Warum müssen Menschen schlafen?

Rund ein Drittel seines Lebens verbringt der Mensch im Schlaf. In dieser Zeit ist er schutz- und wehrlos. Doch die Nachtruhe ist unentbehrlich für Körperfunktionen wie Immunabwehr, Heilung und Gedächtnisbildung

von Sonja Gibis, 25.05.2018

Lebenswichtiger Energiesparmodus: Kein anderes Lebewesen schläft so tief wie der Mensch


Nacht für Nacht tauchen die Menschen in ihr zweites, rätselhaftes Leben. Sie kappen ihre Verbindung zur Außenwelt. Wie gelähmt liegen sie da, während ihr Gehirn Selbstgespräche führt und in ihrem Inneren skurrile Bilder aufleben. "Wenn der Schlaf nicht eine absolut lebenswichtige Funktion hat, dann ist er der größte Fehler, den der Evolutionsprozess jemals gemacht hat", urteilte der US-amerikanische Schlafforscher Allan Rechtschaffen. Schließlich sind Mensch und Tier zu keiner Zeit so schutzlos.

Die Fähigkeit, in ein bewusstloses Sein zu sinken, hat sich im Laufe der Evolution sogar verstärkt. Um einen schlummernden Menschen in seiner gewohnten Umgebung aus dem Tiefschlaf zu wecken, bedarf es schon einer beträchtlichen Lautstärke. "Kein Lebewesen, das wir kennen, schläft so tief", sagt der Tübinger Forscher Professor Jan Born. Doch warum schlafen wir überhaupt?

Nächtlicher Energiesparmodus für tagaktive Lebewesen

Der Ursprung des Bedürfnisses mag schlicht darin liegen, dass die Erde den meisten Lebewesen einen Rhythmus vorgibt: den von Tag und Nacht. Blumen öffnen und schließen sich nach der "Sonnenuhr", selbst manche Einzeller ticken in ihrem Takt, sind mal mehr aktiv, mal weniger. Im Tierreich passten sich die einen an den hellen, warmen Tag an, andere entwickelten sich zu Geschöpfen der Nacht.

Für tagaktive Wesen wie den Menschen war es sinnvoll, sich nachts vor den Raubtieren zurückzuziehen, reglos zu verharren und in einen Energiesparmodus zu schalten. Doch kann das wirklich die Ursache für ein so universelles Bedürfnis sein? Wie stark dieses ist, zeigen auch die trickreichen Anpassungen mancher Tiere. So schlummern Delfine immer nur mit einer Hirnhälfte. Schließlich müssen sie im Schlaf auftauchen, um Luft zu holen. Zugvögel machen es wohl ähnlich.

"Lerchen" und "Eulen": Überbleibsel aus der Urzeit

Auch beim menschlichen Schlummer finden sich noch Spuren der Urzeit. So fühlen sich viele nach der ersten Nacht in einem fremden Bett gerädert. Der Grund: Die linke Hirnhälfte verharrt in einer Art Habtachtstellung, wie Forscher in den USA herausfanden. Der Schläfer wird so leichter wach. "Das hat uns das Überleben gesichert", erklärt Dr. Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlafzentrums im Pfalzklinikum in Klingenmünster. Denn an einem fremden Ort konnten neue Gefahren drohen. 

Auch Unterschiede im Schlafverhalten waren einst nützlich. Wann Schlummerzeit ist, sagt uns eine innere Uhr, die etwa im 24-Stunden-Rhythmus tickt. Bei manchen Menschen geht diese etwas vor, bei anderen nach. Chronobiologen wie der Münchner Schlafforscher Professor Till Roenneberg sprechen von "Lerchen" und "Eulen". Als die Menschen noch in Gruppen schlummerten, konnten so immer einige Alarm schlagen. 

Doch ob mit einer Hirnhälfte oder mit beiden: Schlafen müssen alle Tiere – vom Fadenwurm bis zum Wal –, wenn auch unterschiedlich lange. Während die kleine Taschenmaus 20 Stunden des Tages verpennt, genügen der Giraffe zwei Stunden. "Der Mensch liegt mit seinen sechs bis acht Stunden zwischen dem Asiatischem Elefanten und dem Hausschwein", so Weeß, der dem Schlaf bereits einige Bücher gewidmet hat.

