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Gute Partnerschaft trotz Pandemie: Tipps

Auch Partnerschaften sind in der Corona-Krise besonders herausgefordert. Was das Ausnahme-Jahr für Beziehungen bedeutet und wieso es so wichtig ist, nach stärkenden und auffrischenden Impulsen zu suchen

von Elisabeth Hussendörfer, aktualisiert am 27.01.2021

Zukunftsängste, finanzielle Sorgen, beruflicher Druck und vielleicht ein Familienalltag, der hier und da aus dem Ruder zu laufen droht – Partnerschaften sind derzeit besonders belastet. Manches, was Fachleute im ersten Lockdown rieten, klang ein bisschen nach Feuerwehr: Beachten Sie diese Kommunikationsregel, ändern Sie jene Routine, dann kommen sie da durch. Jetzt, wo aus dem Sprint ein Marathon geworden ist, dürfte es in Beziehungen zunehmend "ans Eingemachte" gehen.

Deshalb haben wir uns mit Anne Milek unterhalten, die Professorin für Paar- und Familienpsychologie an der Uni Münster ist:

Frau Professorin Milek, wird es mehr Trennungen geben?

Ich bin das in letzter Zeit oft gefragt worden. Noch wissen wir es nicht. Wir wissen allerdings, dass Paare sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten seltener scheiden lassen. Es kann also sein, dass hier erst mit einiger Verzögerung ein Effekt zum Tragen kommt. Ich gehe aber nicht unbedingt davon aus. Einige unserer Studien geben erste Hinweise, dass die Krise von Paaren keineswegs nur negativ erlebt wird. Uns hat das überrascht, denn auch wir hatten da so unsere Vermutungen. Tatsächlich scheinen manche genau das Gegenteil einer Verschlechterung ihres Miteinanders zu erleben. Wir stehen das gemeinsam durch. Das schweißt uns zusammen. So etwas hören wir im Rahmen von Befragungen immer wieder.

Unsere Studien laufen noch und erste Erkenntnisse basieren auf die Anfangsphase der Pandemie, ich kann also noch nichts Abschließendes sagen. Wird es durch Corona mehr Babys geben oder mehr Scheidungen? Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich meinen: Beides ist möglich. Die Krise hat in zwei Richtungen Potenzial. Je länger der chronische Stress anhält, desto gefährlicher wird das für Paare die geringere Stressbewältigungskompetenzen und -ressourcen haben. Es gibt aber auch Menschen, die vergangenen Monate mit dem Partner explizit genossen haben. Die sagen: Die weggefallenen Freizeitaktivitäten oder der fehlende Zwang zur beruflichen Mobilität hatten auch was Gutes. Wir sind uns nähergekommen.

Gerade das scheint wiederum anderen zum Problem zu werden: Man hockt aufeinander, es gibt keine Ausweichmöglichkeit. Und dann kommt es zum Streit.

Richtig, allerdings hat das dann vielleicht gar nicht unbedingt etwas mit der Partnerschaft zu tun, sondern mit individuellen Mechanismen, die man ansonsten für sich anwendet. Beispiel: Ich gehe abends noch mal eine Runde schwimmen oder ins Fitnessstudio. Ich treffe meine Freunde. Ich nutze diese Aktivitäten als Ventil, gehe hinterher gestärkt in die Partnerschaft zurück. Wir Paarforscher sprechen von "Spill Over Effekten", die eintreten, wenn solche ausgleichende Katalysatoren wegfallen. Stressoren aus dem Außen werden dann sozusagen in die Partnerschaft eingeschleppt.

Wenn es mit dem Partner derzeit viel Streit gibt, heißt das also nicht automatisch: Die Partnerschaft ist schlecht?

Keineswegs muss es das heißen. Stress, der seinen Ursprung eigentlich weit weg von der Partnerschaft hat aber in die Partnerschaft überschwappt und zu handfesten Partnerschaftskrisen führt, ist ein viel erforschter Mechanismus, den Paare selbst oft gar nicht wahrnehmen. Da wird das gereizte Verhalten schnell mal als Eigenschaft des Partners oder als Böswilligkeit – im Zweifel gegen statt für den Angeklagten - gesehen, ohne die aktuellen Rahmenbedingungen "mildernd" zu berücksichtigen. Es ist eine Gefahr, dass unterschiedliche Faktoren (fehlende Unterstützung, finanzieller Druck, Doppelbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung etc.) in der Bestandsaufnahme in einen Topf geworfen werden und dass dann reflexartig Schlüsse gezogen werden wie: Wir lieben uns nicht mehr.

Passiert es, dass Paare zu schnell auseinandergehen – gerade auch wegen solch vorschneller Schlüsse?

Leider, ja. Natürlich, es gibt auch das andere: Partnerschaften, bei denen die Konflikte sehr tiefgehend und grundsätzlich sind. Möglicherweise ist das Ganze jetzt, mit Corona, beschleunigt worden, weil der Druck nicht entweichen kann. Nach einer gewissen Zeit wäre das Paar aber auch ohne die Pandemie auf dieses Problem gestoßen. Corona ist dann nicht die Ursache des Konflikts, sondern Auslöser.

Können Sie ein Beispiel nennen? Woran merke ich, ob ein Streit grundsätzlich ist?

Ein Beispiel sind Konflikte aufgrund unterschiedlicher Lebensentwürfe: Der eine ist ein Familienmensch, wünscht sich Kinder. Der andere schließt das für sich aus. Wenn kein Kompromiss, keine Zwischenlösung möglich ist, kommt eine Beziehung an Grenzen. Wir passen nicht zusammen – das ist dann mehr als eine Floskel.

Sehr oft scheitern Beziehungen aber an anderen Dingen. Die Erfahrung zeigt: Der Gang zum Paartherapeuten als allerletztes Mittel geschieht häufig zwei, drei oder vier Jahre zu spät. Wären die Partner früher aktiv geworden, hätten sie noch gute Chancen gehabt, wieder zusammenzufinden. Im Idealfall werden Paare übrigens nicht erst dann aktiv, wenn es Konflikte gibt. Meine Vision ist, dass Partner die Pflege ihrer Beziehung als etwas Ähnliches begreifen wie die Pflege ihrer Zähne. Mit einer guten Prophylaxe lässt sich nicht nur eine gute Zahngesundheit erreichen. Auch Beziehungen sind gesünder, wenn wir regelmäßig an ihnen arbeiten.

Meinen Sie nicht, dass manch einen das eher abschreckt, Beziehung als Arbeit zu verstehen? Gerade jetzt, wo viele ohnehin schon ausgepowert sind?

Tatsächlich entlastet es Menschen eher, wenn sie sehen, wie viel sich schon durch kleine Änderungen im Verhalten oder in der Wahrnehmung erreichen lässt. Wenn sie sehen, dass sie nicht kämpfen müssen. Dass es nicht ums Rechthaben oder Gewinnen geht. Was habe ich an meinem Partner? Was ist besonders an ihm oder ihr? Was kriegen wir beide gut zusammen hin, vielleicht gerade jetzt, wo Corona den Alltag bestimmt?

Wichtig ist, dass die genannten Fragen nicht beiläufig gestellt werden, sondern möglichst wiederkehrend. Einmal pro Woche vielleicht. Oder auch: Jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe. In der Verliebtheit wandert unser Blick ganz automatisch zu diesen Dingen, später müssen wir uns bewusster ausrichten. Ich kann das für mich alleine tun oder mit dem Partner zusammen. Und ich kann das Ganze konkretisieren, in dem ich mir Notizen mache, die beispielsweise ich in schwierigen Momenten hervorhole.

Was aber, wenn sich da einfach nichts finden lässt? Wenn einem nur Dinge einfallen, die in der Beziehung nicht rund laufen?

Dass es da nichts gibt, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe dann vielleicht nicht genau hingeschaut. Nicht gesehen, dass der andere mir am Morgen die Kaffeetasse hingestellt hat oder das Obst für mich in einer bestimmten Art und Weise geschnitten hat, wie ich es mag. Wo wir solche Kleinigkeiten wieder in den Fokus nehmen und wertschätzen, statt sie für selbstverständlich zu nehmen, geschieht etwas. Wir Fachleute sprechen von Stärkung der Beziehung durch Positivität.

Das Schöne daran: Durch den bewussten Blick aufs Gute scheint sich das Gute wie von selbst zu vermehren. Dadurch baut sich eine Art Polster auf. Es gibt Kollegen, die sagen: Wenn es genügend Positivität gibt, können wir uns auch mal eine Negativität leisten / erlauben. Ein Kollege spricht hier ganz konkret vom Verhältnis fünf zu eins. Fünf Positivitäten halten eine Negativität aus. Die Beziehung bleibt dann trotzdem im Gleichgewicht.

Der Sprung von "es läuft insgesamt schlecht" hin zu "ich sehe fünf Dinge am anderen und vier davon sind prima" erscheint allerdings ziemlich groß…

… es ist aber ja wie gesagt kein Sprung, eher ein Prozess, an dem es kontinuierlich dranzubleiben gilt. Trainingsprogramme, wie sie etwa von (Kirchen-) Gemeinden der auch von Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen angeboten werden, können hier eine gute Unterstützung sein. Solche Trainings arbeiten mit Modulen, wie sie auch in der Paartherapie zum Einsatz kommen: Bewusst Begegnungsräume schaffen etwa, wieder vermehr kleine Aufmerksamkeiten in den Alltag einbeziehen oder – auch das ist wichtig – lernen, solche Aufmerksamkeiten wertzuschätzen und anzunehmen.

Sich also nicht zu fragen: Was mein Partner bloß ausgefressen, dass er mir Blumen bringt, macht er doch sonst nie? Sondern: Er bringt mir Blumen, wie schön, Punkt. Und natürlich geht es auch darum, selbst aktiv zu werden und dem Partner etwas Gutes zu tun, nicht immer nur auf den ersten Schritt des anderen zu warten. Es gibt übrigens auch verschiedene Online-Tools, die Paaren auffrischende Impulse geben können. Die Corona-Krise macht die Notwendigkeit, den Ausbau solch qualitativ hochwertiger digitaler Trainingsprogramme weiter voranzubringen, absolut deutlich.

Können Sie hier etwas empfehlen?

Ganz neu und auf Grundlage von wissenschaftlicher Evidenz hier in Deutschland entwickelt sind zum Beispiel die Apps "Paaradies" oder "Pairfect". Beide Partner melden sich an und bekommen dann Push Up Nachrichten auf ihre Handys. Mal in Form kleiner Hausaufgaben, mal als Fragen, die Anstoß für Gespräche geben können. "Mach deinem Partner heute ein Kompliment" oder  "Wer von euch beiden wäscht öfter ab?"

Mag sein, dass das banal klingt. Aus der Paartherapie wissen wir aber, dass solche scheinbar kleinen Dinge etwas verändern können. Beim online Präventionsprogramm von "Paarlife", das übrigens kostenlos ist, geht es um Strategien zur gemeinsamen Stressvermeidung. Es gibt therapeutische Einheiten in Form von Videos und Aufgaben und um das Thema "Wie können wir als Paar das Überschwappen von Stress von außen in unsere Partnerschaft vermeiden und gemeinsam mit Problemen umgehen".

Können die genannten Tools den Gang zum Paartherapeuten ersetzen?

Das nicht, aber vielleicht erübrigt sich der hier und da, wenn man frühzeitig aktiv wird. Andersrum fällt es möglicherweise leichter, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn man den ersten Schritt getan hat – viele Anbieter verweisen hier entsprechend. Bei Paarbalance.de etwa gibt es einen Button, den man anklicken kann, wenn man das Gefühl hat, nicht weiterzukommen. Über eine Suchfunktion findet man dann Paarberater in der Nähe.

Digitale Angebote können auch aufgrund ihrer Niederschwelligkeit sehr wirkungsvoll sein. Ich brauche keinen Termin, muss nicht mal aus dem Haus gehen. Ich habe vielleicht auch weniger Scheu, auf diese Art über meine Beziehung zu reflektieren als im direkten Gegenüber. Online-Tools können hier wie ein Türöffner wirken. Und vielleicht möchte man das Ganze ab einem bestimmten Punkt schon aufgrund der guten Anreize, die man bekommt, noch weiter vertiefen und entscheidet sich deswegen für eine Therapie.

Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, dass nur kaputte (zerrüttete?) Partnerschaften beim Therapeuten oder der Paarberaterin landen. Im Idealfall läuft es wie beim Zahnarzt: Man geht regelmäßig hin, der Arzt schaut sich alles an. Wenn er kein Loch findet: um so besser.