem 35-Jährigen bereitet es zunehmend Schwierigkeiten, beim Geschlechtsverkehr mit seiner Liebsten zum Orgasmus zu kommen. Wenn er es überhaupt bis zum Höhepunkt schafft, dann dauert es so lange, dass beiden die Lust eigentlich schon wieder vergangen ist. Anfangs bleibt Claudia entspannt. Doch mit der Zeit nimmt sie die Sache persönlich. Die 32-Jährige gibt sich die Schuld an der Misere, hält sich für unsexy und eine schlechte Liebhaberin, weil sie Kai nicht befriedigen kann. Keinen Orgasmus zu haben sei eine Frauenangelegenheit, Männer hingegen könnten immer kommen, denkt Claudia.

Diese Ansicht ist ebenso weit verbreitet wie falsch, stellt Dr. Monika Schwinges-Lymberopoulos klar. "Fünf Prozent aller Männer leiden zumindest temporär unter einem verzögerten beziehungsweise einem ausbleibenden Orgasmus", sagt die Urologin und Psychotherapeutin. In einigen Studien sind es sogar bis zu zehn Prozent. "Es handelt sich auf jeden Fall um ein häufiges Phänomen, das aber viel zu selten thematisiert wird", meint die Ärztin aus Dormagen, an die sich auch Kai und Claudia mit ihren Problemen wandten.

Stiefkind der Medizin

Probleme wie die von Kai heißen im Fachjargon Anorgasmie, wenn der Mann gar nicht mehr zum Höhepunkt kommt, beziehungsweise Hypoorgasmie, wenn er es noch gelegentlich schafft. Per Definition handelt es sich dabei um eine Orgasmusstörung – eine, die wissenschaftlich noch kaum untersucht ist. Die Anorgasmie ist ein Stiefkind der Medizin. Betroffene Männer sind in der Lage, eine Erektion zu bekommen und diese auch aufrecht zu erhalten. Was ihnen Probleme bereitet ist, den sexuellen Höhepunkt zu erreichen. "Von einer Hypoorgasmie oder Anorgasmie sprechen wir, wenn Männer trotz angemessener Stimulation nicht oder erst sehr spät zum Orgasmus kommen", erläutert Schwinges-Lymberopoulos. "Sehr spät bedeutet konkret, dass es bis zu dreißig Minuten und länger dauert." Die Expertin betont allerdings, dass die "Angemessenheit" von Faktoren wie dem Alter oder den persönlichen sexuellen Vorlieben abhängt. Wann es problematisch wird, nicht zu kommen, ist daher immer sehr individuell.

Mannigfaltige Ursachen

Grundsätzlich unterscheiden Fachleute zwei Formen: Bei der primären Anorgasmie hatte der betroffene Mann noch nie in seinem Leben ein Orgasmusgefühl. Männer mit der – deutlich häufigeren –  sekundären Form hingegen waren vor Beginn der Störung in der Lage, den Gipfel der Lust zu erklimmen. Hinter beiden Formen können verschiedenste körperliche Ursachen stecken. Dazu gehören neurologische Krankheiten wie die multiple Sklerose oder Parkinson, Diabetes, fortgesetzt starker Alkoholkonsum, hormonelle Störungen, Operationen im Beckenbereich oder Entzündungen der Geschlechtsorgane wie eine Prostatitis. "Auch an Tumorleiden wie zum Beispiel Prostatakrebs muss man bei einer Anorgasmie immer denken, insbesondere wenn sie sehr plötzlich auftritt", sagt die Expertin. Darüber hinaus könnten auch einige Medikamente, vor allem verschiedene Antidepressiva, die Orgasmusfähigkeit beeinträchtigen.

Haupthindernis Psyche

Oft sind es allerdings psychische Gründe, die den Männern auf dem Weg zum Orgasmus im Wege stehen. Seien es traumatische Erlebnisse in der Kindheit, Bindungsängste oder die Furcht vor dem Kontrollverlust im Moment des "kleinen Todes", wie die Franzosen den Höhepunkt nennen. Hinzu kommen alle möglichen Konfliktsituationen – in der Beziehung, aber auch außerhalb – sowie Leistungsdruck und Versagensängste im Bett. "Die Liste der möglichen Ursachen im psychischen Bereich ist sehr lang", berichtet Schwinges-Lymberopoulos. Mit am häufigsten: Die Partnerin möchte ein Kind, es klappt aber nicht gleich oder der Mann will nicht wirklich Vater werden – so wie bei Kai.

"Männer mit Orgasmusstörungen nehmen sich beim Sex oft stark zurück, zu stark", ergänzt die Expertin. Sie sind so sehr damit beschäftigt, die Bedürfnisse und Wünsche der Frau zu befriedigen, dass sie sich und ihre eigene Lust dabei aus den Augen verlieren. "Das macht es schwer, zum Höhepunkt zu kommen." Wenn sich Patienten mit Orgasmusproblemen in ihrer Praxis vorstellen, fahndet Schwinges-Lymberopoulos zunächst nach den Auslösern, denn die sind entscheidend für die Therapie. Eine ihrer ersten Fragen ist, ob der Mann beim Masturbieren einen Orgasmus hat. "Wenn ja, kann man eine organische Ursache mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, weil die Orgasmusfähigkeit rein körperlich da ist", erklärt sie. "Dann hat die Störung häufig psychische Gründe."

Ursachenforschung ist Teil der Therapie

Ist das der Fall, legt sie den Betroffenen dringend ans Herz, zu einem Sexualtherapeuten zu gehen, "weil der sich damit auskennt." Am Beginn der Behandlung steht ein ausführliches Gespräch, bei dem die Sexualität zwar im Mittelpunkt steht, aber ebenso über Themen wie Beziehungsleben, Familie und Job geredet wird. Diese Anamnese, die mehrere Stunden beziehungsweise Therapiesitzungen in Anspruch nehmen kann, ist oft schon der entscheidende Schritt zu einer erfolgreichen Therapie. "Die psychischen Ursachen von Orgasmusproblemen sind unbewusst", erklärt Schwinges-Lymberopoulos.

"Das Gespräch dient dazu, dem Patienten diese Hintergründe bewusst zu machen." Nach fünf bis zehn Stunden geht man dann zu konkreten Behandlungsmaßnahmen über, etwa zu einer Sexualtherapie. Oder zu einer Paartherapie, was allerdings voraussetzt, dass der Mann eine Partnerin hat, die dazu bereit ist. Claudia war dazu bereit – und es hat sich gelohnt. Im Bett läuft es wieder so gut wie früher, die Orgasmusprobleme sind fast schon vergessen und das mit den Kindern wollen sie nächstes Jahr angehen – entspannt und in aller Ruhe.


Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Paar liegt im Bett und kuschelt

Sexualität: Lust auf die Liebe

Sex gilt als die schönste Nebensache der Welt. Die meisten Paare diskutieren offen über wichtige Themen wie Verhütung, Kinderwunsch, Orgasmus und Potenz »

Müssen Sie regelmäßig Medikamente nehmen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages