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Warum wir küssen

Zärtlich, leidenschaftlich, freundschaftlich: Küssen ist wohl eine der schönsten Ausdrucksformen von Zuneigung. Wie der Mensch zum Kuss kam und aus welchen Gründen Männer und Frauen küssen

von Julia Hirsch, aktualisiert am 11.02.2020
Paar küsst sich

Frauen und Männer küssen oft aus unterschiedlichen Beweggründen


Küssen gehört zu den zärtlichsten Gesten zwischen zwei Menschen. Wenn wir verliebt sind, löst Knutschen einen starken Hormonschub in uns aus. Wir fühlen uns wie im Rausch und spüren "dieses Kribbeln" in der Magengegend. Küssen, ein Akt der Liebe und sexuellen Lust, aber auch eine Geste der Freundschaft und Begrüßung.

Aber Menschen küssen sich nicht überall auf der Welt. Die Bewohner Neuguineas pflegen zum Beispiel andere erotisierende Gesten: Sie sitzen in einem Kreis und riechen und berühren sich gegenseitig. Die Inuit wiederum reiben sanft Nase an Nase – der berühmte Eskimo-Kuss. Und in China wäre öffentliches Küssen undenkbar, es gilt als unangemessen.

Mann wirft Frau einen Kuss zu

Wie der Mensch zum Küssen kam

Die Wissenschaft des Küssens, die Philematologie, findet keine eindeutige Antwort auf die Frage, warum wir überhaupt küssen. Sie liefert aber verschiedene Theorien. Manche Wissenschaftler glauben, dass die Wurzeln in der Brutpflege und Fütterung der Nachkommen liegen. Andere sind davon überzeugt, dass die orale Phase des Kindes die Ursache ist. Diese Entwicklungsphase beginnt mit dem Saugen an der Brust beim Stillen und reicht bis zum Ende des ersten Lebensjahres. In der Zeit steckt das Baby möglichst alles, was es greifen kann, in den Mund und erkundet so seine Umgebung. Unsere Expertin, die Sexualwissenschaftlerin und Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld, erklärt uns eine dritte Theorie:

Küssen könnte in engem Zusammenhang mit der Evolution stehen. Der Mensch entwickelte sich vom vierbeinigen Affen zum Zweibeiner. Unsere Vorfahren beschnüffelten und beleckten sich am Hinterteil und testeten so, "wie gut sie sich riechen konnten". So nahmen sie sexuellen Kontakt auf. Dadurch, dass der Mensch sich aufgerichtet hat, "ist das Beschnüffeln und Belecken sozusagen nach oben gewandert", erklärt Ebberfeld.

Was beim Küssen im Körper vor sich geht

Beim Küssen sind circa zwischen 38 und 60 Muskeln aktiv. Je nach Intensität mal mehr und mal weniger. Auch der Kalorienverbrauch erhöht sich: circa 15 Kalorien in zwei Minuten. Ein Kuss lässt Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur steigen.

Wenn wir uns vor einem Kuss langsam einander nähern, merken wir sofort, ob der Partner gut und interessant oder eher unangenehm riecht. "Hier prüft der Mensch intuitiv, ob der Kusspartner ähnliche Gene hat wie man selbst", so Ebberfeld. Denn je fremder und differenzierter das Immunsystem des Partners ist, desto besser passen beide genetisch zusammen. Diese Veranlagung ist wahrscheinlich tief in den Menschen verwurzelt. Sie ist ein "innerer Schutz vor Inzucht". So die Theorie.

Junges Paar küsst sich

Küsser: Nicht unbedingt gesünder, aber oft glücklicher

Beim Küssen wird unweigerlich jede Menge Speichel ausgetauscht. Viren und Bakterien wandern vom einen Mund in den anderen. "Das kann auch zu Krankheiten führen, etwa dem Pfeifferschen Drüsenfieber", erklärt die Kussexpertin. Der rege Austausch Küssender kann das Immunsystem aber auch stärken. Viel-Küsser könnten zum Beispiel resistenter gegen Erkältungskrankheiten sein.

Ein Kuss löst in uns einen wahren Hormoncocktail aus. "Wenn zwei Menschen sich innig küssen, feiert der Kopf Silvester", beschreibt Ebberfeld. Dafür sorgen unter anderem die Botenstoffe Dopamin und Endorphin, die zu den sogenannten Glückshormonen gehören. Das "Kuschelhormon" Oxytocin, ebenfalls ein Neurohormon, sorgt beim Kuss für die Paarbindung. "Jede emotionale Geste wirkt auch entspannend", erklärt die Expertin. Ein Kuss kann Stress abbauen, gleich ob er sanft oder leidenschaftlich ist.

Männer und Frauen küssen aus unterschiedlichen Gründen

Häufiges Küssen und andere innige Gesten sprechen für eine harmonische Beziehung. Doch auch wenn sie sich gut verstehen, küssen sich Partner im Laufe einer jahrelangen Beziehung weniger.

Aus ihren Studien und Befragungen weiß Ebberfeld, dass Männer und Frauen oft aus unterschiedlichen Gründen küssen. "Männer sind stets zielorientiert", so die Expertin. Demnach sehen sie das Küssen als Einleitung für mehr und küssen sogar hauptsächlich, um bald zum Geschlechtsverkehr zu kommen. Frauen hingegen überprüfen beim Küssen eher, "ob der Mann zu ihnen steht und ob die Beziehung noch im Lot ist". Bemerkenswert: Auf die Frage, was intimer ist, Sex oder ein Kuss, antworteten die meisten Frauen mit dem Kuss. Viele Männer fanden den Sex intimer.