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Kommen Drogen als Psychotherapie infrage?

Wissenschaftler testen, ob LSD oder der Ecstasy-Inhaltsstoff MDMA bei bestimmten seelischen Leiden helfen. Mit positiven Resultaten

von Silke Droll, aktualisiert am 14.07.2016

Durch das Dachfenster schaut Hella M. in den Sternenhimmel. Sie liegt auf einer Matratze am Boden und fühlt sich wohl mit sich selbst. Ihr Körper ist weich, ihre Gedanken fließen ruhig dahin. Gelöst, wie in einer tiefen Meditation. Ein Zustand, den M. seit vielen Jahren nicht mehr erreichen konnte. Normalerweise leidet sie unter ständiger Anspannung: Flashbacks einer schrecklichen Krankengeschichte mit falschen Entscheidungen, Operationen und Komplikationen quälen sie. Die 75-Jährige hat eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), probierte bereits erfolglos mehrere Therapien.

Aber jetzt: "Es war, als wenn sich eine Watteschicht zwischen diese Ereignisse und die Jetztzeit schieben würde. Als wenn ein Pflaster auf eine Wunde gelegt wird", erzählt die Schweizerin, die ihren echten Namen hier nicht lesen will. Ihren Therapieerfolg verdankt die Rentnerin der Substanz MDMA – bekannt als Inhaltsstoff von Ecstasy, der Droge der Techno-Generation.

Peter Oehen

Ihren Drogentrip erlebte M. betreut von Psychotherapeuten im Rahmen einer Studie zur Behandlung von PTBS-Patienten. Mit herkömmlichen Therapien können die Symptome zahlreicher Betroffener nicht oder nur wenig gemildert werden. "Viele brechen die Behandlung deswegen ab. Mit MDMA erreicht man mehr Menschen, und es kann einen Fortschritt in der Therapie bringen", erklärt Untersuchungsleiter Dr. Peter Oehen, Psychiater im schweizerischen Biberist.

MDMA lässt das Glücks- und Kuschelhormon ansteigen

Die Substanz löst beim Konsumenten unter anderem einen Anstieg des als "Glückshormon" bekannten Botenstoffs Serotonin und des "Kuschelhormons" Oxytocin aus. Die guten Folgen in der Psychotherapie: Die Patienten haben weniger Angst, und ihre Beziehung zum Therapeuten wird enger. "Die Menschen kommen in einen positiven emotional-mentalen Zustand. Sie können sich viel besser mit ihren Traumata konfrontieren und die entsprechenden Gefühle aushalten", erläutert Oehen. Zudem verbessere sich die Erinnerung an die traumatischen Geschehnisse, häufig ergebe sich ein vollständigeres Bild.

Unmittelbar nach der MDMA-Therapie und auch ein Jahr danach berichteten die meisten der zwölf Teilnehmer der kleinen Studie von einer wesentlichen Verbesserung ihres Zustands. Zu ähnlich positiven Ergebnissen kommen weitere Untersuchungen über MDMA bei PTBS-Patienten in den USA, in Israel und Kanada. Daran nahmen traumatisierte Soldaten und Feuerwehrleute teil sowie Opfer sexuellen Missbrauchs.

Auch Psilocybin und LSD werden getestet

Die Forschung zum medizinischen Einsatz von Substanzen, die man als illegale Drogen kennt, nimmt gerade Fahrt auf. Neben MDMA werden auch Psychedelika wie Psilocybin, der Stoff der "Magic Mushrooms", und die einstige Hippie-Droge LSD wieder getestet für den Einsatz in der Therapie seelischer Erkrankungen.

Bereits in den 50er- und 60er-Jahren untersuchten viele Experten weltweit den Nutzen von LSD und anderen Substanzen für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Mit vielversprechenden Ergebnissen – wenn auch nicht gemessen an den heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen. Mit dem ausufernden Drogenmissbrauch und der darauf folgenden Verbotswelle in Amerika und Europa kam die Forschung dazu aber so gut wie zum Erliegen.

Das Revival spielt sich nun vor allem in den USA ab. Aber auch in Großbritannien, Kanada, Israel und in der Schweiz ist man derzeit der anderen, vielleicht sogar guten Seite der Drogen auf der Spur. In einer kürzlich im Canadian Medical Association Journal erschienenen Übersichtsarbeit zu psychedelischer Medizin ist gar von einem sich erneut etablierenden Paradigma die Rede – das Tabu ist aufgehoben.

