{{suggest}}


Schmerzmittel: Opioid-Forschung

Opioide sind gegen Schmerzen gedacht, die anders nicht zu lindern wären. Wissenschaftler arbeiten an Opioiden ohne starke Nebenwirkungen

von Dr. Reinhard Door, 14.03.2019
Schlafmohn: Sein Milchsaft enthält Morphin, die "Mutter der Opioide"

Schlafmohn: Sein Milchsaft enthält Morphin, die "Mutter der Opioide"


Sie sind die stärksten schmerzhemmenden Medikamente, einerseits. Andererseits können sie süchtig machen, die Atmung bremsen und weitere Nebenwirkungen hervorrufen wie quälendes Haut­jucken, Übelkeit, schwere Verstopfungen. Die Therapie mit sogenannten Opioiden ist ein zweischneidiges Schwert.

Schon seit Langem gibt es Versuche, die gute Seite des Wirkstoffs zu nutzen – ohne die schlechte in Kauf nehmen zu müssen. Der wohl erste liegt 120 Jahre zurück. Damals kam eine chemisch leicht veränderte Substanz auf den Markt: Heroin. Die Hoffnung, diese Morphin-Alternative würde nicht abhängig machen, hat sich nicht bewahrheitet. Auch alle anderen Versuche, starke Schmerzen ohne Nebenwirkungen zu lindern, sind bisher gescheitert – obwohl Wissenschaftler die Wirkmechanismen von Opio­iden heute viel besser verstehen.

Opioid-Einsatz: Kontinuierlicher Anstieg

Im Jahr 2008 wurden 360 Millionen Tagesdosen von Opioiden ärztlich verordnet, im Jahr 2017 waren es 423 Millionen Tagesdosen: Die Verordnungszahlen für Opioide steigen in Deutschland langsam, aber stetig. Aktuelle Daten zu den Anwendungsgebieten fehlen. Doch einer Untersuchung aus 2010 zufolge werden drei Viertel der Rezepte nicht für das eigentliche Anwendungsgebiet Tumorschmerzen ausgestellt.

Aktuell aber schicken sich Forschergruppen verstärkt an, dem Ziel endlich näher zu kommen. Zum Beispiel ein internationales Team mit deutscher Beteiligung. Opioide setzen im Körper an bestimmten Rezeptoren an. Die Wissenschaftler haben am Computer drei Millionen Substanzen da­raufhin untersucht, ob sie zu diesen Rezeptoren passen. 23 mögliche Kandidaten blieben übrig, an einem hat das Team weiter gearbeitet.

Versuche machen Hoffnung

Das Ergebnis: PZM-21. Die Substanz passt nicht nur exakt in den Rezeptor. Sie schafft es auch, durch diese Bindung zwei wichtige Signalwege zu beeinflussen. Derjenige, der die schmerzhemmende Wirkung hervorruft, wird aktiviert. Der andere soll die zahlreichen Nebenwirkungen hervorrufen und bleibt dank PZM-21 ausgeschaltet.

Die Theorie der Forschungsgruppe hat sich in der Praxis bestätigt. Schmerzen wurden gelindert, Nebenwirkungen blieben aus – zumindest im Tierversuch. "Bis zu Versuchen bei Menschen haben wir noch viel Vor­arbeit im Labor zu leisten", sagt Professor Peter Gmeiner vom Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie der Universität Erlangen-Nürnberg. "Wir sind auch nicht so verwegen zu behaupten, dass wir das Problem schon gelöst haben."

Auf denselben Weg wie Gmeiner setzt eine Firma aus dem US-Bundesstaat Penn­sylvania. Sie hat bereits fünf Studien mit Patienten vorzuweisen und bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung ihres Präparats beantragt – ohne Erfolg. Die FDA ist noch nicht von der Sicherheit der Subs­­tanz überzeugt, verlangt weitere Daten. Ausgang offen.

Professor Christoph Stein steht dem Lösungsansatz ohnehin skeptisch gegenüber. Er glaubt nicht, dass sich Wirkung und Nebenwirkung des starken Schmerzmittels eindeutig den beiden Signalwegen zuordnen lassen.

