Kreativer denken: Tipps für Geistesblitze

Mal sprudeln die Einfälle nur so, dann herrscht im Kopf wieder gähnende Leere. Das kann an mehreren Umständen liegen. Worauf wir bei kreativen Tätigkeiten achten sollten
von Dr. med. Roland Mühlbauer, 06.06.2016

Mach mal Pause: Öfter fallen uns bei einer geistigen Auszeit die besten Ideen ein

F1online

Längst müssen nicht nur Künstler originell und erfinderisch sein. In der heutigen Arbeitswelt wird eigentlich von den meisten qualifizierten Mitarbeitern verlangt, dass sie mit guten Einfällen das Unternehmen voranbringen und aktiv Probleme lösen. Wer vor Kollegen eine Präsentation hält, sollte besser Staunen als Gähnen hervorrufen. Und wer neue Kunden gewinnen will, muss auf deren individuelle Anforderungen eingehen. Wir leben in einer Zeit, in der aus so einfachen Einfällen wie Onlinekaufhäusern oder einer Internetseite, die beim Finden anderer Internetseiten hilft, Weltkonzerne entstehen können. Dinge zu verbessern, sich Neues einfallen zu lassen – im engeren Sinne also kreative Tätigkeiten – stehen längst im Zentrum vieler Berufe.

Professor Sascha Friesike am Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Unternehmensführung an der Universität Würzburg kennt das Problem der immer wieder geforderten Kreativität. Er muss beispielsweise gute Ideen haben, wenn er sich neue Vorlesungen für seine Studenten überlegt. Friesike, auch Buchautor zum Thema, hat sich intensiv damit beschäftigt, wie Menschen auf neue Gedanken kommen. Dabei stellte er fest, dass Einfallsreichtum nicht ein besonderes Talent von wenigen ist, sondern dass unter bestimmten Voraussetzungen die allermeisten Menschen kreativ sein können. Dennoch fällt es vielen im Alltag schwer. Warum?

Arbeit spielerischer angehen

"In Zentraleuropa verbinden die Menschen Arbeit sehr stark mit dem Ernst des Lebens", meint Friesike. "Kreativität hingegen wird eher mit Spielen verbunden." Im allgemeinen Sprachgebrauch hat das Wort sogar teilweise einen negativen Beigeschmack: Mit dem Begriff "kreativer Umgang mit Ressourcen" wird der Missbrauch von anvertrauten Mitteln umschrieben, wenn der Mathelehrer von einem "kreativen Lösungsansatz" spricht, war dieser gar nicht gefragt, und Menschen mit einem "kreativen Lebensentwurf" gelten als gescheitert.

Friesike führt diese Einstellung zur Kreativität darauf zurück, dass sich die Erziehung immer noch an der industriellen Produktionskultur orientiert. Am Fließband war es vor allem wichtig, konstante Leistung zu erbringen. Jedes Werkstück sollte genau wie das andere aussehen. "Dass man auch bei der Arbeit Spaß haben darf, können viele nur schwer mit preußisch-protestantischer Arbeitsmoral vereinbaren", sagt der Experte. Zu groß sei die Angst vor Fehlern, oder davor, sich mit unbedachten Vorschlägen zu blamieren.

Spaß sei aber nötig, wenn Menschen neue Lösungen entwickeln sollen, sagt Friesike: "Wir brauchen eine spielerische Herangehensweise, mit der wir ausprobieren, was nicht geht und was geht, um dann in der Richtung weiterzukommen." Dafür sollten erwachsene Menschen ein Stück weit das innere Kind wiederentdecken. "Frage ich in einer Grundschulklasse, wer malen kann, heben alle Kinder den Finger. Frage ich dasselbe bei Erwachsenen, bleiben fast alle Finger unten", berichtet der Experte. Eine Voraussetzung für Kreativität ist also, auch an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. Hier einige Anregungen, um die schöpferische Ader zu aktivieren:

  • Potenzial in allem sehen: Wer mit der Haltung ans Werk geht, dass grundsätzlich alles verbessert werden kann, eröffnet der eigenen Kreativität Spielräume.
  • Neugierde stärken: Aufmerksamkeit entwickeln für die Umwelt, sowohl in der Arbeit als auch privat, und beim Beobachten möglichst unvoreingenommen sein.
  • Bewusst alleine ausgehen: Wer auch mal alleine Kunstwerke, Aufführungen oder die Natur erlebt, nimmt dabei seine Umgebung oft intensiver wahr als in Begleitung.
  • Beste und schlimmste Fälle durchdenken: Bei anstehenden Ereignissen bewusst das Best Case- und Worst Case-Szenario ausmalen, um Lösungen für alle Eventualitäten zu entwickeln.
  • Rad nicht neu erfinden: Welche Vorschläge und Gedanken sind bereits anderswo vorhanden? Nicht selten führt die Kombination von bekannten Elementen zu erfolgreichen neuen Lösungen.
  • Durch Andersdenkende weiterkommen: Wenn es Menschen gibt, die völlig anders über ein Problem denken, dann versuchen, ihren Blickwinkel zu verstehen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.
  • Einen Schritt zurücktreten: Während der Arbeit an Details immer wieder auch den Überblick über das ganze Projekt suchen.
  • Unnütze Ideen streichen: Nicht alle anfangs verlockend erscheinenden Einfälle führen zum Ziel, manche blockieren sogar das Vorankommen. Deshalb ist oft ein dicker Rotstift notwendig, um ein Werk abzuschließen.

