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Sicher Schlittenfahren

Wer sich auf die Piste begibt, lernt einen alten Wintersport von einer neuen Seite kennen

von Julia Rudorf, 02.12.2019
Rodeln

Schlittenfahren: Das Wintervergnügen liegt wieder voll im Trend


Der Schnee fliegt. Über den Kopf, gegen die Brille, unter den Kufen. Rechts geht es steil nach unten, links steil hinauf, geradeaus in die nächste Haarnadelkurve. Oder in einen Schneehaufen.

"Gewicht in die Kurve, Lenkseil ziehen, Hand raus!", ruft Rodellehrer Andreas Pflieger. Fahrer und Gefährt gehorchen nur noch den Gesetzen der Physik. Kurz vor dem Bretterzaun, der die Rodler vor dem Bergwald schützt, ist erst mal Stopp. Und zwar für mehr als nur einen der sieben Kursteilnehmer.

Mit 50 km/h um die Kurve

Kein Problem, Pflieger kennt das schon. Viele Anfänger werden schon in der ersten Kurve Opfer ihrer Selbstüberschätzung: "Das sind einfach ganz andere Geschwindigkeiten als am Schlittenhügel."

Marcus Grausam auf der Rodelbahn am Wallberg in Unterammergau

Die Strecke in der Nähe von Kufstein, an der Pflieger heute unterrichtet, heißt nicht umsonst "Hexenritt". Mit drei Kilometern Länge, 450 Metern Höhenunterschied und einem guten Dutzend Kurven gilt sie als mittelschwere Naturrodelbahn.

Ein Lift bringt Fahrer und Rodeln in wenigen Minuten an den Start. Von dort geht es auf präpariertem Schnee nach unten. Geschwindigkeiten von bis zu 50km/h sind problemlos drin. Auf einem Ding ohne Bremsen, wenige Zentimeter über dem Boden liegend, ist das nicht ohne.

Auch Erwachsene rodeln noch gern

Mit der Beschleunigung kommt die Erkenntnis: Rodeln ist eine sportliche Angelegenheit, die gelernt sein will. "Wer Spaß am Tempo hat, der kommt mitunter nicht mehr davon los", sagt Andreas Pflieger. Der 53-Jährige, der in München als Anwalt arbeitet, ist selbst ein gutes Beispiel.

Von Skiern stieg er irgendwann erst auf einen alten Schlitten und kurz darauf auf Sportrodel um. "Das hat mich nicht mehr losgelassen", sagt Pflieger. Eine Skilehrer-Ausbildung hatte er schon, die Idee für die Rodelkurse lag nahe.

Marcus Grausam auf der Rodelbahn am Wallberg in Unterammergau

"Wir haben festgestellt, dass die Begeisterung fürs Rodeln da ist und zunimmt - aber dass die wenigsten Erwachsenen wissen, wie es geht." Längst schwingen sich im Winter nicht mehr nur Kinder auf das Gefährt mit Kufen

Familienspaß mit Risiken

"Rodeln besitzt das Image eines Wintersports, von dem die ganze Familie etwas hat", sagt Roman Kohl. Der Informatiker entdeckte erst als junger Erwachsener das Rodeln für sich, nahm später an bayrischen Meisterschaften teil und betreibt heute das Internet-Portal rodelfuehrer.de - ein digitaler Treffpunkt für die wachsende Fangemeinde.

Dort findet sich nicht nur eine Liste fast aller bekannten Bahnen in den deutschen und österreichischen Alpen. Im Forum werden Einträge zu Schneelage und Pistenzustand ausgetauscht.

Roman Kohl hat auf dem Portal auch Sicherheitstipps zusammengestellt, denn ganz ungefährlich ist der Familienspaß nicht: "Rodeln wird oft unterschätzt." Etwa 100 Einsätze wegen Rodlern hatte die Bergwacht im vergangenen Winter in Deutschland. In Österreich müssen etwa 1200 Menschen pro Jahr nach Rodelunfällen in Krankenhaus, meldete das Kuratorium für Verkehrssicherheit.

Sich vorher richtig ausrüsten

Häufigste Gründe: Prellungen und Brüche. "Ein Helm gehört schon beim Skifahren seit Längerem zur Standardausrüstung, beim Rodeln noch nicht", sagt Kohl. Mit entsprechenden Folgen, wie die Zahlen aus Österreich zeigen: 84 Prozent derjenigen, die beim Rodeln einen Unfall hatten, trugen keinen Helm. Neun Prozent aller Verunglückten zogen sich Kopfverletzungen zu.

