Cannabis als Medikament möglich

Der Weg für eine Cannabistherapie für schwer kranke Menschen ist geebnet. Der Bundestag hat am 19.1.2017 einen entsprechenden Gesetzesentwurf verabschiedet
von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 24.01.2017

Hanf für medizinische Zwecke: Anbau nur unter strengen Auflagen

GettyImages / Jonathan pearson

Es ist eine von vielen Betroffenen lang ersehnte Nachricht: Schwer erkrankte Patienten können künftig in bestimmten Fällen Cannabis auf Kassenrezept erhalten, wenn sie beispielsweise an chronischen Schmerzen, Nervenschmerzen, spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose oder an Rheuma leiden oder eine Appetitsteigerung bei Krebs und Aids nötig ist. Patienten ohne Therapiealternative erhalten auf ärztliche Verordnung hin getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte in kontrollierter und hochwertiger Qualität in Apotheken auf Kosten der gesetzlichen Krankenkasse. In eng begrenzten Ausnahmefällen soll es auch einen Anspruch auf Versorgung mit den Wirkstoffen Dronabilon und Nabilon geben.

Cannabis wird künftig durch eine staatliche Cannabisagentur kontrolliert angebaut. Bis entsprechende Strukturen aufgebaut sind, werden anspruchsberechtigte Patienten mit importiertem Cannabis versorgt. Der Eigenanbau bleibt verboten. Ein Wermutstropfen aus Sicht der Betroffenen könnte der Zusatz "ohne Therapiealternative" sein, da vermutlich ein entsprechender Nachweis zu erbringen ist.

Erst 2016 hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einem schwer kranken Patienten erlaubt, bei sich zu Hause Cannabis anzubauen. In dem Fall entschied das Gericht im Sinnes des Mannes, der seit 31 Jahren an multipler Sklerose leidet. Er kämpft mit spastischen Lähmungen und depressiven Störungen. Dagegen hilft ihm kein anderes Medikament in gleicher Weise wie Cannabis. Eigentlich hätte er sich Medizinalhanf mit einer Ausnahmegenehmigung in der Apotheke kaufen müssen. Doch das konnte er sich nicht leisten. Darum baute er den Hanf jahrelang illegal selbst an – und klagte, um diesen Zustand zu beenden.

Das Gericht argumentierte damals: Wenn keine andere Therapiemöglichkeit zur Verfügung stünde, müsse der Selbstanbau im Einzelfall möglich sein. Das war ein kleiner Durchbruch. In einigen anderen Ländern handhabt man Cannabis längst lockerer. Möglicherweise verbessert sich die Situation vieler Betroffener dank des geplantes Gesetzes auch hierzulande.

Hanf ist eine der ältesten Heilpflanzen der Welt. Zugleich ist Cannabis jedoch ein Rauschmittel, das psychisch abhängig macht und schwerste Nebenwirkungen auslösen kann, darunter Schizophrenie.

Viele Ärzte sind darum nicht bereit, es zu verschreiben. Es gibt aber auch andere Meinungen. "Cannabis ist ein Medikament wie Morphin. Ein unverkrampfter Umgang damit sowie ein gezielter Einsatz bei bestimmten Indikationen ist wünschenswert", sagt Dr. Gerhard Müller-Schwefe vom Schmerz- und Palliativzentrum Göppingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin.

Cannabinoid-Medikamente künftig leichter erhältlich

Die medizinischen Effekte des Hanfs sind vor allem dem enthaltenen Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) zu verdanken. Inhaliert, löst der Pflanzenstoff THC ein Rauschgefühl aus. Daneben wirkt er unter anderem muskelentspannend sowie gegen Übelkeit und Brechreiz. CBD ist zum Beispiel entkrampfend, entzündungshemmend und brechreizlindernd.

Bereits vor dem Beschluss am 19. Januar 2017 gab es in Deutschland ein zugelassenes Fertigarzneimittel mit Cannabinoiden: ein Mundspray zur Therapie von Verkrampfungen – den Spastiken – bei multipler Sklerose. "Cannabis ist hier auch sehr gut wirksam", sagt Müller-Schwefe. Eine weitere Fertigarznei mit dem Wirkstoff Nabilon, das ist ein vollsynthetischer THC-Abkömmling, gibt es für die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei einer Chemotherapie. Auf ärztliche Verordnung hin können es Apotheken nach Deutschland importieren.

Ebenso eingeführt werden darf auf Verordnung ein Medikament mit dem Wirkstoff Dronabinol, einem teilsynthetischen THC. Es ist gegen Übelkeit und Erbrechen bei einer Chemotherapie zugelassen und außerdem gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei Aids-Patienten. Direkt in Deutschland steht Dronabinol nur als Rezeptursubstanz zur Verfügung: Apotheker stellen damit selbst nach festen Vorschriften Kapseln oder ölige Tropfen für Patienten her. Insgesamt erhielten bis direkt vor dem Beschluss in Deutschland ungefähr 4500 Patienten solche Fertigarzneien oder vom Apotheker direkt hergestellte Mittel.

