Reisedurchfall mit späten Folgen

Eine in exotischen Ländern erlittene Durchfallerkrankung kann einem nicht nur den Urlaub vermiesen, sondern sich auch langfristig auf die Gesundheit auswirken

von Barbara Kandler-Schmitt, 07.09.2018
Essen im Urlaub

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Egal ob als Montezumas Rache oder Fluch des Pharao: Reisedurchfall trifft jeden dritten Fernreisenden und ist das häufigste Gesundheitsproblem weit weg von zu Hause – insbesondere in Ländern mit niedrigem Hygienestandard.

Zwar klingen die akuten Beschwerden in der Regel nach zwei bis vier Tagen von selbst wieder ab. Doch Experten warnen zunehmend vor möglichen Langzeitfolgen: "Es gibt klare Hinweise, dass Reisedurchfall das Risiko, ein Reizdarmsyndrom zu entwickeln, deutlich erhöht", sagt Professor ­Tomas Jelinek, medizinischer Direktor des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin.

Wasser trinken

Darmflora aus dem Gleichgewicht

Die Ursache dieses postinfektiösen Reizdarm­syndroms sei eine sogenannte Dysbiose, eine Verschiebung der natürlichen Darmflora. "Jeder Mensch hat eine individuell zusammengesetzte Bakterienflora im Darm", erklärt Jelinek. Auf Reisen verändere sich diese massiv, weil wir mit dem Essen ungewohnte Keime aufnehmen, die sich dann im Darm ansiedeln. Störungen der Darmflora seien umso wahrscheinlicher, je exotischer das Land und je schlechter die hygienischen Bedingungen.

Manchmal ist die Veränderung so nachhaltig, dass die Darmflora zu Hause nicht mehr in ihr altes Gleichgewicht zurückfindet. Mögliche Folgen: funktionelle Störungen wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen und Darmkrämpfe, die Monate oder sogar Jahre anhalten.

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Zusätzliche Untersuchungen bei länger anhaltendem Durchfall

Dauert der Reisedurchfall länger als 10 bis 14 Tage an oder tritt er erst nach der Rückkehr ins Heimat­land auf, sollte der Arzt zunächst durch eine mikrobiologische Diagnostik einen Befall mit bestimmten Krankheitserregern und Parasiten ausschließen. Sind diese nicht nachzuweisen, liegt laut Jelinek vermutlich eine Dysbiose vor. Dann lohne sich ein Versuch, die Darmflora mit probiotischen Darmbakterien oder Trockenhefe-Präparaten wieder aufzubauen. Zwar sei die Studienlage widersprüchlich. "Aber in der Praxis machen wir durchaus positive Erfahrungen damit", so der Reisemediziner.

Zudem wächst in jüngster Zeit die Sorge, dass Reisedurchfall ein wichtiger Risikofaktor für die Einschleppung multiresistenter Darmbakterien sein könnte. "Wenn die Darmflora gestört ist, siedeln sich häufiger multiresistente Keime an, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt", erläutert Jelinek. Als besonders problematisch gelten extrem widerstandsfähige Kolibakterien, die sich Urlauber am häufigsten auf dem indischen Subkontinent, in Südostasien und Nordafrika einfangen.

Multiresistente Bakterien im Gepäck

Laut einer finnischen Studie aus dem Jahr 2015 kam jeder fünfte Tourist mit multiresistenten Kolibakterien aus Ländern mit niedrigen Hygienestandards zurück. Von Reisenden, die unterwegs Durchfall hatten, brachte jeder zweite einen "Problemkeim" mit. Und wenn der Durchfall mit Antibiotika behandelt worden war, lag das Risiko sogar bei bis zu 80 Prozent – zumindest auf dem indischen Subkontinent. "Die Medikamente verschieben die Darmflora und verschaffen Keimen, gegen die sie nicht wirken, Überlebensvorteile", erklärt Jelinek.

Auch wenn multiresistente Darmbakterien für den Träger in der Regel nicht gefährlich sind, verursachen sie möglicherweise Probleme. Etwa wenn sie auf offene Wunden gelangen oder auf immungeschwächte Personen übertragen werden. "Dann können sie Infektionen auslösen, für deren Therapie nur wenige Medikamente zur Verfügung stehen", betont Professor Robert Steffen vom WHO Collaborating Centre for Travellers’ Health an der Universität Zürich.

Deshalb wurden Mediziner mit dem Einsatz von Antibiotika bei Reise­­durchfall deutlich zurückhaltender. "Sie sind nur angebracht, wenn schnell Symptomfreiheit erreicht werden muss oder die Symptome sehr schwer­­wiegend sind", sagt Steffen. Wer fernab der Zivilisation, mit einer Reisegruppe oder als Geschäftsreisender unterwegs sei, könne sich für den Notfall ein Antibiotikum verschreiben lassen.

Salz und Flüssigkeit ersetzen

Bei einfachem Durchfall genügen meist rezeptfreie Präparate, zu denen Sie sich in der Apotheke beraten lassen sollten. Die wichtigste Maßnahme ist der Ersatz von Flüssigkeit und Elek­trolyten. Unterstützend wirken gerbstoffhaltige Präparate, die die entzündete Darmschleimhaut abdichten, oder Racecadotril, das den Einstrom von Flüssigkeit in den Darm bremst. Loperamid hemmt die Bewegungen der Darmmuskulatur und ist bei Infektionen nicht geeignet: Die Krankheitserreger bleiben länger im Darm.

Kommen zum Durchfall jedoch Fieber, kolikartige Bauchschmerzen oder Blut im Stuhl hinzu, reichen rezeptfreie Medikamente in der Regel nicht aus. Für diesen Fall verordnen Ärzte meist Antibiotika wie Azithro­mycin oder Rifaximin, das den Darm nicht verlassen kann und deshalb örtlich begrenzt wirkt. Allerdings können Antibiotika als Nebenwirkung selbst wieder zu Durchfall führen. Reise­mediziner Jelinek empfiehlt deshalb zusätzlich probiotische Präparate. "Es gibt Hinweise, dass die Darmflora dann weniger geschädigt wird."