Schmerzlinderung an Ort und Stelle

Der Direktor des Instituts für Experimentelle Anästhesiologie an der Charité Berlin erprobt einen ganz anderen Ansatz und macht sich dabei zunutze, dass Opioid-Rezeptoren nicht nur in Gehirn und Rückenmark vorkommen, sondern auch an Nerven überall im Körper. "Diese peripheren Rezeptoren werden bevorzugt dann aktiviert, wenn eine Entzündung im verletzten Gewebe vorliegt", erklärt der Mediziner. Also zum Beispiel bei Arthritis, bei verletzten Nerven, aber auch bei Krebs. "Dann lindern Opio­ide die Schmerzen zu einem großen Teil an Ort und Stelle, ohne den Umweg über das Gehirn."

Stein und seine Mitarbeiter haben anhand von Computersimulationen einen Wirkstoff entwickelt, der nur diese peripheren Rezeptoren aktiviert. Laborstudien und Tierversuche zeigten, dass sich auf diese Weise die Nebenwirkungen vermeiden lassen.

Viele Untersuchungen, Ergebnisse noch offen

Bisher hat sich noch keine Pharma­firma gefunden, die diese Erkenntnis in ein Medikament umsetzen will. Zudem räumt Stein ein, dass bei starken Schmerzen wahrscheinlich weiterhin Opioide nötig seien, die über das Gehirn wirken. Zum Beispiel bei Tumorpatienten.

"Es laufen derzeit viele Untersuchungen", sagt Pharmazeut Gmeiner. "Welcher Ansatz letztlich am besten Schmerz­linderung mit weniger Nebenwirkungen erreicht, muss man abwarten."

Eine weitere Strategie verfolgen US-amerikanische Forscher aus North Carolina. Ihr Wirkstoff zielt auch auf einen weiteren Typ von Opioid-­­Rezeptoren. Im Tierversuch linderte er Schmerzen hundertmal so stark wie Morphin. Bevor der Wirkstoff bei Menschen erprobt werden kann, müssen jedoch mögliche giftige Nebenwirkungen ausgeschlossen werden.

Bis eine Alternative zu den bisher eingesetzten Opioiden gefunden und auf den Markt gebracht wird, kommt es vor allem auf die richtige Anwendung der Opioide an. Sie sind eigentlich nur für Tumorpatienten gedacht und für Menschen mit sonstigen starken Schmerzen, die sich anders nicht lindern lassen, zum Beispiel nach einer Operation. Studien zeigten kürzlich, dass die Mittel unter anderem bei den meisten Patienten mit ­Rückenleiden nicht besser wirken als etwa Ibuprofen.

Zwischen Therapie und Sucht

Um chronische Schmerzen zu lindern, sollten Medikamente ohnehin nur Teil eines umfassenden Therapieprogramms sein, in dem Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten zusammenarbeiten. Verordnen Ärzte Rücken- oder Arthrosepatienten ausnahmsweise doch Opioide, sollte der Behandlungs­­versuch rasch enden, wenn er sich als wirkungslos erweist oder die Wirkung nachlässt.

In den USA wurde die Opioid-Sucht mittlerweile zu einem Riesenproblem. Davon ist Deutschland weit entfernt. Aber auch hier zeigten Daten der Krankenkasse Barmer GEK bereits 2010, dass ein Großteil der starken Schmerzmittel Patienten verordnet werden, die eine andere Therapie bräuchten etwa bei quälenden Kopfschmerzen. Für Menschen, deren Schmerzen sich nicht lindern lassen, bleiben Opioide aber eine wichtige Therapieoption – trotz der Nebenwirkungen.

Von der Pflanze zur Arznei

Die Muttersubstanz der stärksten Schmerzmittel ist im Pflanzensaft des Schlafmohns enthalten. Morphin (früher Morphium genannt) wurde schon vor Jahrtausenden als Rausch- und Heilmittel genutzt.

Ein weiterer bekannter Inhaltsstoff der Pflanze ist Codein, heute vor allem als Hustenmittel eingesetzt. Beide natürlichen Substanzen werden als Opiate
bezeichnet.

Opioide dagegen nennt man die chemisch veränderten Varianten der Naturstoffe mit völlig anderer Zusammensetzung. Sie erzielen eine ähnliche Wirkung. Zu den starken Opio­iden zählen Fentanyl, Oxycodon und Hydromorphon. Sie können nur auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Davon ausgenommen sind schwächer wirksame Opioide wie Codein, Tramadol und die Kombination von Tilidin und Naloxon.

Opiate und Opioide werden als Tabletten, Kapseln, Tropfen oder Zäpfchen verabreicht, dem Körper per Infusion zugeführt oder als langsam freisetzende Pflaster auf die Haut geklebt.