Cannabis ist kein Wundermittel

Die medizinische Forschung zu Cannabis muss intensiviert werden. Es gibt immer noch relativ wenig Substanzhaltiges über den medizinischen Nutzen der Cannabinoide. Es gibt kaum aussagekräftige Studien. Die Annahmen basieren vorwiegend auf klinischer Erfahrung beim Einsatz von Cannabis sowie auf positive Patientenberichten. "Cannabis kann helfen, ist aber kein Wundermittel", erklärt der Göppinger Schmerztherapeut. Der Hype, dass Cannabis gegen alles helfen könne, sei übertrieben. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass Cannabis neben vielen vergleichsweise harmlosen Nebenwirkungen auch akute Psychosen und schizophrene Schübe auslösen kann.

Cannabis verbessert die Schmerzkontrolle

Einige gute Studienergebnisse existieren laut einer Metaanalyse für die Wirkung von Cannabis-Medikamenten bei vielerlei Schmerzen – etwa krebsbedingten Schmerzen oder chronischen Nervenschmerzen. Ähnliches gilt bei Multipler-Sklerose-Spastik und bei Querschnittslähmungen. Die britischen Forscher um Penny F. Whiting von der University Hospitals Bristol NHS Foundation haben Mitte 2015 entsprechende Ergebnisse in der Fachzeitschrift JAMA veröffentlicht. Sie werteten dafür Daten von fast 6500 Teilnehmern aus insgesamt 79 randomisierten Studien zu verschiedenen Krankheiten aus.

Schmerzexperte Müller-Schwefe setzt ein THC-Produkt auch bei Patienten mit einer früheren Poliolähmung ein. "Bei ihnen ist ein Teil der Schmerzkontrolle defekt, weshalb sie starke Schmerzen empfinden. Das ist auch bei Fibromyalgie der Fall, was zu einem chronischen Ganzkörperschmerz führt."

Das menschliche Gehirn besitzt einen Cannabinoid-Rezeptor an den THC andocken kann. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass dieser Rezeptor nötig sein könnte, um Schmerzwahrnehmungen zu löschen. "Cannabis reaktiviert oder verbessert die Schmerzkontrolle, so dass die Schmerzen infolgedessen schwächer werden", erklärt Müller-Schwefe. Der Mensch "verlernt" die Pein.

In einigen Bereichen fehlen überzeugende Wirknachweise 

Wirkt THC auch wirklich bei Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie? Müller-Schwefe sagt: "Es ist sehr sinnvoll, Cannabis hier einzusetzen." In der Untersuchung von Whiting ergab sich ein positiver Effekt, der aber nicht so stark war, dass er als Beweis dienen könnte. Cannabis kann daher manchmal nützlich sein, aber ebenso auch andere Mittel.

Das Tourettesyndrom mit seinen krankheitstypischen Tics war lediglich Gegenstand zweier kleiner Studien mit 36 Teilnehmern. Diese hatten berichtet, Cannabis würde ihre Tics mildern.

Schließlich sollen die Wirkstoffe der Hanfpflanze auch bei HIV- oder AIDS bedingter Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Atemaussetzern sowie bei Psychosen helfen. Allerdings ergaben die wenigen verfügbaren Studien in der Metaanalyse dazu keine überzeugenden Effekte. Andere Mittel waren besser.

Nicht untersucht haben die britischen Forscher die Anwendung bei Epilepsie. Dies ist eines der ältesten überlieferten Einsatzgebiete von Hanf, aber es basiert überwiegend auf positiven Erfahrungsberichten. Sehr dünn ist auch die Datenlage zu entzündlichen Schmerzsyndromen wie beispielsweise bei Arthritis und Colitis ulzerosa: auch hier bislang nur Patientenberichte.

Sind Hoffnungen in der Krebstherapie berechtigt?

Hoffnung auf eine Behandlung mit Cannabis hegen immer wieder Patienten mit Krebserkrankungen. Angeblich ließe sich damit das Tumorwachstum stoppen. Doch ob das wirklich so ist, ist unklar. Der Kinderarzt, Schmerz- und Palliativmediziner Professor Sven Gottschling vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg/Saar behandelt Kinder mit sehr schweren Erkrankungen bei Bedarf mit Cannabis-Medikamenten. Bei einem 11-jährigen Jungen, der seit einem Jahr Dronabinol bekommt, ist dabei der Hirntumor nicht weiter gewachsen. Ein Einzelbericht, wie einige andere.

Systematische Forschungen zu Cannabis und Krebs basieren momentan vor allem auf Zellexperimenten in der Petrischale und diese lassen sich keineswegs einfach auf den Menschen übertragen. Beispielsweise hat ein Team um Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie an der Uniklinik Rostock, festgestellt, dass die Hanfsubstanz CBD einzelne Krebszellen zum Platzen bringen kann. Doch es gibt gleichzeitig auch Extrakte, die nichts bewirken.


Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Handbeschwerden

Morbus Sudeck (Komplexes regionales Schmerzsyndrom)

Anhaltende, starke Schmerzen an Arm oder Bein, für die sich keine Ursache finden lässt, bezeichnen Ärzte als Morbus Sudeck. Meist geht eine Verletzung, ein Unfall oder ein Operation an der betroffenen Gliedmaße voraus. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages