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Polymyalgie erkennen, die Schmerzen lindern

Die zweithäufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung ist für Betroffene schmerzhaft – doch mit Kortison lässt sie sich gut behandeln

von Konstanze Faßbinder, 03.09.2019
Frau sitzt auf dem Boden

Typische Merkmale: Betroffene leiden häufig unter Schmerzen in den Hüft- und Schulterregionen. Auch Morgensteifigkeit ist möglich


Kortison hat einen schlechten Ruf: Viele Patienten nehmen es wegen seiner Nebenwirkungen nur ungern. Einige verweigern es komplett, beobachtet Professor Bernhard Manger, Rheumatologe am Universitätsklinikum Erlangen. Dennoch: Der Wirkstoff sei bei der Therapie von Polymyalgia rheumatica quasi unverzichtbar.

Bei der entzündlich-rheumatischen Erkrankung handelt es sich um einen Autoimmundefekt, der sich durch Schmerzen und Steifigkeit vor allem im Bereich der Schulter- und Beckenmuskulatur bemerkbar macht, oft begleitet von allgemeinem Krankheitsgefühl. Sie beruht nach derzeitigem Wissensstand auf Entzündungen der Gefäße.

Die Polymyalgie tritt zumeist bei Menschen über 60 auf und fast nie ­bei unter 50-Jährigen. Eine Kortison-Behandlung muss über einen längeren Zeitraum erfolgen: "Ein- bis eineinhalb Jahre sind der Normalfall", sagt Manger. Doch wer die Therapie nicht vorzeitig abbricht, hat gute Chancen, dass die Symptome nachlassen.

Muskelkater und Steifigkeit

"Wenn ich meine Patienten nach ihren Beschwerden frage, machen viele eine typische Handbewegung: Sie streichen sich gleichzeitig mit verschränkten Armen über die Ober­arme", sagt Manger. Er hake dann nach: Wie der Patient aus dem Auto aussteige, ob er die ­Beine herausheben, sich am Türrahmen festhalten müsse. Ob die Steifigkeit morgens am ausgeprägtesten sei.

Typische Merkmale der Polymyalgie

  • Hüft- und Schulterregion schmerzen beidseitig stark, aber auch Nacken, Ober­arme und Oberschenkel sind betroffen
  • Morgensteifigkeit der Gliedmaßen
  • Erhöhte Blutsenkungsgeschwin­digkeit und erhöhte CRP-Werte weisen auf Entzündung hin
  • Symptome treten fast nie unter 50, meist mit über 60 auf
Prof. Dr. Bernhard Manger

"Es dauert oft ein bisschen, bis eine Polymyalgie erkannt wird", sagt Manger. Patienten klagen häufig zunächst über Beschwerden, die sich anfühlen wie Muskelkater. Tauchen die Schmerzen ohne einen erkennbaren Auslöser wie Sport auf, kann dies auf ­eine Polymyalgie hinweisen.

Bei manchen tritt zudem gleichzeitig eine sogenannte Riesenzellarteriitis auf, bei der sich vor allem Blutgefäße in den Schläfen entzünden. Das verursacht starke Kopfschmerzen. Da auch Hirngefäße betroffen sein können, muss sofort ein Arzt konsultiert werden, um einen möglichen Schlaganfall zu verhindern.

Sieben von 1000 Menschen über 60 erkranken laut Professor Peter Kern vom Klinikum Fulda der Universitätsmedizin Marburg an der Polymyalgie. "Gerade bei sehr alten Menschen wird sie oft übersehen. Niemanden wundert es, wenn Opa nicht mehr aus dem Sessel hochkommt." Nicht selten vermuten Patienten laut Manger zunächst ein muskuläres Problem – und gehen folgerichtig zum Orthopäden. Dort bekommen sie häufig eine Spritze mit Kortison.

Schnelle Linderung durch Kortison

"Wenn dann die Beschwerden innerhalb von Stunden verschwinden, aber nach zwei Tagen wiederkommen, ist das ein erster charakteristischer Hinweis auf diese rheumatische Erkrankung." Idealerweise sollte der Patient dann vom Hausarzt oder Rheumatologen weiterbehandelt werden.

Um die Krankheit ­zu diagnostizieren, misst der Arzt die Entzündungswerte im Blut und testet die Blutsenkungsgeschwindigkeit. Typisch für die Erkrankung ist laut Manger, dass der Körper schon auf relativ geringe Dosierungen des Wirkstoffs anspricht. Etwa 20 mg Prednison täglich reichen aus. "Innerhalb von 24 Stunden lassen die Schmerzen in der Regel um 80 Prozent nach." Nach ein paar Tagen würden dann auch die Entzündungswerte sinken.

Therapietreue ist das A und O

Die anfängliche Dosis kann schnell und stetig reduziert werden. "Unter fünf Milligramm gibt es dann keine nennens­werten Nebenwirkungen mehr", sagt Manger. Wer die Therapie durchziehe, habe gute Chancen, beschwerdefrei zu leben, betont auch Kern. "Das ungeliebte Kortison werden Sie eine ganze Weile nehmen müssen", sagt er seinen Patienten deshalb oft.

Heute bemüht sich Ärzte, die Kortisondosis so niedrig wie möglich zu wählen, um ein Wirkung zu erzielen und gleichzeitig Nebenwirkungen zu vermeiden. Kern: "Das frühere Sicherheitsdenken, bei dem man die Krankheit oft über­therapiert hat, wurde abgelöst."

Vorbeugen kann man einer Polymyalgie nicht. Und Kortison ist nach wie vor der einzige Weg, die Erkrankung langfristig einzudämmen. Doch nur ein kleiner Teil der Patienten braucht eine dauerhafte Therapie. Manger: "Drei Viertel kriegen die Symptome komplett weg."

Therapie mit Kortison

Glukokortikoide fördern bei langfristiger, höher dosierter Einnahme den Knochenabbau und können den Blutzickerspiegel von Diabetikern erhöhen. Doch diese nebenwirkungen lassen sich in den Griff bekommen. Eine kalziumreiche Ernährung und Vitamin D beugen der Osteoporose vor.

Therapietreue ist wichtig. Wer die Dosis zu früh reduziert oder ganz einstellt – Kern: "Der größte Fehler, den Sie machen können!" – bei dem flammt die Krankheit wieder auf. Sie reagiert dann oft schwächer auf Kortison. Es wird über eine längere Zeit eine höhere Dosis notwendig, aber ein schlechteres Ergebnis erzielt.