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Was ist funktioneller Schwindel?

Gleichgewichtsstörung: Betroffene verlieren die Verortung im Raum – und manchmal auch im Leben. Denn oft spielt die Psyche mit

von Konstanze Faßbinder, 04.12.2019
Wendeltreppe

Als ob sich die Welt um einen dreht: Hier im Bild symbolisiert die Wendeltreppe eine Drehschwindelattacke


Drei Tage, drei Nächte. Die letzte Drehschwindelattacke, die Pia Mai (Name von der Redaktion geändert) überfiel, war auch die heftigste. 72 Stunden lang war sie gefangen in einer haltlosen Welt. Selbst aufrecht im Bett sitzen war kaum erträg­lich, der Gang vom Schlafzimmer ins Bad schier nicht zu bewältigen.

Doch am schlimmsten war die übermächtig werdende Verzweiflung: Wo kann ich noch sein, wenn nicht mal mehr in meinem Bett? Würde das immer so weitergehen?

Schmerzhafte Muster

Schon mehrere Jahre litt Pia Mai damals an Schwindelanfällen. Heute weiß sie: immer in Phasen, in denen sie überfordert war. Die anfangs meist kürzeren Kopfschmerz- und Schwindelattacken wurden häufiger, dauerten länger. Sie traten ohne erkenn­bares Muster auf, willkürlich.

Experte Dr. med. H. Schaaf, Oberarzt für Psychotherapie

Der Alltag entglitt Pia Mai zunehmend. Manche Nachmittage lag die Lehrerin im Schlafzimmer und kommunizierte mit ihren Kindern nur übers Handy. Sie wollte ihre Familie nicht belasten.

Angst prägte die Nächte: Schaffe ich den Unterricht noch? "Nein", wusste Pia Mai eines Vormittags, als sich das Klassenzimmer so drehte, dass sie die Schule verlassen musste. Ihr vorläufig letzter Arbeitstag.

Bedrohlicher Kontrollverlust

"Schwindelpatienten erleben oft einen Kontrollverlust, der als existenziell bedrohlich empfunden wird", sagt Dr. Helmut Schaaf. Der Spezialist für Gleichgewichtserkrankungen und Psychotherapeut ist leitender Oberarzt der privaten Tinnitus-Klinik Dr. Hesse in Bad Arolsen. Bis zu einem Drittel aller Deutschen hat einmal im Leben eine Schwindelerkrankung.

Experte Dr. med. H. Schaaf

Bei 30 bis 50 Prozent der Patienten, bei denen sie über sechs Monate dauert, findet sich eine Angst- oder Depressionskomponente. Experten nennen das funktioneller Schwindel.

Ein Ausdruck der Angst

Anfälle halten oft nur Minuten an, mitunter aber auch Stunden oder Tage. Häufig treten sie in Situationen auf, die für Betroffene eine Herausforderung darstellen. Stress, eine persön­liche Krise: Das alles kann bewirken, dass das Auge eine Bewegung wahrnimmt, die es gar nicht gibt.

Die Ursache des Karussells

Funktioneller Schwindel entsteht durch psychische Probleme oder in Kombination mit einer anderen Erkrankung

Experte Prof. Dr. Claas Lahmann

Die Patienten wissen sprichwörtlich nicht mehr, wo oben und unten ist. "Funktioneller Schwindel ist häufig auch ein Ausdruck von Angst", sagt Professor Claas Lahmann, Experte für Psycho­somatik an der Uniklinik Freiburg.

Typische Symptome sind Missempfindungen am Herzen, Muskelschwäche, ein unsicherer Gang – und das Gefühl, die Umgebung schwanke. Auch Benommenheits- und depressive Gefühle treten häufig auf.

Stopp-Signal des Körpers

Schwindel ist oft eine diagnostische Herausforderung. Neben rein psychischen Ursachen gibt es organische. Und manchmal kommt beides zusammen. "Das Muster Schwindel bleibt mitunter gespeichert, obwohl die körperliche Ursache behoben ist", sagt Schaaf. Dann können die organischen Befunde allein das Ausmaß der Beschwerden nicht erklären, wie bei Pia Mai.

Ein entzündetes Gleichgewichtsorgan und eine Erkrankung des Innenohrs schlossen Neurologen und HNO-Ärzte nach langer Mediziner-Odyssee aus. In Bad Arolsen, wo Pia Mai sich mehrere Wochen stationär behandeln ließ, diagnostizierte man vestibuläre Migräne und ein Halswirbelsäulenproblem.

"Mein Körper wollte mir ­etwas mitteilen", vermutet Pia Mai. Sie sei immer für andere da gewesen, habe sich keine Schwächen eingestanden und zu wenig für sich getan.

Abwechslung fürs Gleichgewicht

Betroffene sind oft Personen, die alles zu hundert Prozent richtig machen wollen, bestätigt Professorin Doreen Huppert vom Deutschen Schwindelzentrum der Uni München. Wie in Bad Arolsen oder Freiburg gibt es dort eine auf Schwindel und Gleichgewicht spezialisierte Ambulanz.

Die Betroffenen sind oft eher ängstlich, beobachten sich genau – und noch mehr, wenn es ihnen schlecht geht. Irgendwann löst schon die Angst vor Schwindel Schwindel aus, Situationen werden vermieden, der Körper wird geschont.

Gleichgewichtsübungen helfen

Ausprobieren und feststellen: Ich kann das! Bei Bedarf auf Haltemöglichkeit achten

"Die Patienten bewegen sich messbar steifer, als würden sie über Eis gehen", sagt Huppert. Fatal, denn auch Versteifung führt zu Schwindel. Eine Negativspirale, wie sie Pia Mai erlebt hat. Ablenkung wäre besser, und eine Forderung des Gleich­gewichtssinns.

Sich nicht unterkriegen lassen

Die Erkrankung ist gut behandelbar. Experten sichten Vorbefunde, testen das Gleichgewicht, schließen organische Ursachen aus oder behandeln diese. Sie klären auf, geben Tipps für Stressabbau, verschreiben Physiotherapie sowie Entspannungsübungen, empfehlen bei Bedarf Psychotherapie.

Und raten, sich im Alltag wegen des Schwindels nicht einzuschränken, sich Erfolgserlebnisse zu schaffen. Pia Mai ist das gelungen. Sie ist nicht geheilt. Aber sie erobert sich ihren Halt im Leben zurück.