Sicherer würde das Vergnügen in den Bergen auch, wenn die Fahrer mehr Kontrolle über ihre Untersätze hätten. Mit den meisten Geräten aus Plastik ist das schwierig. Etwas besser sind da klassische Holzschlitten. Richtig sportlich sind sie jedoch nicht, sagt Roman Kohl.

"Das ist wie mit alten Holzkisten vom Großvater: Sie sehen zwar nett aus. Aber keiner käme doch auf die Idee, damit heute zum Skifahren zu gehen." Ein echter Rodel, den man mit Körpergewicht, Armen und Lenkseil gut um die Kurven bekommt, ist tatsächlich eine andere Geschichte.

Leistungssport auf Natureis

Ein Sportgerät, das auch etwas mehr Geld kostet als ein Schlitten aus dem Baumarkt. Und die Wintersport-Industrie hat sich voll auf den Trend eingestellt. Viele Liftbetreiber präparieren nicht nur Extrapisten, sondern verleihen auch Rodel.

Bei sogenannten Testivals in Skiorten können Interessierte die neuen Modelle selbst ausprobieren - und natürlich kaufen.

Einer der Orte, die den Rodelsport in Deutschland groß gemacht haben, ist Unterammergau. Noch heute gibt es dort etwas für Deutschland wohl Einmaliges: eine Naturrodelbahn, die dem Reglement des internationalen Rennrodelverbandes entspricht. 1100 Meter lang ist sie, das maximale Gefälle beträgt 25 Prozent, gebaut und gepflegt von Mitgliedern des örtlichen Wintersportvereins.

Mit 90 km/h über die Piste brettern

Einer von ihnen ist Josef Spindler. Der pensionierte Postbote steht im Winter fast täglich am Zielhäuschen und blickt die Bahn hinauf. "Von hier unten schaut das nicht so wild aus. Aber da täuscht man sich", sagt er. Bei Weltcup-Rennen kommen die Schnellsten auf ein Tempo von fast 90 Stundenkilometern.

Josef Spindler mit Schlitten

Spindler weiß wovon er spricht, früher war er selbst im Sportrodeln aktiv, stand bei bayrischen Meisterschaften öfter auf dem "Stockerl". 1956 landete er bei der EM in Polen auf Platz sieben, sein wichtigstes Rennen. Heute ist er 70 und setzt sich nach zwei Wirbelsäulenoperationen kaum noch auf den Rodel. Höchstens um dem Nachwuchs oder Interessierten vorzuführen, wie man es richtig macht.

Fahren mit Körpergefühl

"Das Rodeln ist halt meine große Leidenschaft", sagt er. Und die will er teilen. Anders als beim Kunsteis-Rodeln, bei dem Deutschland eine sportliche Großmacht ist, wissen viele nicht einmal, dass Naturbahnrodeln eine eigene Disziplin darstellt.

Josef Spindler weiß genau, wie man das Gefährt auf dem schnellen Eis beherrscht: mit der Körpermitte und dem Hintern, mit denen man das Gewicht verlagert. Mit den Beinen, die Holme vorne in die gewünschte Richtung drücken. Und mit den Händen, die das Lenkrad so ziehen, dass das Gefährt nicht schlingert, sondern sauber durch die Kurve kommt. "Das kann man lang erklären. Richtig lernen kannst du es nur durchs Ausprobieren", meint er.

Lieber keine 'Latterl-Schlitten'

Manchmal verirren sich Gelegenheitsrodler mit alten Schlitten auf die Eisbahn. Dann verleiht Josef Spindler schon auch mal einen Rodel des Vereins. "Mit einem 'Latterl-Schlitten' ist das Fahren auf der Eisbahn einfach zu gefährlich", sagt er. "Und Spaß macht es auch keinen."

Dank eines Leih-Rodels konnte er mitunter ein kleines Wunder erleben. Nämlich dann, wenn ein Neuling das erste Mal den Unterschied zwischen einem Schlitten und einem Rodel bemerkt. "Das kann manchmal langfristige Folgen haben", sagt er und schmunzelt. "Die kommen dann immer wieder."