Hexenschuss: Ursachen

Ein Hexenschuss entspricht einer akuten Funktionsstörung im Kreuz: Schmerzen blockieren es. Das Problem ist nicht banal. Ein Hexenschuss hat immer auch eine Geschichte
von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 20.12.2016

Stresst das Kreuz: schweres Heben, Bücken, feuchte Kälte

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Wenn das Kreuz plötzlich streikt

Schon ganz "normale" Bewegungen wie das morgendliche – vielleicht diesmal etwas zu hastige – Aufstehen aus dem Bett, aber auch spontane Überlastungen durch Bücken oder schweres Heben können einen Hexenschuss auslösen. Mitunter machen Betroffene Klimafaktoren wie feuchte Kälte als Anlass aus. Doch nicht immer lässt sich ein konkreter Auslöser finden.

Auch psychische Faktoren können eine Rolle spielen. Nicht selten begünstigen sie Schmerzen im Rücken beziehungsweise Kreuz. Die Tendenz zum Chronischwerden bringen Experten häufig mit seelischen Problemen in Verbindung. Um dies herauszufinden, kann zeitnah eine genauere psychologische Untersuchung, eventuell auch Therapie, sinnvoll sein. Ziel ist immer, chronische Schmerzen zu vermeiden.

Der Hexenschuss hat oft eine Geschichte

Bei vielen Betroffenen ist die Rückenmuskulatur durch Bewegungsmangel schon länger geschwächt und verkürzt. Dann genügt eine ungewohnte Belastung, und das Malheur ist passiert. Als Reflex verhärten und verspannen sich die Rückenmuskeln (Hartspann). Keineswegs ist immer gleich ein Nerv eingeklemmt. Verspannungen und Verhärtungen von Muskeln, zu unelastisch gewordene Muskelfaszien und Reizungen von Sehnen, die in der Tiefe des Rückens an der Wirbelsäule ansetzen, können aber zu "Blockierungen" führen. Das betrifft vor allem die kleinen Gelenke zwischen den Wirbeln.

Aber auch im Bereich unterhalb davon, nämlich an den Kreuzbein-Darmbeingelenken (Iliosakralgelenken) zwischen Kreuz und Becken, kann das Zusammenspiel der hier oft sehr stark beanspruchten Bänder mit den Muskeln gestört werden. Mögliche Folge ist wiederum eine akute Blockade.

Schmerzen beim Hexenschuss können ausstrahlen

Häufig gibt sich der akute Schmerz im unteren Rücken nicht mit der Kreuz- und Lendenregion zufrieden. Vielmehr strahlt er ins Gesäß oder in den Oberschenkel, mitunter bis zum Knie oder Fuß aus. Knieschmerzen können also manchmal mit dem Kreuz oder Rücken zusammenhängen, auch ohne Rückenschmerzen.

Pseudoradikuläre oder radikuläre Schmerzen?

Ein Hexenschuss kann zum einen mit pseudoradikulären Schmerzen verbunden sein. Dabei strahlen die Beschwerden zwar ins Bein aus, wie zuvor beschrieben. Aber das hat nicht immer etwas mit der gefürchteten Reizung oder "Einklemmung" von Beinnerven wie dem "Ischias" zu tun (siehe auch Kapitel "Hexenschuss: Komplikationen" und "Hexenschuss: Ischias, radikuläre Schmerzen" in diesem Beitrag).

Der Begriff radikulär bezieht sich eigentlich auf die Nervenwurzeln am Rückenmark. Bei radikulären Schmerzen sind also die Nervenwurzeln am Rückenmark beteiligt, genaugenommen entzündet, bei pseudoradikulären Schmerzen nicht.

Überstrapazierte Kapsel-Band-Strukturen oder verspannte Muskeln in der Tiefe des Rückens ziehen hier nicht selten die kleinen Zwischenwirbelgelenke (Facettengelenke) in Mitleidenschaft. Manchmal ist auch eine schon etwas lädierte Bandscheibe beteiligt. Ist es etwa durch Lockerungen im Gefüge von Bandscheiben und Wirbeln zu Verschleiß gekommen, entzünden sich häufig die kleinen Wirbelgelenke. Die jeweils resultierenden Rückenschmerzen können in einen weiten Umkreis ausstrahlen. Sie neigen auch dazu, immer wieder aufzuflackern und chronisch zu werden (Facettengelenksyndrom).

Bei Osteoporose der Wirbelsäule zum Beispiel kommen ebenfalls pseudoradikuläre Schmerzen vor. Das heißt also, dass diese Schmerzart durchaus eine krankhafte Ursache haben kann und damit zu den spezifischen Rückenschmerzen gehört. Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle und Muskelschwächen am Bein, also Nervenstörungen, bestehen bei rein pseudoradikulären Schmerzen jedoch nicht. Auch bei Blockierungen der Kreuzbein-Darmbeingelenke übrigens treten Nervenstörungen normalerweise nicht auf.

Vielmehr handelt es bei inbegriffenen Nervenstörungen eindeutig um radikuläre Schmerzen ("Ischias"), die zweite Variante beim Hexenschuss. Zusammen mit den Rückschmerzen ergibt sich so dessen kompliziertere Form, eine Lumboischialgie. Um es komplett zu machen: Bei manchen Patienten kann auch eine Mischung aus radikulären und pseudoradikulären Schmerzen vorliegen. Genauer lässt sich das nur durch spezielle Untersuchungen herausfinden.

Der Arzt wird immer zunächst die Schmerzzonen – das Zentrum und das Gebiet der Schmerzausstrahlung, also Wirbelsäule, Fuß, Unterschenkel, Knie und Bein – gründlich unter die Lupe nehmen. Manchmal kann schon der Körperbau die Beschwerden im Kreuz und Gesäß erklären. Gerade bei vorbestehenden Formstörungen des Skeletts verursacht zum Beispiel eine vergleichsweise geringfügige Belastung schnell akute Schmerzen.

Bestätigt sich der "Ischias" klinisch, wird der Arzt sicherheitshalber eine neurologische Untersuchung anraten. Dabei lässt sich das Schmerzbild genauer einordnen, eine spezielle Schmerzursache, etwa ein Bandscheibenvorfall oder eine Verengung des Wirbelkanals (lumbale Spinalkanalstenose, auch Wirbelkanalstenose), einkreisen und bei Bedarf durch weitere Untersuchungen bestätigen oder ausschließen. Dabei kommt es letztlich auf die Bewertung an, ob Befunde und Beschwerden übereinstimmen.

Mehr darüber lesen Sie wiederum im Kapitel "Hexenschuss: Komplikationen" und im Ratgeber "Rückenschmerzen".

Um beim unkomplizierten Hexenschuss zu bleiben, so ist dieser also als eine akute Funktionsstörung des Kreuzes ohne besondere weitere Beeinträchtigungen – außer dass der Alltag vorübergehend darunter leiden kann – zu verstehen. Mediziner sprechen daher auch von einem örtlich begrenzten Lumbalsyndrom. Weitere Bezeichnungen sind neben Lumbago ("Lendenlähmung") noch Lumbalgie (Lendenschmerz), seltener Dorsalgie oder Dorsodynie (Schmerzen auf der Rückseite, am Rücken).

Auch wenn Kreuzschmerzen streng genommen Schmerzen sind, die sich auf das Kreuzbein oder die dort liegenden Kreuzbein-Darmbein-Gelenke beziehen, halten wir uns an das Bild von Kreuzschmerz, wie er sich im allgemeinen Verständnis durchgesetzt hat: ein Rückenschmerz im engeren oder weiteren Bereich der Lendenwirbelsäule.


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