Ursachen von Leistenschmerzen: Leistenbruch, Schenkelbruch

Eine Schwellung in der Leiste deutet zum Beispiel auf einen Leistenbruch hin. Sie kann schmerzlos sein, sollte aber vom Arzt abgeklärt werden. Starker Leistenschmerz ist ein Notfall

von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 07.03.2017

Ein Leistenbruch gehört operiert


Leistenbruch: Hintergrund

Männer haben etwa acht- bis neunmal so häufig wie Frauen mit Leistenbrüchen zu tun. Ein wichtiger Grund liegt in der Anatomie. Bis zur Geburt wandern bei männlichen Babys die Hoden aus dem Bauchraum durch den Leistenkanal an ihren endgültigen Ort im Hodensack. Danach schließt sich der Kanal. Gelegentlich holt das Baby diesen Schritt in den ersten Lebensmonaten nach. Manche Kinder behalten einen zu weiten Kanal – und damit eine Schwachstelle, die Leistenbrüche zeitlebens begünstigt.

Bei etwa drei Prozent der männlichen Neugeborenen erreicht zudem der Hoden bei seiner Wanderung nicht rechtzeitig sein Ziel: Er bleibt in der Leiste stecken (Leistenhoden, eine Form des Hodenhochstands; mehr dazu im entsprechenden Beitrag auf unserem Partnerportal www.baby-und-familie.de). Der Stillstand bringt verschiedene Risiken mit sich, unter anderem die Neigung zum Leistenbruch. Angeborene Leistenbrüche sind bei Säuglingen und Kleinkindern recht häufig. Treten Leistenbrüche erst im Erwachsenenalter auf, werden sie als "erworben" bezeichnet.

Indirekte Leistenbrüche sind häufiger als direkte

Junge Menschen, insbesondere Männer, die viel Bodybuilding machen oder Gewichte heben, riskieren mitunter eine Hernie. Allerdings sind die körperlichen Kraftakte nur der Auslöser. Die Ursache ist ein von Geburt an zu weiter Leistenkanal. Solchermaßen erworbene Leistenbrüche bei jungen Menschen heißen – wie die angeborenen Leistenbrüche auch – indirekte Hernien, weil sie den Leistenkanal als Weg nutzen. Sie sind die häufigste Form und kommen in eher etwas seitlicher Lage (lateral) zum Vorschein.

Manchmal ereignet sich ein Leistenbruch erst im späteren Erwachsenenalter. Dabei spielen erschlaffte Bauchmuskeln, vorausgegangene Operationen und wiederholte Druckanstiege im Bauchraum eine Rolle – etwa beim Husten (betrifft häufig Raucher und Patienten mit chronischer Bronchitis), Pressen (wegen chronischer Verstopfung) oder Niesen (typisch bei allergischen Atemwegserkrankungen). Dabei müssen Brüche nicht immer den indirekten Weg entlang des Leistenkanals nehmen, sondern können auch an einer Schwachstelle daneben durch die Bauchwand treten. Dann heißen sie direkte Leistenbrüche und liegen mehr zur Mitte hin (medial). Es gibt auch Mischformen.

Spezialfall: Sportlerleiste

Sportlich sehr Aktive haben des öfteren mit einer sogenannten Sportlerleiste zu tun: bei bestimmten Bewegungen treten immer wieder Schmerzen in der Leiste auf. Dabei kommt es möglicherweise durch wiederholte Erhöhung des Bauchinnendrucks (siehe oben) zu einer Reizung von Nerven in der Leisten(kanal)gegend. Besonders bei Fußball- und Eishockeyspieler oder auch Läufern sind bekannt dafür. Der Arzt wird dann einen sich entwickelnden Leistenbruch ausschließen. Mehr dazu im Kapitel "Muskeln, Sehnen, Gelenke").

