Ursachen von Leistenschmerzen: Harnsteine, Hoden & Co.

Harnsteine und akute Erkrankungen des Hodens oder Nebenhodens können heftige Schmerzen im Unterbauch, Leisten- und Hodenbereich auslösen. Betroffe brauchen umgehend ärztliche Hilfe

von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 07.03.2017
Harnsystem

Nieren und Harneiter (gelb koloriert) – manchmal ein steiniger Weg


Das kleine Becken beherbergt so empfindliche Gebilde wie die unteren Harnwege, die inneren Fortpflanzungsorgane, den letzten Abschnitt des Darmes, dazu Gefäße, Nerven und Lymphbahnen. Bei Männern sind die Harnwege und das äußere Genitale häufiger Ausgangspunkt für Schmerzen, die bis in die Leiste ausstrahlen können.

Harnleiterstein, Blasenstein: Schmerzen bis in die Leiste möglich

Wenn Salze, die normalerweise im Urin gelöst sind, auskristallisieren und die Kristalle sich verdichten, entstehen Harnsteine. Bestimmte Umstände können das begünstigen. Oft ist zum Beispiel das Gleichgewicht zwischen "steinhemmenden" und "steinbildenden" Stoffen im Urin zugunsten Letzterer verschoben. "Steinbildend" sind Ionen von Salzen wie Kalzium, Phosphat, Oxalat, Urat. "Steinhemmend" wirkt dagegen beispielsweise Zitrat. Das ist das Salz der Zitronensäure, natürlicher Bestandteil in Zitrus- und anderen Früchten.

Schematische Darstellung von der Niere bis zur Harnröhre

Daneben spielen noch weitere Faktoren eine Rolle, etwa der Säuregrad des Urins, der Wasser- und Salz-Haushalt, die individuelle durchschnittliche Urinmenge pro Tag, die Ernährung, der Stoffwechsel, Erkrankungen der Nieren, Harnabflussstörungen, Bewegungsmangel bis hin zu Bettlägerigkeit.

Ärzte unterscheiden zwei Hauptgruppen von Steinen: anorganische, zum Beispiel Kalziumoxalatsteine, und organische wie Harnsäuresteine. Abgehende Harnsteine können je nach Größe heftige Koliken auslösen. Winzige Bröckel passieren meist unbemerkt die Harnwege und werden mit dem Urin ausgeschieden, ebenso Grieß. Probleme bereiten eher die sehr beweglichen Exemplare mit einer Zwischengröße von mehreren Millimetern, da sie die Wände des Harnleiters streifen. Dann kommt es zu den gefürchteten Kolikschmerzen (Notfall!). Blut im Urin kann eine Verletzung beim Steinabgang anzeigen. Bleibt ein Stein unterwegs stecken, entwickelt sich ein Harnstau. Größere Steine können das Nierenbecken nicht verlassen. Anzeichen dafür können ziehende Schmerzen in der Flanke sein.

Symptome: Es kommt zu einem anschwellenden Schmerz, der nach wenigen Stunden einen oft als "vernichtend" empfundenen Höhepunkt erreicht, um dann langsam wieder abzuklingen. Je nach Lage des Steines strahlt der Schmerz in den Rücken, seitlich in die Flanke, den Unterbauch, die Leiste oder das Genitale aus. Dazu ist quälender Harndrang möglich. Der Bauch wirkt aufgebläht, und die Betroffenen krümmen sich nahezu vor Schmerzen, ihnen wird übel, sie bekommen Schweißausbrüche, sind extrem blass und bewegen sich unruhig hin und her. Mitunter ist der Urin blutig. Wer so etwas das erste Mal erlebt, befürchtet das Schlimmste. Treten zusätzlich Fieber und Schüttelfrost auf, ist das ein Warnsignal für eine Infektion der Harnwege (Notfall!).

Diagnose und Therapie: Es ist wichtig, sofort einen Arzt hinzuzuziehen – im Zweifel den Notarzt – oder sich in eine Notambulanz zu begeben. Hauptgefahr bei einem Harnsteinleiden ist ein Harnstau mit bakterieller Nierenbeckenentzündung und Übertritt der Keime ins Blut. Ohne Behandlung drohen eine Blutvergiftung (Urosepsis) und ein Kreislaufschock.