Schlafmangel schwächt die Immunabwehr

Das Energiesparen ist sicher nicht der Hauptgrund dafür, dass wir ein Drittel unseres Lebens in den Federn verbringen. "Wenn wir nicht schlafen, sterben wir", sagt Weeß. Experimentell nach­gewiesen sei dies freilich nicht. Doch spricht vieles dafür. So weiß man von Ratten, dass sie spätestens nach zwei schlaflosen Wochen am Ende sind. Ihr Immunsystem bricht zusammen, die Körpertemperatur spielt verrückt.

Bei Menschen gibt es eine Erbkrankheit,  bei der die Betroffenen von schweren Schlafstörungen heimgesucht werden. Nach Auftreten der Symptome endet diese familiäre Insomnie binnen einiger Monate stets tödlich. Viele sterben an Lungenentzündung. Die Todesursache passt durchaus zu dem, was man bislang über den Schlaf weiß. So formiert sich, während wir schlummern, unsere Körperabwehr neu. Schon eine Partynacht schwächt diese messbar. Testpersonen, die nach einer Impfung die Nacht durchmachten, entwickelten einen schwächeren Schutz.

Im Schlaf werden zudem Wachstumshormone ausgeschüttet und Schäden repariert. "Wunden heilen dann schneller", sagt Weeß. Wer unter chronischem Schlafmangel leidet, neigt zu hohem Blutdruck, Übergewicht, Stoffwechselstörungen und erkrankt sogar häufiger an Krebs. Unser Gehirn braucht Schlaf, um Müll loszuwerden. Die Zwischenräume zwischen den Zellen weiten sich, schädliche Stoffwechselprodukte, die tagsüber entstehen, können ausgeschwemmt werden.

Sinneseindrücke landen im Langzeitgedächtnis

Doch erklärt das nicht, warum wir im Schlummer unser Bewusstsein verlieren. Gedächtnisforscher Jan Born ist dem Rätsel seit Jahrzehnten auf der Spur. "Im Schlaf bildet sich unser Gedächtnis", erklärt er. Zahllose Versuche haben das bestätigt. Vor allem im Tiefschlaf, wenn unser Denkorgan in langen Deltawellen schwingt, verfestigen sich Erinnerungen.

Sinneseindrücke, die tagsüber im Kurzzeitspeicher des Gehirns landen, im Hippocampus, werden im Langzeitgedächtnis des Neokortex verankert. Dabei werden Inhalte nicht nur von einem Speicherort an den anderen kopiert. "Die Gedächtnisbildung ist ein höchst aktiver Prozess", sagt Born. Neu Erlebtes wird mit alten Erinnerungen verknüpft, Unwichtiges aussortiert. Doch warum geht das nicht auch im Wachzustand?

Um langfristig Gedächtnis zu bilden, müssen die Inhalte im Kurzzeitspeicher erneut aktiviert werden. Messungen der Gehirnströme machen das sichtbar. Würden gleichzeitig Sinneseindrücke einströmen, könnte das zu Problemen führen. Die Folge könnten Halluzinationen sein – wie sie bei langem Schlafentzug oft auftreten. Lernen im Schlaf ist also kein Mythos. Es ist Alltag.

Gelerntes wird im Schlaf verknüpft

Doch passiert noch mehr. In einem Versuch ließ Born Probanden Zahlenreihen ergänzen. Sie wussten nicht, dass sich darin ein Muster verbarg. Wer es erkannte, hatte schnell die Lösung. Nach acht Stunden mussten die Testpersonen noch einmal antreten. Die einen hatten geschlafen, die anderen nicht. Unter den Schläfern erkannten doppelt so viele das System. "Im Schlaf muss eine Art Zusammenschau passieren", folgert Born. Über etwas zu schlafen, kann also Probleme lösen. 

Dass wir unser Leben nicht sinnlos verschlafen, kann als erwiesen gelten. Dennoch hat unsere Gesellschaft ein eher angespanntes Verhältnis zu dem dunklen Drittel unseres Lebens. "Wir liegen scheinbar sinnlos in den Laken, tragen nichts zum wirtschaftlichen Erfolg bei", sagt Experte Weeß. Umfragen zufolge sind Schlafstörungen längst zu einer Volkskrankheit geworden. Denn selbst wenn wir unser Leben perfekt durchtakten: Schlaf kommt nicht auf Knopfdruck. Der Weg in Morpheus’ Arme führt nur über ein entspanntes Loslassen – vor allem den Willen nach Kontrolle. "Wer unbedingt schlafen will, bleibt wach."