Die Situation bei Frauen

Bei Frauen ist der Leistenkanal schmäler als beim Mann und enthält nur das "Mutterband", das Halteband der Gebärmutter. Gewebeschwäche, die mit dem Alter zunimmt, Fettleibigkeit und gynäkologische Operationen gehören zu den Faktoren, die bei Frauen das Risiko für Leistenbrüche, vor allem aber Schenkelbrüche (siehe unten), erhöhen. Ist der Leistenkanal vom ersten Tag an weit geblieben, entwickelt sich manchmal in der Schwangerschaft ein Leistenbruch.

Leistenbruch: Komplikationen

Nicht nur, dass sich bei einer Hernie gleich neben dem Intimbereich eine unschöne Beule zeigt, die besonders beim Husten, Heben oder Pressen hervortritt. Mitunter reicht ein Bruch auch bis in den Hodensack, der sich dann deutlich vergrößert (Hodensackbruch oder Skrotalhernie). Mehr noch: Möglicherweise klemmt sich Baucheingeweide mit ein. Das ist nicht nur sehr schmerzhaft, sondern lebensgefährlich und daher ein Notfall: Hat sich zum Beispiel eine Darmschlinge in einem Bruchsack verfangen, droht ein Darmverschluss, bei mangelnder Durchblutung geht Darmgewebe zugrunde, in der Folge kann sich eine bedrohliche Bauchfellentzündung entwickeln. Dann ist eine Notoperation fällig. Auch die Kleinsten sind bei einem Leistenbruch nicht vor Einklemmungen von Darmschlingen (bei Mädchen auch von Eierstockgewebe) gefeit.
! Wichtig: Um diese Komplikationen zu verhindern, sollten Leistenbrüche in jedem Lebensalter rechtzeitig operiert werden.

Symptome bei einem Leistenbruch

Bei Babys oder Kleinkindern werden mitunter die Eltern fündig, wenn der Bruch (falls nicht schon vom Kinderarzt festgestellt) zufällig als "Beule" in der Leiste oder im Hodenbereich in Erscheinung tritt, bei Jungen häufiger auf der rechten Seite. Signalisiert ein betroffenes Kind eine deutliche Berührungsempfindlichkeit oder sogar Schmerzen in dem Bereich, muss es umgehend zum Kinderarzt oder in eine Klinik gebracht werden. Auch bei Erwachsenen kann ein Leistenbruch als zeitweise, ständig oder zunehmende sicht- oder tastbare Vorwölbung in der Leiste oder am Hoden auffallen. Mitunter ist die Stelle unterschwellig oder stechend schmerzhaft, ohne dass sich sonst etwas zeigt. Eine vorhandene Schwellung in der Leiste wird im Stehen oder beim Husten oft besser sichtbar. Achtung: Wenn zunehmende Schmerzen an der Vorwölbung auftreten, sofort zum Arzt, da es sich um eine beginnende Einklemmung handeln kann. Löst allein schon das Berühren der Schwellung Schmerzen aus oder ist die Stelle auffällig gerötet oder dunkler verfärbt, ist Gefahr im Verzug: Ein Bruch, der sich nicht mehr zurückschieben lässt, ist womöglich schon in eine kritische Phase eingetreten. Dabei sind auch Allgemeinsymptome wie beispielsweise Übelkeit und Kreislaufschwäche möglich.

Leistenbruch: So stellt der Arzt die Diagnose

Der Kinderarzt kontrolliert bei den Vorsorgeuntersuchungen ab der Geburt unter anderem den Leisten- und Hodenbereich auf beiden Körperseiten im Hinblick auf eine Vorwölbung. Bei Jungen achtet er zudem auf einen möglichen Hodenhochstand. Bei kleinen Mädchen kann der Schambereich durch einen Bruch verdickt sein. Ein Leistenbruch verstärkt sich oft beim Husten. Sucht also jemand wegen einer "schmerzhaften Beule", einer "Schmerzempfindung" oder eines "komischen Gefühls" in der Leiste den Arzt auf, so testet dieser während der Untersuchung genau dieses Phänomen.

