Hexenschuss: Ischias, radikuläre Schmerzen

Ischias, Ischialgie oder Lumboischialgie bedeutet, dass ein Schmerz am Ischiasnerv oder im Kreuz plus Ischiasnerv vorliegt. Meist ist ein Kreuzschmerz gemeint, der ins Bein ausstrahlt
von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 20.12.2016

Die Wirbelsäule mit ihren fünf Etagen (das vollständige Bild sehen Sie, wenn Sie auf die Lupe klicken)

W&B/Martina Ibelherr

Wenn die Schmerzen nicht nachlassen

Wenn die Kreuzschmerzen nach wenigen Tagen nicht zurückgehen und über das Gesäß und die Außen- oder Rückseite des Oberschenkels ins Bein ausstrahlen, wenn sie sich zusätzlich mit einer Muskelschwäche und Gefühlsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühlen festsetzen, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Situation mit radikulären Schmerzen. Der Begriff radikulär bezieht sich auf die Wurzeln der Spinalnerven am Rückenmark. Die daraus hervorgehenden Nerven versorgen die Gliedmaßen. Andere Bezeichnungen: lumbale Radikulopathie, Ischialgie oder Lumboischialgie, kurz: "Ischias". In dieser Situation wird der Arzt zur genauen Diagnose neben einer neurologischen Untersuchung auch bildgebende Verfahren veranlassen (siehe unten).

Der Ischiasnerv ist der größte Körpernerv. Er ist für Bewegungsimpulse und Gefühlswahrnehmungen (Sensibilität) am Bein zuständig. Die Nerven gehören zum sogenannten Kreuzbeingeflecht. Die entsprechenden Nervenwurzeln beziehungsweise Segmente heißen L4, L5, und S1 bis S3 (L steht für lumbal, also das Lendensegment betreffend, S für Kreuzbein). Der Begriff Segment bezieht sich letztlich auf "ein Stück Säule" des Rückenmarks mit Nervenzellen. Einem Muskel können Nerven aus einem oder mehreren Segmenten zugeordnet sein (sogenannter Kennmuskel).

Ischias-Symptome: Mal typisch, mal unberechenbar

Viele Betroffene haben Schmerzen im Kreuz und / oder im Bein. Die Schmerzen können bewegungsabhängig plötzlich, wiederholt oder anhaltend auftreten und von Missempfindungen wie Kribbeln begleitet sein. Die oft als stechend oder brennend beschriebenen Beinschmerzen können je nach betroffener Nervenwurzel entlang der Außenseite des Beins bis zur Großzehe ausstrahlen. Oder sie werden vor allem am Knie (!), vorne am Schienbein oder innen am Unterschenkel empfunden.

Der Patient nimmt manchmal eine auffällige Fehl- oder Schonhaltung ein. Der Druck auf eine beengte Nervenwurzel kann dadurch etwas nachlassen und der Schmerz erträglicher werden. Vorbeugen oder Erschütterungen wie Husten oder Niesen und auch Pressen können die Schmerzen verstärken, wenn ein Zug auf die gereizte Nervenwurzel entsteht.

Begleitende Muskelverspannungen "blockieren" das Kreuz zusätzlich, häufig auf einer Seite. Seitwärts- oder Rückwärtsbeugen kann vermehrt Schmerzen auslösen. Dann werden solche Bewegungen tunlichst vermieden. Allerdings verstärkt eine Schonhaltung die Verspannungen häufig. Was im Einzelfall besser oder schlechter geht, ist letztlich immer eine Frage der jeweils zugrunde liegenden Veränderung. Davon hängt zum Beispiel auch ab, ob es zu Nervenstörungen kommt, ob also zum Beispiel Muskelreflexe ausfallen und eine Muskelschwäche oder -lähmung auftritt.