2021: Zulassung von MDMA als Medikament?

"Die Studien belegen vielversprechende Effekte der Substanzen bei der Behandlung bestimmter Krankheitsbilder, für die wir bisher nur sehr armselige Therapien haben", sagt Professor Matthew W. Johnson, einer der Autoren der Überblicksarbeit. Neben posttraumatischen Belastungsstörungen sind das etwa Alkoholismus sowie Depressionen und Angststörungen bei Krebspatienten. Zudem sei gezeigt worden, dass die Anwendungen der Stoffe unter Überwachung durch medizinisches Personal sicher seien, schädliche Folgen deshalb minimal.

Im Rahmen von Studien konsumieren die Teilnehmer die Substanzen jeweils ein- bis dreimal in einer besonders überwachten Psychotherapiesitzung. Davor unterziehen sie sich strengen Gesundheits-Check-ups, zudem wird die Sitzung mit Drogentrip ausführlich vor- und nachbereitet. Die Anzahl der Forschungsprojekte steigt, die Resultate sind durchweg gut. Aber: Bisher handelt es sich lediglich um Untersuchungen mit wenigen Teilnehmern. Trotzdem hegt die US-amerikanische Organisation MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies) schon jetzt einen großen Traum: Die Droge MDMA soll in den USA und Europa als Medikament für die Psychotherapie zugelassen werden. Anvisierter Zeitpunkt: 2021.

Für dieses Ziel treibt MAPS die Forschung voran, will eine Studie mit 400 traumatisierten Patienten an verschiedenen Orten durchführen. "Wir wollen, dass auch 40 bis 50 aus Deutschland teilnehmen", sagt MAPS-Gründer Professor Rick Doblin. Noch fehlt aber die Genehmigung.

Psychedelikum hilft bei Abhängigkeit und Ängsten

Ähnlich gut wie MDMA bei posttraumatischer Belastungsstörung scheint Psilocybin bei extremer Nikotin- und Alkholabhängigkeit sowie bei großen Ängsten Todkranker zu wirken. Konsumenten der aus Pilzen extrahierten Substanz empfinden Wohlbehagen, Euphorie und können in einen traumartigen Zustand kommen. Die Droge verzerrt die Wahrnehmung, lässt farbige Muster vor den Augen entstehen. Sensibilität und Empathie werden stärker. Viele Anwender berichten außerdem von einem tiefgreifenden spirituellen Erlebnis.

Genau hier setzt die Wissenschaft an. Denn typischerweise gehört zu diesem Erlebnis vor allem der Eindruck, dass diese Erfahrung realer ist als das Alltagsleben. Und man hat eine überwältigend positive Sicht auf alles.

"Das tritt nicht immer ein, aber bei etwa zwei Dritteln der Konsumenten in den bisherigen Studien. Nikotinabhängige hören dann eher zu rauchen auf, Alkoholabhängige lassen eher das Trinken sein, Krebspatienten haben weniger Ängste", berichtet Matthew W. Johnson, der an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore forscht.

Unter anderem initiierte er eine Studie mit 51 Krebspatienten. "Wir haben eine dramatische Reduzierung von Angst- und Depressionssymptomen erreicht – und zwar lang anhaltend und mit nur einer hohen Dosis Psilocybin", berichtet der Psychologe und Pharmazeut. Sein aktuelles Projekt: an 80 starken Rauchern die Wirkung der Droge mit der von Nikotinpflastern vergleichen.

Dabei analysiert der Psychologe und Pharmazeut mithilfe von Kernspin-Bildern auch, ob es in der Folge der Einnahme von Psilocybin zu Veränderungen im Gehirn kommt. Denn viele Konsumenten berichten von einem sogenannten Afterglow. "Sie haben in den Tagen und Wochen nach der Einnahme weiterhin eine andere, bessere Stimmung", sagt Johnson.