Daher geht es neben der sofortigen Schmerzbekämpfung darum, die Ursachen rasch einzugrenzen, um sie ebenfalls so schnell wie möglich zu beheben. Erste richtungweisende Schritte: Ultraschalluntersuchungen sowie But- und Urinanalysen. Mitunter sind noch weitere Diagnosemaßnahmen notwendig, etwa eine Computertomografie (CT) und ein EKG. Denn neben einem Harnstein kommt unter anderem auch eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung oder ein Gefäßverschluss im Bauch infolge einer Herzerkrankung infrage.

Ein sich ausdehnendes Bauchaortenaneurysma (Gefäßwandaussackung der Hauptschlagader), eine Blinddarmentzündung (Schmerzen im Allgemeinen mehr rechts im Unterbauch), eine akute Divertikelentzündung des Dickdarmes (Schmerzen im Allgemeinen mehr links im Unterbauch), bei Frauen außerdem eine akute Unterleibserkrankung, etwa die Stieldrehung einer Eierstockzyste, gehören ebenfalls zu den möglichen Schmerzursachen.

Harnstein

Bei entsprechenden diagnostischen Hinweisen lässt sich die Ursache meist durch einen minimal-invasiven Eingriff sichern und sofort gezielt angehen: an den Harnwegen mittels Endoskopie (Ureterorenoskopie), Punktion des Nierenbeckens von außen (perkutane Nephrolitholapaxie), an den Gefäßen mittels eines Katheterverfahrens, in der Bauchhöhle mittels einer Spiegelung (Laparaskopie) und minimal-invasiven Operation. Unter bestimmten Voraussetzungen lassen Nierensteine sich auch durch Stoßwellen von außen (extrakorporale Stoßwellenlithotripsie, ESWL) behandeln.

Weitere Informationen zu Diagnose, Therapie und Vorbeugung in den Ratgebern "Nierensteine" und "Blasenstein", "Bauchschmerzen" und "Schmerzen im Unterleib".

Akute Hodenschmerzen: Bis zum Beweis des Gegenteils Notfälle!

Die wichtigsten Probleme hier sind allesamt akute Krankheitsbilder, ja Notfälle: die Hoden(stiel)verdrehung (Hodentorsion), eine Hydatidentorsion und ein eingeklemmter Leisten- beziehungsweise Hodenbruch. Auch eine akute Entzündung des Nebenhodens (Epididymitis) muss sofort behandelt werden. Die jeweils akut auftretenden Schmerzen können in die Leiste ausstrahlen. Weitere mögliche Leitsymptome sind Schwellungen und / oder Verfärbungen des Hodens oder im Leistenbereich. Die Betroffenen wirken häufig sehr krank, wobei sich das je nach Alter und Ursache unterschiedlich äußert.

Hodentorsion (Schematische Darstellung)

Hodenstieldrehung (Hodentorsion): Dazu kommt es  am häufigsten im Säuglings- und Kindesalter bis etwa sechs Jahren und bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (15 bis 25 Jahren). Der Hoden, der Nebenhoden und der Samenstrang können sich teilweise, komplett und mehrfach um die eigene Achse drehen und die Hodengefäße dabei abschnüren. Ohne schnellstmögliche Wiederherstellung der Durchblutung – etwa nach vier bis sechs Stunden – ist die Gefahr groß, dass das Hodengewebe Schaden nimmt oder abstirbt. Das hat Folgen für den Hormonhaushalt und die Fruchtbarkeit.

Offenbar gibt es eine gewisse Neigung zur Torsion: dabei ist der Hoden unzureichend im Hodensack verankert und tendiert zu einer Querlage. Dann genügt mitunter schon eine falsche Bewegung, und das Malheur ist passiert. Auch bei Hoden, die nicht in den Hodensack gewandert sind (Hodenhochstand), ist das Rotationsrisiko erhöht.

