Schwerhörigkeit: So hören wir

Geräusche, Töne, Klänge – vielfältige akustische Signale gelangen über das Ohr bis ins Gehirn. Auf diesem Weg passieren sie wichtige Schaltstationen

aktualisiert am 29.03.2017

Blick ins Ohr: Außenohr, Mittelohr, Innenohr und Hörnerv stellen eine ausgeklügelte Schallaufbereitungsanlage dar


Winzige, hochsensible Strukturen im Ohr fangen die zahllosen Geräusche und Töne auf, die die Luft aus allen Richtungen zu uns trägt. Dann wird sortiert, gefiltert, verändert, bis die Hörreize wohl aufbereitet Nerven und Gehirnbahnen erreichen. Dort wird das Gehörte schließlich verstanden.

Die akustischen Signale bestehen aus Schallwellen. Das sind Luftdruckveränderungen oder Schwingungen, die unterschiedliche Abfolgen (Frequenzen) und Lautstärken aufweisen. Die Frequenzen stehen für hohe und tiefe Töne. Der Schalldruck bestimmt die Lautstärke.

Die Wege des Schalls vom Außenohr bis ins Gehirn

Die Schallsignale überwinden verschiedene Abschnitte des Ohres: äußeres Ohr, Mittelohr, Innenohr. In jedem dieser Bereiche finden jeweils unterschiedliche Phasen des gesamten Hörvorgangs statt (siehe dazu auch die Grafik oben).

Das äußere Ohr besteht aus der Ohrmuschel und dem äußeren Gehörgang. Wie ein Trichter nimmt es die Schallwellen auf und leitet sie über das Trommelfell an das Mittelohr weiter. Schon auf diesem ersten Weg wird der Schall verändert, teilweise verstärkt, teilweise gedämpft.

Das Mittelohr setzt sich unter anderem aus der lufthaltigen Paukenhöhle mit Gehörknöchelchen und Mittelohrmuskeln sowie dem Warzenfortsatz zusammen. Es passt die erhaltenen Schallsignale an, filtert sie und gibt sie an das Innenohr weiter. Das geschieht mit Hilfe der sogenannten Schallleitungskette. Die eintreffenden Schallwellen versetzen das Trommelfell in Schwingungen. Die beweglichen Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel) nehmen diese auf. Über sie gelangen die unterschiedlichen Signale zum ovalen Fenster, wo sie ins Innenohr übergehen.

Zudem gleicht das Mittelohr über die Ohrtrompete (Tuba oder eustachische Röhre) den sich ständig ändernden Luftdruck der Umgebung aus. Die eustachische Röhre stellt eine offene Verbindung zwischen Mittelohr und Nasenrachenraum dar. Denn damit der Schall ungehindert weitergeleitet werden kann, müssen die Luftdruckverhältnisse im Gehörgang und im Mittelohr stimmen. Über die Tuba können allerdings auch Krankheitserreger ins Mittelohr gelangen.

Störungen und Erkrankungen auf dieser Strecke vom Außen- zum Mittelohr rufen eine Schallleitungsschwerhörigkeit hervor (siehe Kapitel "Außenohrschäden" und Kapitel "Mittelohrschäden").

Im Innenohr erreichen die Schallwellen das mit Flüssigkeit gefüllte Hörorgan (Schnecke oder Cochlea). Hier befinden sich die Hörsinneszellen oder Haarzellen, die die physikalischen Schallsignale in ihren Einzelteilen entschlüsseln und in elektrische Impulse umwandeln. So kann sie der Hörnerv aufnehmen und über die Hörbahnen an bestimmte Gehirnbereiche übermitteln. Vielfältige Nervennetzwerke erkennen die Informationen, ordnen und verknüpfen sie, so dass wir sie schließlich verstehen.

Störungen und Erkrankungen in diesen Abschnitten führen zu Schallempfindungsschwerhörigkeiten. Die häufigsten Hörminderungen stellen hier Innenohrschwerhörigkeiten dar (siehe Kapitel "Übersicht" und Kapitel "Innenohrschäden"). Oft typische Begleiter von Innenohrstörungen sind Ohrgeräusche (Tinnitus).

Im Innenohr befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hörorgan das Gleichgewichtsorgan. Ohrerkrankungen gehen deshalb oft mit Schwindel einher.

Der Hörvorgang steht in vielfältiger Beziehung zu anderen Gehirnaktivitäten und Körperfunktionen.

Gehör und Psyche

Hören ist immer auch ein seelischer Vorgang. So wie Geräusche, Klänge, Stimmen auf unser Befinden wirken, beeinflusst auch unsere psychische Verfassung den Hörsinn. Unter Stress und seelischen Belastungen verspannen sich die Muskeln, der Druck in den Gefäßen steigt, das Stoffwechselgleichgewicht verändert sich – mit Folgen für die Hörfunktion.

Wen Sorgen, Depressionen, Ängste bedrücken, der reagiert weniger konzentriert oder überempfindlich auf die eintreffenden Schallsignale. Fast jeder hat schon mal ein wichtiges Geräusch, etwa ein heranfahrendes Auto, erst in letzter Sekunde gehört, weil er in Gedanken ganz woanders war. Das kann ebenso vorkommen, wenn man aufgeregt oder auch freudig erregt und dadurch abgelenkt ist.

Lärm und Verletzungen sind die Hauptgefahrenquellen für das Ohr

Im Laufe des Lebens erfährt unser Gehör vielfältige Belastungen. Lärm ist die schädlichste davon. Schon junge Menschen können dauerhaft schwerhörig werden, wenn sie häufig heftigen Lautstärken ausgesetzt sind.

Umweltgifte, Medikamente, ein nachlässiger Lebensstil, der die Gefäße schädigt und Abnutzungsprozesse beschleunigt, wirken ein Leben lang nachteilig auf unseren Hörsinn.

Wir können nicht alle Faktoren beeinflussen, aber sehr viel tun, um unser Gehör zu schützen und Hörschäden vorzubeugen. Dazu gehört auch, bei Hörproblemen rechtzeitig einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufzusuchen, damit die Ursachen erkannt und angemessen behandelt werden können.