Peter Gasser

"Die Vorbehalte gegenüber LSD sind riesig"

Noch am Anfang steht die Wiederaufnahme der Forschung zu LSD in der Psychotherapie. "Die Vorbehalte gegenüber LSD sind riesig. Damit wird bis heute die Aussteigerkultur der Hippie-Ära, die Bedrohung der bürgerlichen Welt verbunden", sagt Dr. Peter Gasser. Dennoch gelang es dem Psychiater, eine Genehmigung für eine Studie zu LSD in der Psychotherapie zu erhalten – die erste nach 40 Jahren. Möglich war das wohl nur im LSD-Entdeckerland Schweiz, wo man generell der Erforschung und dem Einsatz von umstrittenen Substanzen offener gegenübersteht.

In Gassers Studie nahmen Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten, die zudem mit starken Angstzuständen kämpften, zweimal LSD ein. Auch noch ein Jahr danach ging es den Patienten seelisch deutlich besser, nachzulesen im Journal of Nervous and Mental Disease. Aber Gasser sagt: "Nicht die Ergebnisse sind das Revolutionäre, sondern dass die Studie überhaupt durchgeführt werden konnte." Nun plant er gemeinsam mit Professor Matthias Liechti eine weitere. Der Pharmakologe aus Basel ist bekannt für seine Grundlagenforschung zu LSD. Er testete dessen Wirkung bereits an 40 gesunden Probanden. Für die Ermittlung von Daten zur Sicherheit der Substanz erlebten die Teilnehmer jeweils einen ärztlich überwachten Drogenrausch im Universitätsspital Basel.

Liechtis Fazit: "Die Gefühle werden in einer Art beeinflusst, die für Psychotherapie sinnvoll sein kann – mehr Vertrauen, Entspannung, Offenheit, Entängstigung. Das zeigt sich in den neuronalen Aktivitätsmustern im Gehirn, und gleichzeitig wurde es von den Patienten beschrieben." Etwa ein Viertel empfinde zum Teil auch unangenehme Gefühle. Dieser Zustand werde aber im Verlauf der bis zu zwölf Stunden andauernden Wirkung wieder überwunden.

Kritiker sagen: "Dirty Drugs" sind schwer zu kontrollieren

Einer von zahlreichen Experten, die das Revival der Drogen-Forschung trotzdem nicht freudig begrüßen, ist Professor René Hurlemann. Der Psychiater kritisiert die Versuche zum medizinischen Einsatz von MDMA, Psilocybin und LSD: "Das sind ,Dirty Drugs‘, die viele verschiedene Wirkungen haben, von denen man aber bei Weitem nicht alle braucht. Deswegen sind sie auch schwer zu steuern und zu kontrollieren", sagt der stellvertretende Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. Er schlägt der wieder erwachten Forschung in dem Bereich einen anderen Weg vor. "Das Ziel sollte nicht sein, beispielsweise tatsächlich MDMA zu geben. Das Ziel sollte sein, zu entschlüsseln, auf welche Weise eine Substanz wie MDMA wirkt – und welcher Mechanismus eine Psychotherapie befeuern kann."

Diese Erkenntnis könnte dann in die Entwicklung neuer Wirkstoffe für Medikamente fließen. Denn eine Beschleunigung und bessere Wirksamkeit seien für die Psychotherapie mit den bekannten langen Wartezeiten und knappen Ressourcen durchaus wünschenswert, betont Experte Hurlemann.

Negative Effekte nach der Einnahme möglich

Doch medizinisch verordnete Drogentrips sind für ihn der falsche Weg. Der Experte gibt zu bedenken, dass negative Effekte der Substanzen auch erst in den Tagen nach der Einnahme auftreten können – wenn aus dem kurzen High ein langes Low wird. Bei der Einnahme von MDMA zum Beispiel führe das neuerliche Absinken des Serotoninspiegels dazu, dass sich die Konsumenten anschließend trauriger, erschöpfter, energieloser und lethargischer fühlen.

Auch Studienteilnehmerin Hella M. berichtet, dass sie sich in den Tagen nach ihren MDMA-Einnahmen besonders verletzlich gefühlt habe, dass sie sich zurückziehen wollte. Es habe sie Mühe gekostet, "in die Welt hinauszugehen". Das wäre für M. aber kein Grund, auf die MDMA-Erfahrung zu verzichten. "Dieses Erlebnis hat mir mehr gebracht als alles andere." Wenn es Hella M. heute wieder einmal schlecht geht, dann "zoomt" sie sich zurück in das Gefühl der Therapiesitzung – und denkt an den Blick in den unendlichen Sternenhimmel.