Symptome: Babys reagieren auf die plötzlich sehr starken Schmerzen, auch "Bauchschmerzen", mit großer Unruhe, sie schreien und verweigern die Nahrung. Der Hoden oder die Leiste ist geschwollen und extrem berührungsempfindlich. Meist steht der Hoden etwas höher, ist gerötet oder sogar bläulich verfärbt. Bei Jugendlichen tritt die Torsion meist plötzlich nach einer abrupten Bewegung im Sport, bei einem Unfall, manchmal scheinbar auch aus dem Nichts heraus auf, etwa im Schlaf. Das akute Schmerzereignis löst häufig auch Übelkeit und Erbrechen aus.

Diagnose und Therapie: Der Chirurg/Kinderchirurg untersucht den Patienten sofort gründlich körperlich. Dabei ergibt sich, dass der verdrehte Hoden höher steht und der Kremasterreflex (das heißt, dass sich der Hoden, wenn man über die Innenseite der Oberschenkel streicht, nach oben "bewegt") nicht mehr funktioniert. Entscheidend ist die seitenvergleichende Ultraschallschalluntersuchung mit Durchblutungsmessung (Dopplersonografie). Um den Hoden zu retten, ist eine Operation unerlässlich. Sollte der Arzt sich nicht ganz sicher sein, ob wirklich eine Hodenstieldrehung vorliegt, kann er den Zustand des Hodens und Samenstrangs nach operativer Freilegung unter Sicht beurteilen und das Gewebe gegebenenfalls retten. Bei der Operation rückt der Arzt den verdrehten Hoden gerade und befestigt ihn, sofern die Durchblutung funktioniert. Ist der Hoden jedoch bereits komplett geschädigt, muss er entfernt werden. Vorsorglich wird auch die Gegenseite stabilisiert (Orchidopexie).

Ausführlicher können Sie alles Wichtige im Ratgeber "Hodentorsion" nachlesen.

Hydatidentorsion: Hinter einem akuten Hodenschmerz mit Schwellung kann auch eine Hydatidentorsion stecken. Als Hydatide wird ein Anhängsel des Hodens an seinem oberen Pol bezeichnet, ein Rest aus der Embryonalentwicklung. Die Drehung erfolgt im Stielbereich, also an der Verbindung zum Hoden. Am häufigsten kommt das bei Kleinkindern und Jungen um das zehnte Lebensjahr vor. Manchmal liegt zugleich ein Wasserbruch (eine Hydrozele) vor. Eine Hydatidendrehung gefährdet den Hoden selbst nicht. Die Hydatide kann sich jedoch von der Durchblutung abschnüren, absterben und vernarben. 

Symptome: Es kommt plötzlich zu Schmerzen im Hoden, aber weniger heftig als bei einer Hodenstieldrehung. Meistens lassen die Schmerzen von selbst wieder nach. Mitunter schimmert das dunkel verfärbte Anhängsel des Hodens bläulich durch die Hodenhaut hindurch (sogenanntes "blue dot sign"). Eine vernarbte Hydatide kann als Knötchen tastbar sein.

Diagnose und Therapie: Zentrale Untersuchungsschritte sind der Tastbefund, die Ultraschalluntersuchung mit Durchblutungsmessung (Dopplersonografie). Dabei erkennt der Arzt auch einen begleitenden Wasserbruch. Der Hebereflex des Hodens (Kremasterreflex) ist erhalten (der um seinen Stiel gedrehte Hoden steht meist höher und zeigt den "Bewegungsreflex" dagegen nicht mehr).

Je nach Umstand wird das Krankheitsbild konservativ (Kühlung, Hochlagerung, entzündungshemmendes Schmerzmittel), bei Komplikationen, etwa fortbestehenden Schmerzen, auch operativ behandelt. Die konservative Therapie setzt voraus, dass eine Hodenstieldrehung ausgeschlossen wurde.

Akute Entzündung des Nebenhodens (Epididymitis): Dass ein Harnwegsinfekt, also eine bakterielle Infektion der Harnröhre, Blase oder Prostata (siehe unten) auf den Nebenhoden übergeht, kommt häufiger bei älteren Männern vor, die einen Blasenkatheter tragen. Dies kann zum Beispiel wegen einer Entleerungsstörung der Harnblase notwendig sein. Eine Nebenhodenentzündung kann auch nach einem urologischen Eingriff oder im Rahmen einer sexuell übertragenen Infektion der Harnröhre oder Prostata auftreten. Bei Säuglingen, Kleinkindern und Jugendlichen sind häufig Viren die Auslöser.

