Schwerhörigkeit – Ursachen: Kreislauf, Herz, Stoffwechsel

Innere Erkrankungen können auch auf das Gehör wirken, so etwa Krankheitsprozesse, die Durchblutung oder Stoffwechsel stören. In der Diskussion: die Halswirbelsäule

aktualisiert am 29.03.2017

Blutdruckmessen: Herz-Kreislauf-Untersuchungen gehören mit dazu, wenn es um Hörprobleme geht


Viele Erkrankungen und Störungen anderer Körperfunktionen können auch den Hörsinn nachteilig beeinflussen. Wenn Durchblutungsstörungen und Stoffwechselprobleme das Gehör miterfassen, beeinträchtigen sie in erster Linie das Innenohr, manchmal auch Hörnerven und Hörbahnen. Deshalb stellt sich dann eine häufig chronische Schallempfindungsschwerhörigkeit ein, die mit Tinnitus und Schwindelbeschwerden verbunden sein kann.

Diagnose und Behandlung innerer Krankheiten liegen bei einem Internisten, der bei auftretenden Hörproblemen einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt hinzuziehen wird. Für einige Erkrankungen ist manchmal auch ein Neurologe gefragt. Die Diagnose ergibt sich für den Arzt aus der ihm häufig bekannten Krankengeschichte und nachdem er mit entsprechenden Untersuchungen typische Innenohrerkrankungen ausgeschlossen hat. Die Therapie richtet sich immer nach der Grunderkrankung. Oftmals bessern sich dann auch die Hörprobleme.

Durchblutungsstörungen, die Schwerhörigkeit auslösen können

Ein gestörter Blutfluss in den Gefäßen führt dazu, dass oft mehrere Körpergebiete unterversorgt sind. Eine mangelhafte Durchblutung kann akut oder chronisch auch das Hörorgan in seiner Funktion behindern.

– Vertebralis-Basilaris-Insuffizienz

Verantwortlich für Hörschäden können Ablagerungen oder Erkrankungen in den Gefäßen sein, die für das Innenohr direkt zuständig sind. Bei einer Vertebralis-Basilaris-Insuffizienz (auch vertebrobasiläre Durchblutungsstörung) ist der Blutfluss in Gefäßästen der Halswirbelarterie (Arteria vertebralis) und einer Arterie im Hirnstamm, der Arteria basilaris, gestört. Die Arteria basilaris geht aus den beiden miteinander vereinigten Halswirbelarterien hervor. Sie ist eine wichtige Schlagader, die das Gehirn und auch das Innenohr versorgt.

Symptome: Als Leitsymptome treten Drehschwindel und Benommenheit auf, vor allem bei bestimmten Kopfbewegungen. Weitere Symptome können eine Hörminderung, Tinnitus, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Sturzattacken oder Ohnmachtsanfälle sein.

Diagnose und Therapie: Die Diagnose ergibt sich aus den miteinander abgestimmten Untersuchungen mehrerer Fachärzte, wie Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Internist, Neurologe, Orthopäde und Radiologe. Gleichgewichtsprüfungen, Gefäßuntersuchungen und bildgebende Verfahren geben häufig Aufschluss.

Die Behandlung richtet sich nach den bestehenden Grunderkrankungen. Ursachen können neben Gefäßerkrankungen und Stoffwechselstörungen auch Schäden an der Halswirbelsäule sein. Je nach Diagnose sind auch operative Eingriffe an den verengten Gefäßen angezeigt.

– Basiläre Migräne

Eine akute Regulationsstörung an der Arteria vertebralis und der Arteria basilaris (siehe oben) ist die basiläre Migräne, eine Sonderform der Migräne. Sie ist mit anfallsartigem Schwindel, Schwerhörigkeit und Kopfschmerzen verbunden. Betroffen sind häufig Menschen, die auch mit Migräne zu tun haben, vor allem jüngere Frauen. Die Therapie richtet sich gegen die Beschwerden wie Schwindel und Erbrechen. Auch Migränemittel können hilfreich sein. Die Hörstörung legt sich meist nach der Akutphase.

– Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Funktionieren Gefäße und Herz nicht mehr geregelt, werden oft das Gehirn und damit das Innenohr schlechter durchblutet. Schwerhörigkeit stellt sich jedoch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen meist nur als zusätzliches Symptom oder als Folge länger andauerndern Mangelversorgung ein.

Bluthochdruck, aber auch Blutdruckregulationsstörungen, etwa im Zusammenhang mit einem niedrigen Blutdruck, spielen hier eine Rolle. Arteriosklerose verengt zunehmend die Gefäße. Herzrhythmusstörungen oder Herzschwäche können neben anderen vorherrschenden Symptomen mit verantwortlich für eine Hörminderung, Ohrgeräusche und vor allem Schwindel sein.

Die genauen Ursachen für eine Schwerhörigkeit zu bestimmen, die gemeinsam mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung auftritt, ist jedoch häufig schwierig. Die Therapie der Grunderkrankung beeinflusst allerdings auch bestehende Hörprobleme oft positiv.

– Blutarmut

Eine Anämie wirkt sich ebenfalls auf die Innenohrdurchblutung und damit die Versorgung des Hörorgans aus. Neben einer Schallempfindungsschwerhörigkeit können Ohrgeräusche auftreten. Beide Beschwerden legen sich aber häufig, wenn das Blut durch eine geeignete Therapie wieder normale Werte aufweist.