Es gibt bei Leistenhernien mehrere Stadien. Eventuell lässt sich nur eine "weiche Leiste" feststellen. Das bedeutet, dass die Hinterwand des Leistenkanals erschlafft ist, ohne dass sich eine Vorwölbung provozieren lässt. Das ist zwar noch keine Hernie, begünstigt aber die Entwicklung dazu. Dieses Stadium ist jedoch etwas umstritten. Die erste Stufe ist eine beginnende Hernie. Sie ist fühlbar, aber nicht sichtbar: Nur der untersuchende Finger des Arztes spürt die Vorwölbung beim "Druckmanöver" (Pressen oder Husten). Eine komplette Hernie ist im Stehen oder beim Pressen sichtbar. Normalerweise lässt sie sich zurückschieben (reponieren). Ist dies nicht mehr der Fall, zeichnet sich womöglich eine Einklemmung ab (siehe oben, Notfall: Abschnitte "Komplikationen" und "Symptome"). Manchmal sind es aber auch Verwachsungen.

Eine dynamische Ultraschalluntersuchung im Stehen und Liegen mit Pressmanöver und auf beiden Körperseiten (daher die Bezeichnung dynamisch) sichert in der Regel die Diagnose, besonders in schmerzlosen Situationen, weil der Druck durch den aufgelegten Schallkopf hier kein Problem ist. Inzwischen setzen Ärzte häufiger ein bildgebendes Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) ein. Außerdem können verschiedene Laboranalysen notwendig sein.

Therapie: Ein Leistenbruch wird bei Männern im Falle von Beschwerden und Wiederauftreten operiert, bei Frauen und Kindern immer

In Deutschland und auch weltweit gehören Leistenoperationen, auch Hernioplastik genannt, zu den häufigsten Operationen. Insbesondere bei Kleinkindern gilt es, einen unkomplizierten Leistenbruch möglichst innerhalb eines Monats zu beheben. Im Hinblick auf Erwachsene hat sich bei den Ärzten ein gewisser Sinneswandel eingestellt: Männer können bei einem beschwerdefreien und stabilen, nicht größer werdenden Leistenbruch im Normalfall bis auf Weiteres sorgfältig beobachtet werden (engl. watchful waiting). Der Arzt wird die Strategie und mögliche oder nötige Abweichungen davon mit dem Patienten individuell besprechen. Bei Frauen gilt nach wie vor die Operationspflicht eines Leisten- beziehungsweise Schenkelbruchs.

Ärzte operieren entweder, indem sie die Leiste von außen mit einem unterschiedlich tiefen Schnitt eröffnen, oder indem sie eine sogenannte minimal-invasive oder laparoskopische Operationstechnik (sogenannte Schlüsselloch-Chirurgie) anwenden. Ziel der Reparatur ist, verlagertes Gewebe zurückzuverlagern und die Bruchpforte sicher zu verschließen. Das soll erneute Brüche vermeiden helfen. Dazu dienen bestimmte Nahttechniken oder die Verstärkung mit einem Kunststoffnetz (sogenanntes Mesh). Das Netz verwächst allmählich mit der Umgebung, wobei es sich auch teilweise auflösen kann. Es stabilisiert also anfangs den Bruchverschluss. Danach verbleibt nur ein Minimum des Fremdmaterials im Körper. Das Nahtmaterial löst sich ebenfalls mehr oder weniger auf (resorbierbares, teilresorbierbares oder nicht resorbierbares Material).

Aus der Vielfalt möglicher Verfahren und damit auch Betäubungsverfahren wählt der Operateur jeweils das individuell passende. Dabei spielen unter anderem das Alter des Patienten, Anforderungen an seine körperliche Belastbarkeit, die Größe und Lokalisation des Bruches und weitere Begleitumstände eine Rolle, etwa: erstmaliger oder Wiederholungs-Bruch, ein- oder beidseitige Lage, akute Einklemmung, sehr schlaffes Gewebe, Bauchfett. Bei Kindern, jungen Menschen und Sportlern mit kleinen Brüchen gilt zum Beispiel das klassische Vernähen ("minimal repair") oft als gut geeignet.