Dem Gehirn geistige Ruhepausen gönnen

Viele Menschen berichten, dass ihnen die besten Ideen unter der Dusche kommen. Und Isaac Newton hatte laut Anekdote die entscheidende Idee für seine Gravitationstheorie, als er unter einem Baum saß, von dem ein Apfel fiel. Die entscheidende Gemeinsamkeit ist wohl weniger, dass von oben etwas auf den Kopf prasselte, sondern dass in dem Moment das Gehirn mit nichts anderem beschäftigt war und deshalb frei assoziieren konnte.

Deshalb plädiert Friesike dafür, bewusst dem Gehirn Pausen zu geben, indem es das Gedachte und Erlebte verarbeiten und neue Verknüpfungen ausbilden kann. Auch die Heimfahrt in der U-Bahn wäre so eine Gelegenheit. "Aber leider zücken heutzutage ganz viele Menschen schon nach zwanzig Sekunden ihr Handy, weil sie keine Leerzeiten mehr gewohnt sind, in denen nichts passiert." Außerdem eignen sich geistig weniger anspruchsvolle Tätigkeiten wie zum Beispiel Geschirr abspülen. Besonders fördert auch Bewegung die Kreativität: Nach Spaziergängen und Trainingseinheiten auf dem Laufband sind Menschen nachweislich geistig flexibler.

Günstige räumliche Voraussetzungen schaffen

Wie messen eigentlich Studien Kreativität? Zum Beispiel, indem sie die Probanden bitten, möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein aufzuzählen. Wer dabei nur an den Bau einer Mauer denkt, ist eher mäßig einfallsreich. Wer ihn als Briefbeschwerer oder Buchstütze nützt, schneidet schon besser ab. Und wer gerade besonders einfallsreich ist, hängt schon mal den Ziegelstein in den Spülkasten der Toilette, um Wasser zu verdrängen und so den Verbrauch zu drosseln.

Anhand derartiger Versuche fanden Forscher heraus, dass Menschen an mehr Möglichkeiten denken, wenn sie in Zimmern mit Fenster arbeiten. Auch große, weite Räume engen die schweifenden Gedanken offenbar weniger ein. Dafür sind Menschen in kleineren Räumen bei analytischen Aufgaben genauer, wenn sie beispielsweise Rechnungen durchführen sollen. Außerdem sind diejenigen kreativer, die sich ihr Arbeitszimmer selbst einrichten können, statt in Räume mit vorgegebenen Möbeln gesteckt zu werden. "Es dürfte auch kaum einen Künstler geben, der sich sein Atelier nicht selbst gestaltet hat, von unseren Mitarbeitern erwarten wir aber, dass sie neue Lösungen in Büros entwickeln, die sie nicht nach ihren Vorstellungen einrichten dürfen", ergänzt Friesike.

Licht dimmen

In einem weiteren Versuch ließ Dr. Anna Steidle von der Universität Stuttgart Probanden Aliens malen. Bei der ersten Gruppe war währenddessen der Raum strahlend hell beleuchtet wie in einem Operationssaal. Dabei entstanden sehr menschenähnliche Außerirdische mit vielen kleinen Details. Die zweite Gruppe zeichnete im Zwielicht. Zwar malten sie weniger Details. Die Formen der Aliens variierten aber viel stärker, es entstanden also deutlich kreativere Ergebnisse. Ähnlich äußerte sich einst der Kolumnist Harald Martenstein, dass er immer das Licht ausmacht, wenn ihm gerade nichts mehr einfällt.

Die ideale Tageszeit finden

Außerdem bestimmt der innere Biorhythmus, wann das Gehirn besser analytisch denkt, und wann es im assoziativen, also kreativen Denken besser ist. Das kann von Mensch zu Mensch stark abweichen. "Ich entwerfe meine Texte am besten am Vormittag nach der ersten Tasse Kaffee", erzählt Friesike. "Es gibt aber Kollegen, die ihre Doktorarbeit komplett in den Nachtstunden verfasst haben."

Auch ein Buch von Mason Currey über die Tagesabläufe bekannter Autoren und Künstler zeigt, dass die Zeiten der schöpferischen Tätigkeit stark variieren. Während Frühaufsteher Ludwig van Beethoven schon vor sieben Uhr morgens kontinuierlich bis in den frühen Nachmittag komponierte, waren Wolfgang Amadeus Mozarts Schaffenszeiten eher über den Tag verteilt, mit einem Schwerpunkt am Abend. Franz Kafka hingegen ersann seine Erzählungen in den tiefsten Nachtstunden. Jeder sollte für sich selbst herausfinden, zu welcher Tages- oder Nachtzeit die Ideen am leichtesten sprudeln. Fortschrittliche Unternehmen kommen dem teilweise entgegen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen.


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