Symptome: Es kommt zu einer äußerst schmerzhaften Schwellung des Hodensackes auf der erkrankten Seite. Die Haut ist dort gerötet und überwärmt. Dazu treten je nach Erreger auch Allgemeinsymptome wie Fieber, Schüttelfrost und Abgeschlagenheit auf. Die Beschwerden entwickeln sich nicht ganz so plötzlich wie zum Beispiel bei einer Hodentorsion (siehe oben). Eventuell verweisen Blasenbeschwerden wie Schmerzen beim Wasserlassen und häufiger Harndrang auf die Quelle – eine Harnwegsinfektion (mögliche Ursache: Infektion infolge eines Blasenkatheters).

Diagnose und Therapie: Der Arzt stellt einen stark geschwollenen und (druck-)schmerzhaften Nebenhoden fest, wobei dieser beim Tasten kaum noch vom Hoden unterscheidbar sein kann. Mittels Ultraschall ist das jedoch möglich, und es lassen sich damit auch andere Erkrankungen oder Komplikationen, etwa eine eitrige Einschmelzung (Abszess), ausschließen. Der Urinbefund spiegelt den Harnwegsinfekt wider, eine Blutanalyse bestätigt die Entzündung. Eine Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel (Miktionszysturogramm) ermöglicht, Abflussbehinderungen zur Harnröhre hin zu erkennen. Eine absolut operationspflichtige Hodentorsion (Notfall-OP!) muss der Arzt natürlich vorab ausschließen.

Sofortige Behandlung mit Antibiotika und Maßnahmen zur Beschwerdelinderung stehen an erster Stelle. Der Hoden wird hochgelagert und gekühlt. Eventuell betäubt der Arzt den Samenstrang örtlich. Dazu: Bettruhe, entzündungshemmende Medikamente. Falls die Blasenentleerung Probleme macht, muss der Urin eventuell vorübergehend über einen Katheter durch die Bauchdecke abgeleitet werden. Eine eitrige Einschmelzung macht einen Eingriff erforderlich. Regelmäßige Nachkontrollen sind wichtig, da die Entzündung wieder aufflammen kann.

Im Ratgeber "Nebenhodenentzündung" lesen Sie mehr über das Krankheitsbild.

Hodenkrebs: Schmerzen nicht obligatorisch, Heilungschancen gut

Er macht sich manchmal mit einem Ziehen oder Schweregefühl nicht nur am Hoden, sondern auch in der Leiste bemerkbar. Die insgesamt seltene Krebsform gehört bei jungen Männern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren immerhin zu den führenden Krebserkrankungen. Nach der feingeweblichen Beschaffenheit unterscheiden Ärzte bei diesen Tumoren sogenannte Seminome und Nicht-Seminome. Letztere sind sehr unterschiedlich aufgebaut. Ein "greifbarer" Risikofaktor für Hodenkrebs ist ein Hodenhochstand im Kindesalter, ein weiterer die Körpergröße: Auch hoch gebaute Männer haben ein gewisses Risiko. Daneben spielen wohl auch erbliche Faktoren eine Rolle. Vieles liegt hier aber noch im Dunkeln. Ganz überwiegend tritt Hodenkrebs nur auf einer Seite auf.

Symptome: Eine sicht- oder tastbare Veränderung am Hoden, ein Knoten, der aber nicht schmerzen muss, ist immer auffällig. Das gilt auch für eine einseitige Vergrößerung oder Schwellung des Hodens. Manchmal lässt sich auch ein Schweregefühl oder Ziehen am Hoden und / oder in der Leiste verspüren. Gehen Sie in allen diesen Fällen sofort zum Arzt.

Wichtig: Männer sollten sich regelmäßig selbst untersuchen. Je früher der Tumor entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen.

Weiterführende Informationen zur Diagnose und Therapie finden Sie im Ratgeber "Hodenkrebs"