TIA: Den Mini-Schlaganfall erkennen

Die transitorische ischämische Attacke, kurz TIA, geht vielfach einem Schlaganfall voraus. Welche Symptome auftreten und wie Sie sich richtig verhalten

von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 03.03.2017

Sie sehen plötzlich verschwommen, fühlen sich nicht gut? Lassen Sie das abklären!


Es beginnt plötzlich. Auf einmal sehen Sie auf einem Auge verschwommen, wie durch eine Milchglasscheibe, dann herrscht Dunkelheit. Nach Sekunden bis Minuten ist der Spuk vorbei. Diese plötzliche, nur kurz anhaltende Erblindung, die Mediziner Amaurosis fugax nennen, ist häufig Anzeichen einer TIA. Vollständig: transitorische (auch transiente) ischämische Attacke.

Sie kann sich auch durch andere Symptome äußern: Ein Arm, eine Hand, teilweise auch ein Bein oder eine Gesichtshälfte fühlt sich zum Beispiel pelzig an, hängt herab, ist gelähmt. Andere Menschen können plötzlich keine ganzen Sätze mehr sprechen, finden nicht die richtigen Worte. Solche Beschwerden verunsichern. Da sie jedoch meist nur von kurzer Dauer sind, nur Sekunden, Minuten oder wenige Stunden anhalten, führen sie nicht jeden sofort zum Arzt.

TIA kündigt Schlaganfall an

Was viele Menschen nicht wissen: Die transitorische ischämische Attacke gilt als Vorbote eines Schlaganfalls. Sie wird auch als kleiner oder als Mini-Schlaganfall bezeichnet. "Zirka 40 Prozent der Schlaganfall-Patienten haben zuvor eine TIA erlitten", sagt Professor Joachim Röther, Chefarzt der Neurologischen Abteilung an der Asklepios Klinik Altona in Hamburg und Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft.

Die kurzzeitige Attacke ruft die gleichen Symptome wie ein großer Schlaganfall hervor und lässt sich auch auf dieselben Ursachen zurückführen. Der einzige wahrnehmbare Unterschied ist die Dauer. Die TIA ereignet sich nur für kurze Zeit. "Von einem Schlaganfall sprechen wir, wenn die Beschwerden länger als 24 Stunden anhalten und wir in der Computer- oder Kernspintomografie einen Hirninfarkt nachweisen", erklärt Neurologe Röther.

Arterienverkalkung ist häufig die Ursache

Der Mini-Hirnschlag wird meistens durch einen Blutpfropf verursacht, der ein kleines Gefäß im Hirn kurzzeitig verstopft oder eines, welches zu dem Organ hinführt. Der Pfropf hat sich typischerweise aus einer Verengung in der Halsschlagader gelöst. Diese sogenannte Karotisstenose entsteht hauptsächlich durch eine Arterienverkalkung. Aber auch bedingt durch andere Leiden, beispielsweise einem Vorhofflimmern im Herzen, kann ein Blutgerinnsel verschleppt werden.

Zwar ist die vorübergehende Durchblutungsstörung nicht mit einem großen Schlaganfall gleichzusetzen. Trotzdem gilt sie unter Neurologen auch als medizinischer Notfall. Denn nach diesem Ereignis besteht für die Betroffenen ein höheres Risiko, einen Hirninfarkt zu erleiden. In der ersten Zeit danach gilt besondere Vorsicht. "Innerhalb der ersten vier Wochen kommt es bei mehr als 10 Prozent der Patienten zu einem Schlaganfall, während der ersten drei Monate sogar bei etwa 17 Prozent", so Röther. Außerdem lässt es sich anfangs manchmal nur schwer sagen, ob die Symptome von einem kleinen oder großen Hirnschlag ausgelöst werden.

TIA ist ein Notfall: 112 rufen

Nehmen Sie Beschwerden wahr, die für eine TIA oder einen Schlaganfall sprechen, sollten Sie keine Scheu haben, die Notrufnummer 112 zu wählen! Auch wenn die Anzeichen bereits wieder nachgelassen haben. Idealerweise werden Sie in eine Schlaganfall-Spezialstation – die Stroke-Unit – gebracht und dort für mindestens 24 Stunden überwacht. Experten wie Joachim Röther, der eine solche Station leitet, können mit geeigneten Diagnoseverfahren nach der Ursache forschen und, wenn nötig, sofort mit einer Therapie beginnen. Die Ärzte können auch feststellen, ob die Krankheitszeichen auf ein anderes Leiden hinweisen, etwa Epilepsie oder Migräne.

Werden Sie wieder nach Hause geschickt, ist es wichtig, die Auslöser zu behandeln. Wer zu hohen Blutdruck, Diabetes, Vorhofflimmern oder Arteriosklerose hat, gilt als Risikopatient. Deshalb sollten Sie diese Krankheiten – in Absprache mit dem Arzt – in den Griff bekommen. Dazu gehört, dass Sie Medikamente konsequent einnehmen. Ist bei Ihnen die Halsschlagader bereits stark verengt, kommt auch eine Operation infrage. Wurde ein Vorhofflimmern festgestellt wird oft die lebenslange Einnahme von  blutverdünnenden Mitteln erforderlich. Überdenken Sie zudem Ihre Lebensgewohnheiten: "Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht und ungesunde Ernährung lassen die Gefahr für einen Schlaganfall stark ansteigen", erläutert Röther.

Hatten Sie bereits eine TIA, sollten Sie Ihrem Körper für dieses Warnsignal dankbar sein. Sehen Sie den Zwischenfall als Chance an, verhindern Sie Schlimmeres. Schließlich kann ein Hirninfarkt tödlich enden. Wer überlebt, kann körperlich behindert sein. "Werden der Auslöser der TIA konsequent behandelt und die Risikofaktoren abgebaut, lassen sich bis zu 40 Prozent der Schlaganfälle verhindern", ermutigt der Hamburger Neurologe.