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Feste: Das Leben feiern

Wir sind im Hier und Jetzt, erleben Gemeinschaft und uns selbst ganz anders als sonst – auf dem Faschingsball genauso wie auf der Privatparty

von Silke Droll, 04.03.2019
Fasching in Köln

Alaaf! In Köln sind die Narren los - und viele Regeln außer Kraft gesetzt


Die Luft im noblen Party-Palast Moka Efti flirrt, die Kapelle auf der Bühne bringt die Feiernden in Stimmung. Ein langes Trommel-Solo. Jetzt tanzt jeder. Die charismatische Sängerin macht’s vor, der ganze Saal folgt in synchronen Bewegungen. Männer mit Hosenträgern, Frauen in glitzernden Hängekleidchen, verheißungsvolle Blicke, neckische Drehungen. Alle sind sie im Hier und Jetzt angekommen. Ans Morgen denkt niemand mehr.

Die Szene aus der Serie "Babylon Berlin", gegen Ende des vergangenen Jahres ein Quotenknüller im Fernsehen, transportiert das perfekte Party-Gefühl. Sie steht für die "Goldenen Zwanzigerjahre". Was wäre wohl in hundert Jahren in einer Serie zu sehen, die das Typische unseres heutigen Jahrzehnts zeigen soll? Vermutlich Menschen, die viel alleine meditieren, effektiv arbeiten und sich um die Kalorienbilanz ihrer Mahlzeiten sorgen.

Die Routine vergessen

Im Zeitalter der Selbstoptimierung mit viel Achtsamkeit und guter Ernährung sind heiße Feten, die auch mal Schlafmangel und leckere, aber ungesunde Speisen mit sich bringen, nicht unbedingt angesagt.

Stattdessen gehen wir früh ins Bett und ganz tief in uns. Doch wann ist man mehr im Moment als auf einer guten Party, bei der aller Druck und Sorgen abfallen und man nur in der unmittelbaren Gegenwart lebt? "Das kann beim Tanztee genauso passieren wie beim Rockfestival. Der Anlass ist egal", sagt Dr. Yvonne Niekrenz, Sozio­login an der Universität Rostock. Feiern tut einfach gut. Feste sind der leuchtende Kontrast zur grauen Routine, Würze und Rhythmusgeber des Lebens. "Stellen Sie sich vor, wir würden ohne Unterlass jeden Tag das ganze Jahr über das Gleiche machen. Das wäre nicht erträglich. Wir brauchen Höhepunkte, auf die wir uns freuen können", sagt der Kulturwissenschaftler Professor Walter Leimgruber von der Universität Basel.

Das Leben feiern

Die Gemeinschaft zelebrieren

Außerdem bedeutet Feiern auch immer, die Gemeinschaft zu feiern. Es ist etwas, was alleine schlichtweg nicht geht. "Es stärkt den Zusammenhalt der Gruppe. Eine private Party den Freundeskreis, ein Fest im Stadtviertel die Nachbarschaft", sagt Leimgruber. Und dieser Aspekt ist in unserer Zeit der Individualisierung und Vereinzelung, in der jeder zu jeder Zeit in sein Smartphone abtauchen kann oder ein ganzes Wochen­ende in seinem Netflix-Abo verschwindet, vielleicht noch wichtiger als früher.

Feste sind das Gegenteil. Einander unbekannte Menschen duzen sich plötzlich, schnell entsteht körperliche Nähe. "Wir erleben dabei ein Wir-Gefühl. Denken Sie nur an das Tanzen, Schunkeln und Singen", meint der Pädagoge und Psychotherapeut Wolfgang Oelsner aus Köln, der sich viel mit den Sehnsüchten im Karneval beschäftigt hat. Nicht umsonst wird Singen und Tanzen auch therapeutisch genutzt. Immerhin steigert beides das Wohlbefinden. Beim Tanzen kommen viele positiv wirkende Komponenten zusammen: Musik, Bewegung, Koordination, Berührung. Das trägt nachweislich zu Stressabbau und Steigerung der Fitness bei.

Festival of Colours

Verwandlung mit Anlauf

Während Forscher dazu Hormonkonzentrationen und die Power des HerzKreislauf-Systems messen, formuliert es die begeisterte Paar-Tänzerin Rose Bihler Shah poetisch: "Das gibt ein ganz großes Harmoniegefühl. Es macht den Kosmos auf." Damit dieser Genuss garantiert ist, organisiert die 60-Jährige in München Tanztees und Bälle. Sie liebt schon die Vorbereitung darauf, kostet das Sich- Schmücken aus. "Ich überlege mir, welches Kleid zum Motto passt, frisiere und schminke mich sorgfältig." So wird eine Königin der Nacht aus ihr. Feiern ermöglicht Verwandlung.

Eigentlich bin ich ganz anders

Diesen Aspekt des Feierns unterstreicht besonders der Karneval mit seinen Kostümen: "Wir begegnen uns selbst anders, und wir begegnen auch den anderen anders", sagt Oelsner. Andere Anteile unserer Persönlichkeit, ansonsten von Beruf und Alltag verschüttet, bekommen Raum. Im ­Fasching wird der Chefarzt zum Cowboy, die Bankangestellte zum Vamp. Traditionelle Volksfeste, wie das Münchner Oktoberfest, machen aus Anzug- und Kapuzenpulliträgern fesche Burschen mit Lederhose und Wadenloferl, aus faden Bürodamen kokette Madeln im Dirndl mit bunter Schürze und tiefem Dekolleté.

"Das Spiel mit einer anderen Rolle ist etwas zutiefst Menschliches. Wir sind doch nicht auf Korrektheit und Disziplin begrenzt", sagt Oelsner. Der andere Auftritt, die Loslösung von Status und Pflicht hebt die üblichen Distanzgrenzen auf und lässt Menschen schneller und lockerer zusammenkommen. "Das hat etwas Wohltuendes, Befreiendes, solange es als Spiel erkennbar bleibt", meint Oelsner.

Die Kunst der Geselligkeit

Gleichwohl geht mit der Aufhebung üblicher Regeln etwas Bedrohliches, Unwägbares einher. Plötzlich stehen ganz andere Dinge als sonst hoch im Kurs: Spontanität, Originalität, Fantasie, Flirten, Tanzen, Singen, Witze – die Kunst der Geselligkeit. Der Soziologe Professor Tilmann Allert von der Frankfurter Goethe-Universität meint: "Es wird honoriert, auf eine gewünschte Weise naiv zu sein, ohne Wettbewerb. Dergleichen Ausgelassenheit fürchten wohl die, die sich ein Leben jenseits der Leistungskonkurrenz gar nicht mehr vorstellen können. Die sind zu bedauern."