Stoffwechselstörungen als Ursache für Hörminderung

Auch bei Stoffwechselproblemen stehen die für die jeweilige Störung kennzeichnenden Symptome im Vordergrund. Manche Erkrankungen begünstigen zusätzlich die Entwicklung von Schwerhörigkeit.

– Diabetes mellitus

Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes begünstigen zum einen Gefäßschäden und damit verbunden Durchblutungsprobleme. Bei schlechter Blutzuckereinstellung können sich darüber hinaus weitere Folgeerkrankungen entwickeln, etwa Schäden an den Nerven, die möglicherweise auch Folgen für die Hörfunktionen haben.

– Schilddrüsenstörungen

Das sogenannte Pendred-Syndrom ist eine Erbkrankheit, bei der Fehlbildungen im Innenohr zu einer beidseitigen Schallempfindungsschwerhörigkeit führen. Gleichzeitig leiden die Betroffenen an einer bestimmten Form von Schilddrüsenunterfunktion.

– Harnvergiftung

Eine medizinisch als Urämie bezeichnete Stoffwechselstörung kann bei einer Niereninsuffizienz auftreten. Sie führt dazu, dass sich Stoffe, die normalerweise über den Harn ausgeschieden werden, im Blut ansammeln. Die Vergiftung im Rahmen der Nierenschwäche kann auch auf den Innenohrstoffwechsel übergreifen.

– Erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämie)

Sind die verschiedenen Fettanteile im Blut im Ungleichgewicht und überwiegen möglicherweise "aggressivere" Fette, schädigt das auf Dauer die Gefäße. Auch der Innenohrstoffwechsel kann dadurch beeinträchtigt sein und in der Folge eine  Schwerhörigkeit entstehen. Fettstoffwechselstörungen sehen Mediziner auch als eine der möglichen Auslöser für einen Hörsturz (siehe Kapitel "Innenohrschäden").

– Vitamin- und Mineralstoffmangel

Dazu kann es etwa infolge einseitiger Ernährung oder von Essstörungen kommen. Mangelt es an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen, gerät der Wasser-Salz-Haushalt im Körper aus dem Gleichgewicht. Das wirkt sich auf den Stoffwechsel, viele Nerven- und Muskelfunktionen sowie die Blutbildung aus. Mediziner haben festgestellt, dass Hörprobleme vor allem bei einer Mangelsituation an Folsäure und Vitamin B12 auftreten.

Autoimmunerkrankungen, die mit Schwerhörigkeit einhergehen

Bei einer Autoimmunkrankheit richtet sich die Immunabwehr fälschlicherweise gegen körpereigene Strukturen. Eine Schallempfindungsschwerhörigkeit auf beiden Seiten, die sich manchmal rasch verschlechtert oder in der Intensität wechselt, kann manchmal im Rahmen von Autoimmunkrankheiten oder Systemerkrankungen auftreten, die kleine wie große Blutgefäße angreifen. Sie kommt vor allem bei eher seltenen Formen wie der Wegener-Granulomatose (Granulomatose mit Polyangiitis) vor, bei der sich kleine bis mittlere Blutgefäße entzündlich verändern. Anfangssymptome betreffen vor allem Mund, Nasen-Rachen-Raum, Mittel- und Innenohr und Lungen. Später kann die Erkrankung auch die Nieren und andere Organe sowie unterschiedliche Nerven erfassen.

Fehlgeleitete Abwehrreaktionen greifen beim ebenfalls seltenen Cogan-Syndrom verschieden große Gefäße an. Sie zielen insbesondere auf Augen und Ohren. Typisch sind hier gerötete Augen, Augenentzündungen, Sehstörungen, Schwindelanfälle mit Übelkeit und Erbrechen, Tinnitus und Schwerhörigkeit.

Halswirbelsäulenschäden und Schwerhörigkeit: Schwierige Spurensuche

Fachleute diskutieren seit längerem, ob ein Zusammenhang zwischen Erkrankungen der Halswirbelsäule und Hörstörungen sowie Tinnitus besteht.

Schäden an der Halswirbelsäule, etwa durch Unfälle oder Abnutzungserscheinungen, wirken sich möglicherweise auf das Innenohr aus. Sie können zum Beispiel Nervenbahnen oder Arterien wie die Halswirbelarterie (Arteria vertebralis, siehe oben), die auch das Innenohr versorgen, in Mitleidenschaft ziehen. Die Folge ist manchmal ein sogenannter zervikaler Schwindel, den Ohrgeräusche und ein ein- oder beidseitiger Hörverlust begleiten können. Diese Beschwerden setzen sich manchmal chronisch fest. In welcher Weise das geschieht, ist noch nicht geklärt.

Halswirbelsäulenprobleme als Ursache für Hörstörungen eindeutig zu belegen, gestaltet sich oft schwierig. Neben Hörtests und Gleichgewichtsprüfungen sind Untersuchungen beim Orthopäden angezeigt. Andererseits treten Störungen an der Halswirbelsäule und Schwerhörigkeit häufig gleichzeitig, aber unabhängig voneinander auf. Stress und Verspannungen begünstigen nicht selten beide Gesundheitsprobleme.