TSH-Wert erhöht: Schilddrüse krank?

Ist der Laborwert TSH erhöht, kann eine Schilddrüsenunterfunktion die Ursache sein – muss aber nicht. Was Patienten wissen sollten
von Gerlinde Gukelberger-Felix, 20.07.2017

Gespräch in der Praxis: Laborwerte müssen im Zusammenhang betrachtet werden

Getty Images/GARO/Canopy

Schmetterlingsförmig, zehn bis zwanzig Gramm schwer, lebenswichtig – so lautet ein kurzer Steckbrief zur Schilddrüse. Das kleine Organ produziert Thyroxin, das Hormon, das zahlreiche Körperfunktionen beeinflusst. Ist die Schilddrüse gesund? Laborwerte helfen, diese Frage zu klären.

Oft bestimmen Ärzte zunächst den TSH-Wert im Blut, manchmal im Rahmen einer Routineuntersuchung. TSH ist die Abkürzung für Thyreoidea-stimulierendes Hormon, auch Thyreotropin genannt. Es handelt sich um einen Botenstoff aus dem Gehirn, der die Schilddrüse reguliert.

Ist der TSH-Wert erhöht, könnte das bedeuten, dass die Schilddrüse nicht ausreichend arbeitet, also zu wenig Schilddrüsenhormon produziert. Eine solche Schilddrüsenunterfunktion kann mit Hormontabletten behandelt werden.

Die Sache ist aber nicht immer so eindeutig: In manchen Fällen liegt der TSH-Wert über dem Normwert, doch der Wert des Schilddrüsenhormons Thyroxin ist völlig normal. Mögliche Ursache: eine sogenannte latente, also versteckte Schilddrüsenunterfunktion. Die Betroffenen spüren meistens keine Symptome, manche berichten über Beschwerden wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen oder trockene Haut. Doch solche Probleme müssen nicht von der Schilddrüse kommen, sie können viele Ursachen haben.

Wie Ärzte in diesem Fall weiter vorgehen und warum ein erhöhter TSH-Wert allein noch nicht viel aussagt, erklärt der Münchner Endokrinologe und Schilddrüsenexperte Professor Roland Gärtner.

Herr Professor Gärtner, woran lässt sich eine latente Schilddrüsenunterfunktion erkennen?

Zumeist wird bei einer Routineuntersuchung zufällig festgestellt, dass die Schilddrüse zwar noch Schilddrüsenhormon in ausreichender Menge produziert, dass aber der Wert für TSH leicht erhöht ist. Das kann das erste Anzeichen einer Schilddrüsenunterfunktion sein.

Wofür ist TSH wichtig?

TSH wird von der Hirnanhangsdrüse gebildet. Sie reagiert auf einen anfänglichen Schilddrüsenhormonmangel mit einer leicht erhöhten TSH-Produktion. Das TSH hat die Aufgabe, die Schilddrüse zu einer erhöhten Hormonproduktion anzuregen. Normalerweise liegt der TSH-Wert zwischen 0,4 und 4 Milli-Units pro Liter (mU/L).

Ist eine TSH-Wert-Erhöhung denn ein verlässliches Anzeichen für eine latente Schilddrüsenunterfunktion?

Nein. Der TSH-Wert kann vorübergehend erhöht sein, beispielsweise nach körperlicher Anstrengung. Er steigt im Laufe eines Tages an und hat den höchsten Wert um Mitternacht. Fastet jemand oder ist krank, dann sinkt TSH zunächst ab, um einige Tage danach wieder anzusteigen. Einige jodhaltige Medikamente unterdrücken die Schilddrüsenfunktion, weshalb der TSH-Wert ebenfalls ansteigt. Auch Psychopharmaka beeinflussen ihn. Der TSH–Wert ist also keine starre Größe, kann sich auch innerhalb von Minuten ändern. Und er ist altersabhängig. Bei Kindern und älteren Menschen ist der TSH-Wert höher. Bei der Interpretation der Werte kann es daher leicht zu Fehlern kommen.

Was ist die Konsequenz?

Der TSH-Wert ist nur eingeschränkt verlässlich. Wenn er bei der ersten Messung nur etwas über 4,0 beträgt, muss diese unbedingt nach zwei bis drei Monaten wiederholt werden. Wichtig ist, dass das Blut bei beiden Messungen am besten vormittags abgenommen wird. Auch die Bestimmung des Schilddrüsenhormonwerts Thyroxin sollte wiederholt werden. Ist er bei beiden Messungen normal, aber das TSH leicht erhöht, handelt es sich wahrscheinlich um eine latente Unterfunktion.

Gibt es Untersuchungen, die zusätzliche Hinweise liefern?

Zusätzlich lassen sich bestimmte Antikörper im Blut messen. Sind sie nachweisbar, ist das Risiko für eine sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis erhöht. Diese Autoimmunerkrankung ist die häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion. Ein Antikörper-Nachweis liefert aber nur ergänzende Hinweise. Er bedeutet nicht automatisch, dass eine Hashimoto-Thyreoiditis vorliegt oder sich entwickelt. Eine größere deutsche Studie in einem Betrieb mit rund 3000 Mitarbeitern ergab, dass etwa zwei bis drei Prozent der Männer und etwa 16 Prozent der Frauen entsprechende Antikörper, aber normale TSH-Werte haben. Nur bei etwa zwei bis drei Prozent der Untersuchten lag tatsächlich eine latente Schilddrüsenunterfunktion vor. Es passiert leider immer noch, dass Patienten vorschnell die Diagnose "Hashimoto" verkündet wird.

Lautet die Diagnose "latente Unterfunktion", muss dann sofort eine Therapie beginnen?

Ein leicht erhöhter TSH-Wert bedeutet kein Gesundheitsrisiko. Daher ist es sinnvoll, bei einem TSH-Wert von vier oder leicht höher, erst einmal abzuwarten und die Werte regelmäßig zu kontrollieren. Viele fühlen sich nach einer Hormoneinnahme nicht besser. Man muss die Patienten behandeln und nicht ihre Laborwerte. Durch vorschnelle Therapien werden Kranke und Kosten produziert.

Wenn eine Therapie erforderlich ist: Worauf muss man achten?

Es ist sinnvoll, die Hormonmenge langsam zu erhöhen. Wird zu viel Schilddrüsenhormon eingenommen, kann es zu einer latenten Überfunktion kommen. Dies erhöht das Risiko für Osteoporose und Herz-Kreislauferkrankungen. Im medizinischen Fachmagazin Circulation haben niederländische Forscher gewarnt, dass durch die Überbehandlung das Risiko für einen plötzlichen Herztod steigt.

Wird aus einer latenten Schilddrüsenunterfunktion immer eine manifeste Unterfunktion?

Nicht unbedingt. Bei leicht erhöhten TSH-Werten zwischen 5 und 10 mU/l haben nur etwa 30 Prozent der Patienten nach 15 Jahren eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion entwickelt, wie in einer großen Studie aus Schweden gezeigt wurde.

 

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