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Kreuzfahrten: Urlaub auf dem Meer

Kreuzfahrten halten viele noch für spießig und teuer, nur etwas für Senioren. Trotzdem entscheiden sich immer mehr Urlauber für eine Schiffsreise. So vielseitig sind die Angebote

von Nina Himmer, 14.12.2016

Bauchweh. Janina Ballali erinnert sich noch gut daran. An diese Mischung aus Skepsis und Zweifeln, die sie beim Buchen ihrer ersten Kreuzfahrt verspürte. "Man hat einfach all diese Vorurteile im Kopf", sagt die 29-Jährige. "Zum Beispiel, dass Kreuzfahrten nur etwas für Rentner sind, es total spießig zugeht, man an Bord vor Langeweile durchdreht und vom Land wenig sieht."

Doch am Ende siegte die Neugier. Zusammen mit ihrem Mann Marc geht Janina Ballali in Miami an Bord der "Norwegian Sky", um einige Tage die Bahamas zu erkunden. Ihr Fazit? "Es war super. Wir konnten gar nicht alle Angebote an Bord nutzen und haben mehr Inseln kennengelernt, als es ohne Schiff je möglich gewesen wäre." Begeistert fliegt das junge Paar zurück nach Deutschland – und stößt im Freundeskreis erst einmal auf Erstaunen. Eine Kreuzfahrt? Ist das nicht langweilig?

Stetig wachsende Urlauberzahlen

Adrian von Dörnberg, Professor für Touristik und Verkehrswesen an der Hochschule Worms, überrascht die Reaktion nicht. "Das Image von Kreuzfahrten ist hierzulande nach wie vor etwas verstaubt." Während sie in den USA eine lange Tradition haben und als Urlaubsform fest eta­bliert sind, tat man sich in Deutschland lange schwer damit. "Bis Mitte der Neunziger stachen jährlich gerade einmal 250 000 Urlauber in See, was vor allem an den Preisen und den elitären Verhältnissen an Bord lag", so von Dörnberg.

Heute sehen diese Zahlen vollkommen anders aus: Jedes Jahr buchen fast zwei Millionen Deutsche eine Seereise, bis 2020 werden es wohl drei Millionen sein. Damit sind wir nach den USA die kreuzfahrtfreudigste Nation überhaupt. Kreuzfahrten sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Medizinische Versorgung auf See
Seekrank werden auf Kreuzfahrten nur noch wenige Passagiere. Denn je größer das Schiff ist, desto träger reagiert es auf Wellen. Dennoch sind die Schiffe für kränkelnde Reisende gut ausgestattet: Ab 100 Passagieren ist ein Arzt an Bord vorgeschrieben, in der Regel reisen aber mindestens zwei Mediziner sowie Pfleger und Krankenschwestern mit.

Eine Bordklinik lässt sich mit der Notambulanz eines deutschen Krankenhauses vergleichen. Es gibt ein EKG-Gerät und einen Defibrillator, zudem Labor-, Ultraschall- und Röntgendiagnostik. Kleine chirurgische Eingriffe wie das Nähen von Platzwunden oder die Versorgung unkomplizierter Brüche sind in der Regel kein Problem, zumal manche Schiffe via Satellit mit Kliniken an Land vernetzt sind. Notfälle wie Herz­­infarkt-Patienten werden mit dem Helikopter in Kliniken geflogen oder vom nächsten Hafen aus dort eingeliefert.

Gut zu wissen: Für chronisch Kranke und behinderte Menschen gibt es auf vielen Schiffen spezielle Angebote wie barrierefreies Reisen oder Dialysezentren.

Kreuzfahrt-Statistik

Tatsächlich hat sich die Branche in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Die Preise sind gefallen, die Reise­zeiten kürzer, viele Schiffe laufen im gut erreichbaren Hamburg aus, der Altersdurchschnitt der Passagiere sinkt. Und Individualität zählt mittlerweile mehr als Etikette. Vorbei sind die Zeiten, in denen Passagiere Smoking und Brillanten im Gepäck haben mussten und sich abends zum Captain’s Dinner trafen. Stattdessen setzen Kreuzfahrt-Anbieter auf eine zwanglose Atmosphäre und vielfältige Angebote.

Themenkreuzfahrten von FKK bis Heavy Metal

So vielfältig, dass es mitunter fast ein wenig absurd anmutet. Es gibt eigens Kreuzfahrten für Heavy-Metal- oder Musikantenstadl-Fans, für Golfer, FKK-Freunde und Parfüm-Liebhaber. Das sind freilich die Orchideen der Branche, wichtiger für den Markt sind die regulären Schiffe, auf denen die Fülle an Unterhaltungsangeboten riesig ist. Neben den obligatorischen Pools gibt es zahlreiche Restaurants, Fitness- und Wellnessangebote, gläserne Skywalks, Kletterwände, Golfplätze, Kinos, Einkaufszentren. Die Schiffe werden zunehmend selbst zur Destination.

Das Konzept geht auf. "Einige Anbieter haben den Markt revolutioniert", sagt Touristik-Experte von Dörnberg. Seit ihre Schiffe in See stechen, wächst die Nachfrage stetig – jährlich um rund zehn Prozent. Und die Branche erreicht Zielgruppen, die sie noch vor wenigen Jahren nicht in Betracht zog.

Schiffsriesen als schwimmende Hotels

"Auch weil Erleben das neue Haben ist", sagt Psychologie-Professor Alfred Gebert von der Uni Münster. "Wer eine Kreuzfahrt macht, erlebt in kurzer Zeit sehr viel und kann davon erzählen. Das ist eine Art Status­symbol."

Studien wie von Dörnbergs Kreuzfahrtanalyse aus dem Jahr 2012 zeigen zudem, dass viele Passagiere den Komfort schätzen. Man packt einmal seine Koffer aus, und für den Rest des Urlaubs reist das Hotel einfach mit. Man genießt die Vorteile einer gewohnten Umgebung – und sieht dennoch viel Neues. Oberste Priorität hat für Kreuzfahrer laut der Studie "das Entdecken fremder Länder und Kulturen".

Allen Touristen gemein ist das Bedürfnis nach Sicherheit – gerade in politisch so turbulenten Zeiten. Für alle, die Terroranschläge fürchten, haben Schiffe einen entscheidenden Vorteil: Flexibilität. Die meisten Kreuzfahrt-Anbieter achten auf strenge Zugangskontrollen und reagieren kurzfristig auf Warnungen und Sicherheitsbedenken. In solchen Fällen steuern die Schiffe bestimmte Häfen einfach nicht mehr an. Aktuell betrifft diese Regelung zum Beispiel die Türkei.

Gemischte Gefühle in den Hafenstädten

Doch während Istanbul und Izmir durchaus unter solchen Entscheidungen leiden, sind andere Hafenstädte gar nicht so scharf auf die Megaschiffe. In Venedig, Valletta, Amsterdam oder Dubrovnik etwa regt sich Widerstand gegen sie. Die Einwohner beklagen sich über Luftverschmutzung und die Menschenmassen, die aus den Schiffen in die Stadt drängen.

Inseln wie Capri oder Santorin haben ähnliche Probleme – immerhin fasst ein Kreuzfahrtschiff zwischen 1000 und 5000 Passagiere. Kommen alle auf einmal, spült das zwar Geld in die örtlichen Kassen, Kritiker sprechen aber von einem "Heuschrecken-Tourismus". Gut möglich, dass solche Szenarien das Wachstum der Branche mittelfristig hemmen werden. Manche Häfen haben einfach nicht die Kapazitäten für die immer größer werdenden Schiffe und die Urlaubermassen, die sie an Land spucken.

Ausprobieren, ob Kreuzfahrten den eigenen Geschmack treffen

Momentan tut das dem Kreuzfahrt-Boom allerdings keinen Abbruch. Es gibt viele eingefleischte Fans – und es werden immer mehr. Etwa Janina und Marc Ballali, die aus ihrem Faible für diese Art des Reisens keinen Hehl mehr machen. Beide erzählen gern von ihren positiven Erfahrungen, ermuntern Freunde und Kollegen, doch auch einmal in See zu stechen. Und das durchaus erfolgreich, wie Janina Ballali berichtet: "Der eine oder andere Skeptiker ist schon euphorisch zurückgekehrt."