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Systemische Therapie: Beziehungen im Blick

Der Mensch im Kontext – Beim systemischen Ansatz bezieht man Familie oder Partner in die Psychotherapie mit ein und untersucht das Beziehungsnetzwerk. Die Kosten sollen bald erstattet werden

von Birte Schmidt, 27.01.2020
Tierische Stellvertreter: Eine Familienaufstellung zeigt Beziehungsmuster auf

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Das Netzwerk, in dem wir leben, formt unsere Psyche. Davon war schon Nathan Ackermann überzeugt. Als der amerikanische Psychiater vor mehr als 80 Jahren in die Therapie von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen auch die Familie einbezog, galt das als revolu­tionär. Das von ihm gegründete New Yorker Family Institute war in einer Vorreiterrolle an der Entwicklung der systemischen Therapie beteiligt.

Mittlerweile gilt es in der Psychotherapie als selbstverständlich, den Patienten nicht isoliert zu behandeln, sondern Erkenntnisse über sein gesamtes Umfeld einfließen zu lassen. Die Wirksamkeit dieses Verfahrens bei allen größeren psychischen Krankheiten ist wissenschaftlich durch et­liche Studien grundlegend erwiesen – von Suchtproblemen über Essstörungen bis hin zu Depressionen.

Teil des Behandlungsstandards

"Ich kann aus meiner Praxis sagen, dass man fast ­alle Therapien damit beginnen kann und es häufig einen entscheidenden Unterschied macht, sich die Beziehungen und ihre Wirkung auf die psychischen Störungen anzuschauen", sagt Dr. Ulrike Borst, Psychologische Psychotherapeutin und Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft.

Dr. Björn Enno Hermans

Während in vielen euro­päischen Ländern die systemische Therapie längst zum Behandlungsstandard gehört, muss der Patient in Deutschland noch immer selbst in die Tasche greifen. Seit elf Jahren bereits setzen sich die systemischen Dachgesellschaften dafür ein, dass die gesetz­lichen Krankenkassen die Kosten für die Leistung tragen.

Systemische Therapie wird Kassenleistung

Bisher stockte das Anerkennungsverfahren. Aktuell kommt wieder Wind in die Segel. Der Gemeinsame Bundesausschuss, der in Deutschland entscheidet, welche Behandlungen und Arzneien die Kassen zahlen müssen, gab bereits grünes Licht. Nun muss noch die Psychotherapie-Richtlinie angepasst werden.

"Wir rechnen damit, dass die systemische Therapie im Lauf des Jahres 2020 Kassenleistung wird", sagt Professor Björn Enno Hermans, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie. Doch alle Hürden wären damit nicht aus dem Weg geräumt.

Suche nach einem Therapeuten

Die Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer bieten auf ihren ­­Internetseiten eine Therapeutensuche an. Krankenkassen schicken Patienten auf Nachfrage auch postalisch Listen mit geeigneten Psychotherapeuten aus der Umgebung zu.

2018 wurde wegen der oft sehr langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz die Terminservicestelle Psychotherapie eingerichtet. Sie vermittelt zeitnah einen Termin zur Akutbehandlung oder für ein Erstgespräch. Die Vermittlung zu einem Wunschtherapeuten ist nicht möglich.

Denn viele systemische Therapeuten in Deutschland haben noch gar keine Approbation und auch keinen Kassensitz. "Die einzigen, die die systemische Therapie zeitnah für Kassenpa­tienten anbieten dürfen, sind Psychotherapeuten, die über einen Kassensitz und zusätzlich eine entsprechende Weiterbildung verfügen", stellt Her­mans klar. Ihren Schwerpunkt legen diese aber auf andere Verfahren.

Patient und Angehörige beeinflussen sich gegenseitig

Zu Beginn der systemischen Therapie wird ein Ziel festgelegt und eine passende Methode ausgewählt. Dazu gehört eine Art Anamnese – ein Fragenkatalog, der analysiert, wann und in welchem Zusammenhang sich zum Beispiel eine Bulimie oder Mager­sucht zum ersten Mal zeigte und wie das Umfeld damit umgegangen ist.

Es ­werde genau geschaut, was besonders belastend war und was dazu beitrage, die ­Lage zu verbessern, erklärt Dr. Kirsten von Sydow. Sie arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin in Hamburg. "Wir betrachten aber auch umgekehrt, wie sich eine psychische Störung etwa auf die Familie auswirkt." Denn oft bewegen sich Patienten und Angehörige in einer wechselseitigen Spirale.

Dr. Ulrike Borst

Zwei Fragen stehen laut Hermans im Zentrum: Wozu braucht es die psychische Störung im Leben dieses Menschen, wenn man seine Beziehungen und aktuellen Lebensbedingungen beachtet? Und warum hat der Patient eine Magersucht entwickelt und nicht zum Beispiel eine Angstsymptomatik?

Rollentausch führt zu Lösungen

Wichtig für ein besseres Verständnis: Der Patient muss auch die Sichtweise der anderen einnehmen – eine Art Rollentausch vollziehen. Wenn möglich, werden in den folgenden Sitzungen die Familienangehörigen, Partner, eventuell sogar Kollegen einbezogen. Anschließend können Lösungen und neue Verhaltensmuster entwickelt werden.

"Der Vorteil liegt darin, dass schnell die relevanten Probleme zum Vorschein kommen", sagt Borst. Im Unterschied zu anderen Verfahren wie der Psychoanalyse finden die Treffen oft in größeren Abständen von zwei bis vier Wochen statt. "Denn auch zwischen den Sitzungen ereignet sich vieles, das den Behandlungserfolg unterstützt", so Borst.

Spezialisierte Therapeuten findet man im Internet auf www.systemische-gesellschaft.de