Diagnose bei Hexenschuss mit "Ischias"

Je nachdem, welche Nervenwurzel bedrängt ist, entscheidet also darüber, wo der Ischiasschmerz sich schwerpunktmäßig bemerkbar macht. Der Arzt spricht hier von segmentalen Schmerzen und Gefühlsstörungen. Sie sind ein wichtiger Unterschied zu den pseudoradikulären Schmerzen. Hier sind die Nervenwurzeln am Rückenmark intakt, und segmentale Beschwerdemuster fehlen. Allerdings lässt sich das bei der körperlichen Untersuchung nicht genau unterscheiden. Im Prinzip können nämlich auch Gefühlsstörungen vorhanden sein, ohne dass eine Nervenwurzel im Wirbelkanal bedrängt wird. Oder eine Nervenwurzel steht im Wirbelkanal unter Druck, dennoch fehlen Schmerzen.

! Achtung: Nachlassende Schmerzen bei zunehmenden Lähmungszeichen am Bein dagegen sind ein absolutes Warnsymptom!

Das heißt auch, dass die sorgfältige klinisch-neurologische Untersuchung bei einem komplizierten Hexenschuss beziehungsweise radikulären Kreuzschmerz unerlässlich ist. Dazu gehören unter anderem aktive Bewegungstests, etwa Zehenstand auf einem Bein, passive Nervendehnungstests sowie ein genauer Check-up der einzelnen Kennmuskeln (siehe oben). Je nach Ergebnis wird der Arzt prüfen, ob zusätzlich ein bildgebendes Diagnoseverfahren und weitere Untersuchungen wie elektrophysiologische Tests oder Laboranalysen notwendig sind.

Veränderungen an den knöchernen Strukturen der Wirbelsäule lassen sich in Röntgenbildern gut erkennen, während die häufigste Ischias-Ursache, nämlich ein Bandscheibenvorfall, in der Magnetresonanztomografie gut sichtbar ist. Eine Computertomografie bildet beide Anteile – knöcherne und nicht knöcherne Strukturen – ab, ist aber ihrerseits mit einer Strahlenbelastung verbunden und wird daher eher bei besonderen Fragestellungen herangezogen.

Therapie bei "Ischias": So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Wenn nichts dagegen spricht, wird der Arzt eine konservative Behandlung mit einem schmerzlindernden Medikament beginnen. Es gibt verschiedene Arten und Stärken. Bei Bedarf wird der Arzt, stets nach Prüfung möglicher Gegenanzeigen, noch intensiver mit Schmerzmitteln behandeln. Gegebenenfalls wird er zusätzlich ein muskelentspannendes Arzneimittel verordnen – für kurze Zeit. Damit lässt sich auch ein "Ischias" häufig in den Griff kriegen. Neben Medikamenten kommen gegebenenfalls Wärmeanwendungen (physikalische Therapie) infrage. Manualtherapeutische Maßnahmen (Chirotherapie) sind dagegen bei akutem Ischias kontraindiziert, also keinesfalls angezeigt. Schritt für Schritt kann im Weiteren eine Physiotherapie sinnvoll sein, um Verspannungen zu lösen. Der Arzt wird die Indikation im Einzelfall genau prüfen.

Manchmal schlagen Ärzte bei anhaltenden Schmerzen eine Injektionsbehandlung vor. Dabei spritzen sie zum Beispiel ein örtlich betäubendes Medikament an eine Nervenwurzel heran (periradikuläre Injektionen). Häufig geschieht dies unter bildgebender Kontrolle mit einem Röntgenverfahren (Strahlenbelastung). Inwieweit diese Wege möglich und erfolgreich sind, hängt jeweils von der Art und Ursache der Beschwerden ab. Klare Bewertungen fehlen. Liegt beispielsweise eine Nervenwurzelentzündung durch eine Infektion mit Bakterien vor, ist natürlich eine antibiotische Therapie angezeigt. Wenn Nerven oder benachbarte Strukturen zunehmend kritisch unter Druck stehen, lässt sich eine Operation praktisch nicht vermeiden.

Mehr zur Diagnose und Therapie bei Rückenproblemen lesen Sie in den Ratgebern "Bandscheibenvorfall" und "Rückenschmerzen".


  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Symptome-Finder

Wählen Sie:
© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages