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Glücksforschung: Was wichtig ist

Jeder Mensch strebt nach Zufriedenheit. Doch was macht ein gutes Leben wirklich aus? Und wie findet man dorthin? Wir haben uns auf die Suche gemacht

von Sonja Gibis, 23.12.2019
Bild-Composing: Frau lacht – Optimismus, Familie umarmt sich – Verbundenheit, Mann hört Musik – Harmonie & Entspannung, Mann gießt Pflanzen – Fürsorge

Besitz, Gehalt, Konsum – sind ab einem gewissen Standard Nebensache. Auf die Lebenszufriedenheit kommt es an!


Auf dem Weg zum Glück muss man mit Hürden rechnen. Autobahn München–Nürnberg. Nichts geht mehr. Unfall im Baustellenbereich. Unmöglich, es pünktlich zum Termin mit dem Glücksforscher Professor Karlheinz Ruckriegel zu schaffen. Wie soll man da gelassen bleiben?

Auf negative Gefühle getrost verzichten

Doch vielleicht gibt es eine Lösung. Der wartende Forscher muss es wissen. "Jetzt machen Sie sich mal klar: Sich jetzt aufzuregen ist völlig sinnlos", coacht Ruckriegel von der Technischen Hochschule Nürnberg durchs Telefon.

Es ändert nichts an der Situation, treibt nur die Stresshormone hoch und macht die Gefühlsbilanz kaputt. So sei das nicht nur mit Ärger, sondern mit vielen negativen Gefühlen wie Angst oder Stress. Früher, als hinter jedem Busch Gefahren lauern konnten, hätten diese noch einen Zweck erfüllt. Heute seien sie schlicht verzichtbar.

Ja, schön. Aber was tun, wenn einen der Ärger überrollt? "Ihn loszulassen, kann man trainieren", verspricht Ruckriegel. Indem man Gedankenmuster durchbricht, sich im Stau zum Beispiel mit etwas Positivem ablenkt. Mit einem aufbauenden Telefonat vielleicht. Also: alles richtig gemacht.

Experte Karlheinz Rueckriegel

Wir überschätzen das Materialistische

Karlheinz Ruckriegel ist einer der bekanntesten Glücksforscher Deutschlands. In seinen frühen Berufsjahren analysierte der Ökonom Finanzflüsse und Währungspolitik. Seit 2005 ist er auch auf der Suche nach dem Glück – wissenschaftlich und persönlich. Denn das beste Beispiel dafür, dass seine Rezepte funktionieren, ist er selbst, wie er sagt.

"Also, Herr Professor Ruckriegel: Was macht uns glücklich?" Eine wichtige Erkenntnis stammt aus der Ökonomie und ist im Grunde eine alte Weisheit: "Alles Materialistische wird überschätzt", sagt der Glücksforscher und rutscht dabei auf seinem Bürosessel hin und her. Das Thema bewegt ihn.

Was zählt, ist die Lebenszufriedenheit

Als der Wohlstand im Nachkriegs-­Westen immer weiter stieg, stellte man überrascht fest: Das allgemeine Wohlbefinden kam nicht voran. Klar, auch wenn man ständig Angst habe, seine Miete nicht bezahlen zu können, trage das nicht zur Seelenruhe bei.

Aber insgesamt spielten Besitz, Gehalt, Konsum als Glücksquellen eine Nebenrolle. Mein Haus, mein Auto, meine Jacht – nur gut für ein paar kurzlebige Hochgefühle. Doch kaum hilfreich für das, was Glücksforscher vor allem interessiert: die Lebenszufriedenheit.

Zeit kostbarer als Geld

Aber mehr Geld zu haben kann doch nicht verkehrt sein? Ruckriegel denkt anders. Denn dem Geld nachzujagen frisst Zeit – eine Menge Zeit. "Und die ist das Kostbare", bekräftigt er und malt dabei mit seinen Händen in der Luft.

Doch nur, wenn sie für die wahren Quellen des Glücks verwendet wird: persönliches Wachstum zum Beispiel, gute Bindungen zu anderen Menschen. Auch Beiträge für die Gesellschaft, Tätigkeiten, die einen mit dem Gefühl von Sinn erfüllen. "Wie das, was wir gerade tun", sagt Ruckriegel lachend. "Ich hoffe, dass ich andere Menschen damit glücklicher mache."

Globale Suche nach dem Glück

Der Forscher ist davon überzeugt, dass es gelingen kann. Denn die Glückssuche ist im Aufwind. Weltweit. Seit 2011 erfasst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD jährlich die Lebenszufriedenheit im "Better Life Index" und gibt Tipps, wie Regierungen ihre Bürger glücklicher machen können. Der 20. März wurde zum Weltglückstag ernannt. Selbst in Deutschland tut sich etwas: An rund hundert Schulen gibt es inzwischen das Fach "Glück".

Auch die Glücksforschung boomt. Ökonomie, Soziologie, Psychologie, Genetik – gesammelt werden alle Erkenntnisse in Rotterdam in der "World Database of Happiness", der Weltdatenbank des Glücks.

Reine Kopfsache?

Um das Glück zu beziffern, bedient sich die Forschung dabei in der Regel eines schlichten Instruments: des Frage­bogens. Denn um zu erfahren, wie glücklich jemand ist, gibt es auch heute noch keinen besseren Weg: Man fragt ihn. Doch hat die Wissenschaft, in einer Zeit, die alles misst, wirklich nichts Handfesteres über das Glück?

Professor Gerald Hüther hat viele Jahre am Max-Planck-Institut die Grundlagen menschlichen Denkens und Fühlens erforscht und weiß, wo in unserem Gehirn Glück entsteht.

Bereits Mitte der 1950er-Jahre entdeckte der amerikanische Psychologe James Olds, dass Ratten darauf fliegen, wenn ein bestimmter Teil ihres Gehirns stimuliert wird. Die Tiere konnten den Reiz per Knopfdruck selbst auslösen. Sie drückten wieder und wieder, vergaßen zu fressen, zu trinken. "Das war die Entdeckung des Belohnungszentrums", erklärt Hüther.

Glücksdrogen

Wird es aktiviert, schüttet es den Botenstoff Dopamin aus. Das führt dazu, dass ein Cocktail opiumähnlicher Stoffe, sogenannter Endorphine, das Gehirn fluten – wir fühlen uns gehoben, glücklich. Auch Serotonin spielt eine Rolle. Ein Mangel kann Depressionen auslösen, also krankhaftes Unglücklichsein. Fühlen wir Verbundenheit, ist Oxytocin im Spiel.

Die euphorisierten Nager zeigten aber auch eine Gefahr auf: Glück kann süchtig machen. "Viele Drogen setzen hier an", sagt Hüther. Doch nicht nur Substanzen können einen Kick ver­ursachen. Glücksspiel, Kaufrausch, digitale Medien – Mediziner kennen auch Verhaltenssüchte.

Trotz Hochs und Tiefs ins seelische Gleichgewicht zurückfinden

Doch sind sie nur ein ungesunder Ersatz für das Glück, welches Hüther vorschwebt. "Das Gehirn strebt nach Kohärenz", sagt er. Ein Gefühl, wenn alles zusammenzupassen scheint und die Neuronen nahezu im Gleichklang feuern. Auch dann werde das Belohnungszentrum aktiv.

Selbst dass der Mensch das Verbundensein mit anderen braucht, lasse sich am Gehirn ablesen. "Wenn wir uns abgelehnt fühlen, werden dieselben Bereiche aktiv wie bei körperlichem Schmerz."

Allerdings sei der Mensch nicht für ein permanentes Hochgefühl geschaffen. Von Dauer sein könne dagegen die Empfindung, den Zustand der Kohärenz wiederherstellen zu können. Es ist die Fähigkeit, trotz widriger Umstände und Schicksalsschläge in den Zustand eines seelischen Gleichgewichts zurückzufinden – heute bekannt als Resilienz.

Jeder Mensch kann glücklich sein

Wie man ihn erreicht, dazu hat die Neurobiologie wenig beizutragen. Hüther hat der Analyse von Synapsen und Neuronen daher auf seiner Suche nach dem Glück den Rücken gekehrt und die Akademie für Potenzialentfaltung gegründet.

Doch steckt in jedem Menschen das Potenzial zum Glücklichsein? Der amerikanische Genetiker Professor David Lykken verglich das Wohlbefinden von Tausenden Zwillingen und folgerte: ­Etwa 50 Prozent unseres Glücksempfindens sind genetisch. Später sprach er sogar von vier Fünfteln.

Zum Glück weisen viele Forschungsergebnisse in eine andere Richtung. "Jeder kann maßgeblich zu seinem Glücksempfinden beitragen", sagt Dr. Daniela Blickhan, Vorsitzende des deutschsprachigen Dachverbands für Positive Psychologie. Zum Beispiel heute Abend mit dem Start eines Dankbarkeitstagebuchs.

Von Natur aus Schwarzseher

"Überlegen Sie sich drei Dinge, die Sie glücklich gestimmt haben", rät Blickhan. Zudem notiert man, wie man selbst dazu beigetragen hat. Etwa, dass man sich zehn Minuten Zeit genommen hat, um mittags die Sonne zu genießen, und dabei nicht an die bevorstehende Konferenz gedacht hat.

"Für unser Gehirn ist das wie ein Training", erklärt Blickhan. Denn wir alle sind von Natur aus Schwarzseher. Wer einst vor seiner Höhle achtsam Gänseblümchen bewunderte, statt auf das Rascheln im Gebüsch zu achten, starb glücklich, aber schnell. Doch kann man das Gehirn umerziehen. "Es lernt so, die positiven Reize stärker wahrzunehmen."

Dankbar sein – und schon bin ich glücklicher? "Klingt wie Omas Ratschlag", gibt Blickhan lachend zu. Sei aber x-fach belegt. Was sie empfiehlt, gilt heute als etablierte Methode der positiven Psychologie.

Sinn, Selbstentfaltung, Spiritualität

Lange ging die Lehre von der menschlichen Seele den Weg der Medizin und beschäftigte sich vor allem mit den Defekten. Sie wurde zu einem Reparaturbetrieb. "Das Freisein von einer psychischen Störung ist aber nicht mit psychischer Gesundheit gleichzusetzen, geschweige denn mit Aufblühen", sagt Blickhan.

Diese große Lücke füllt die positive Psychologie. Ihr geht es nicht etwa um die rosarote Brille. "Think pink" – und alles wird gut. Es geht um die Erforschung all der Dinge, die eine Seele reich und stark machen, das Leben erfüllt und glücklich. Sinn etwa, Selbstentfaltung, Spiritualität.

Blickhan fasst zusammen: "Eine Psychotherapie bringt den Menschen vielleicht von minus fünf auf null. Die positive Psychologie will ihn von null auf fünf bringen."

Stress als Zufriedenheitskiller

Wenn Glück erlernbar ist, dann hört es auf, nur Privatsache zu sein. Zumal wenn seine Folgen auch andere inte­ressieren. Denn Glück, das haben viele Studien gezeigt, macht auch kreativer, leistungsfähiger, ja sogar gesünder.

Die AOK Bayern will da präventiv ansetzen und bietet Kurse für mehr ­­Lebenszufriedenheit an. Dass sich eine Krankenkasse des Themas annimmt, hat seine Wurzeln vor allem in einer neuen Volkskrankheit: Stress. "Er gilt als eine Ursache, dass die psychischen Diagnosen seit Jahren steigen", sagt Annette Scheder, die für das Angebot zuständig ist.

Unter Titeln wie "Gut mit sich umgehen" oder "Gesundheitskompetenz stärken" können AOK-Mitglieder in vielen Geschäftsstellen teilnehmen. "Auch Unternehmen sind angesprochen", sagt Scheder.

Glücklichsein lernen

Schulungen gibt es etwa für Führungskräfte. Sie lernen, wie sie ihre Mitarbeiter zufriedener machen können – und gesünder. Oft helfen laut Scheder schon Kleinigkeiten. "Warum das Meeting mit Kritik beginnen und nicht mit der Frage, was gut gelaufen ist?" Schon sei die Tür zu mehr Kreativität geöffnet.

Zwar reagierten viele Firmen anfangs zögerlich. "Angebote, die sich mit psychischer Gesundheit befassen, haben es zunächst schwerer", sagt Scheder. Aber wer sich darauf einlässt, spüre bald die positive Wirkung.

Weisheiten aus der Antike

Unterricht im Glücklichsein – kann das klappen? Die Überzeugung, dass sich der Weg zum guten Leben erlernen lässt, ist keineswegs neu. Der Philosoph Dr. Albert Kitzler gilt als Experte für die antiken Glückssucher und ihre Lehren.

Schon in jungen Jahren führte ihn die Frage nach dem Glück in der Zeit zurück – zu Aristoteles, Platon, Epikur, Seneca. Kitzler wurde Medienanwalt, Filmproduzent. "Doch alles kehrt zurück zur Wurzel" – das wusste bereits der chinesische Philosoph Laotse.

Heute leitet Kitzler eine "Schule für antike Lebensweisheit" in Berlin. Er sieht sich als Übersetzer, nicht nur der Sprache, sondern auch der Gedanken der alten Denker. Denn vieles, was Forscher heute durch Fragebogen und Versuchsreihen zutage fördern, findet sich schon dort: in den alten Schriften.

Begierde steht dem Glück im Weg

Die Welt mag sich ändern. "Die Menschen sind sich seit Tausenden von Jahren erstaunlich gleich geblieben", sagt der Philosoph.

Ansichten, was das gute Leben ausmacht, gab es auch in der Antike viele. "Letztlich kamen die Weisen der Weltkulturen aber zu ganz ähnlichen Ergebnissen", sagt Kitzler. So waren sie sich einig, dass das Glück im Inneren zu finden ist.

Absolut glücksverhindernd: die Pleonexie, das ewige Mehrhabenwollen. Eine natürliche ­Begierde zwar, doch wenn sie nicht gezügelt wird, eine sichere Quelle der Unzufriedenheit. Die moderne Forschung hat lange gebraucht, um das zu erkennen. Platon und Co. wussten es schon vor mehr als 2000 Jahren.

"Den Garten der Seele pflegen"

Einig waren sich die Denker auch, dass es beim Glück nicht um Momente geht, wenn die Neuronen im Belohnungszentrum wild feuern – viel zu vergänglich und von äußeren Reizen abhängig sei diese Lust.

"Ziel ist die Seelenruhe, eine heitere Gelassenheit", erklärt Kitzler. Verbreitet war zudem die Einsicht, dass das Wissen über das Wesen des Glücks nicht genügt. "Man muss es einüben." Innere Haltungen, Denkweisen müssten trainiert werden. Das lehrt die moderne Psychologie – und es lehrte Buddha.

Kitzler beschreibt es in einem Bild."Man muss den Garten der Seele pflegen", sagt er. Dazu gehört es, Unkraut wie Wut, Neid, Ärger auszurupfen. "Wenn alles gut bestellt ist, dann ist der Boden fruchtbar." Und die Blumen des Glücks wachsen wie von selbst.