Leistenbruch-Operationen laufen heute meist ambulant ab. Die Mehrzahl der Patienten sind anschließend wieder mobil und können nach ein bis zwei Tagen ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen, zunächst mit körperlicher Schonung.

Diese Komplikationen können nach dem Eingriff auftreten

Mögliche Frühkomplikationen sind Schwellungen und Blutergüsse, Verletzungen von Darm, Blase, Nerven und Gefäßen, sodann Wundinfektionen. Schmerzen nach dem Eingriff wird der Arzt gezielt behandeln.

Zu den Spätkomplikationen ab einigen Monaten nach dem Eingriff gehören chronische Leistenschmerzen durch Nervenreizungen, beispielsweise bei Entzündungsreaktionen des Körpergewebes auf eingenähtes Netzmaterial, sehr selten Schrumpfen oder Verlust des Hodens aufgrund von Durchblutungsstörungen (das kann im Extremfall allerdings auch durch einen großen Bruch in den Hodensack hinein passieren), ein Wiederauftreten des Bruches (Rezidivhernie) und Schmerzen.

Übrigens: Bruchbänder verfehlen das Ziel, Beschwerden zu beheben und Komplikationen wie eine Einklemmung zu vermeiden und sind daher out!

Vertiefende Informationen, insbesondere auch zu den verschiedenen Operationstechniken, finden Sie im Ratgeber "Leistenbruch (Hernie)".

Sonderfall Schenkelbruch (Schenkelhernie)

Mit einem Bruch des Oberschenkelknochens haben Schenkelbrüche nichts zu tun. Diese leistennahe Form des Eingeweidebruches betrifft in erster Linie Frauen. Schenkelbrüche sind eher bei (älteren) Frauen ein Thema als bei Männern. Und: Sie kommen deutlich seltener vor als Leistenbrüche. Mitunter widerfährt Männern aber beides: Nach einer Leistenbruchoperation erhöht sich bei ihnen das Risiko einer Schenkelhernie.

Als Lücke fungiert hier die Durchtrittsstelle für die Gefäße und Nerven, die unter dem Leistenband zum Oberschenkel ziehen. Das Leistenband spannt sich zwischen dem vorderen Beckenknochen und dem Schambein auf. Schenkelbrüche kommen immer unterhalb des Bandes zum Vorschein, sprich: unterhalb der Leiste. Wenn eine Darmschlinge oder ein Teil der Blase mit hineinrutscht, wird das Gewebe aufgrund der Enge der "Bruchpforte" leicht eingeklemmt – jedenfalls ist das entsprechende Risiko hier noch höher als bei Leistenbrüchen.
Symptome: Schenkelbrüche bleiben wie Leistenbrüche zunächst oft unbemerkt. Manchmal zeigt sich im Stehen unterhalb der Leiste am Oberschenkel eine Schwellung oder Beule. Normalerweise verschwindet sie im Liegen oder der Arzt kann sie zurückschieben. Falls das nicht der Fall ist und / oder starke Schmerzen in der Leiste vorhanden sind, deutet das auf eine Einklemmung hin.
Diagnose: Richtungweisend sind die Krankengeschichte, das Beschwerdebild und die körperliche Untersuchung. Bei zu viel Körperfett kann es unmöglich sein, den Bruch zu tasten. Meist hilft dann eine Ultraschalluntersuchung weiter.
Therapie: Schenkelhernien behandelt der Arzt ebenfalls operativ, allemal bei einer Einklemmung. Um die Bauchdecke zu verstärken, näht der Chirurg hier häufig ein Netzmaterial mit ein.


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