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Emotionales Vermächtnis: "Weißt Du, wie lieb ich Dich habe?"

Mit dem Tod beschäftigt sich wohl niemand gern. Gerade für Kinder kann es jedoch unglaublich wertvoll sein, wenn ihnen Mama oder Papa eine Botschaft hinterlassen haben

von Tom Nebe, dpa, 27.11.2020

Der Tod von Vater oder Mutter ist vor allem für junge Menschen ein unbeschreiblicher Schmerz. Es ist ein Verlust, auf den oft lange Trauer und viele Fragen folgen, auf die es jedoch keine Antworten mehr gibt. Das kann sich auf das ganze Leben auswirken. Aus dem Grund sollten Eltern über ein emotionales Vermächtnis nachdenken, rät die Diplom-Psychologin und Trainerin Thurid Holzrichter.

Es gehe darum, Trauer zu heilen, aber auch Schuld abzunehmen und seinen Kindern und Angehörigen einen Kompass und Liebe mitzugeben, sagt sie. Im Interview mit dem dpa-Themendienst erklärt Holzrichter, wie man es schafft, ein Vermächtnis zu schreiben, und warum sich das am Ende positiv auf den Umgang mit seinen Liebsten auswirken kann.

Frau Holzrichter, was ist ein emotionales Vermächtnis?

So ein Vermächtnis hat den Hintergrund, ähnlich wie ein Testament, einen letzten Wunsch an die Hinterbliebenen zu hinterlassen. Beim Testament ist es so, dass es eher um Güterverteilung geht. Beim emotionalen Vermächtnis geht es darum,
Gefühle, Wünsche, vielleicht auch Bedürfnisse - all das, was denjenigen, der nun verstorben ist, bewegt hat - seinen Kindern oder anderen Angehörigen mitzugeben.

Warum ist es sinnvoll, so ein Vermächtnis zu hinterlassen?

Das hilft Kindern zum Beispiel ganz entscheidend, mit dem Verlust ihres Elternteils zurechtzukommen. Wir erleben es in unserer Beratungspraxis ganz häufig, dass über Jahrzehnte hinweg ein Schmerz, eine Trauer bleibt - und die Kinder, wenn ein Elternteil früh oder plötzlich gestorben ist, sich ganz viele Fragen stellen. Etwa: Darf ich glücklich und unbeschwert sein in meinem Leben?

Und so geht es natürlich darum, mit dem Vermächtnis Trauer zu heilen, aber auch Schuld abzunehmen und seinen Kindern oder Angehörigen, für die man das schreibt, einen Kompass, also eine Orientierung, aber auch Liebe mitzugeben. Und ihnen zu sagen: «Ja, Du darfst und Du sollst glücklich und unbeschwert in Deinem Leben sein.» Wir wünschen uns für unsere Kinder doch, dass sie ihren besten Weg gehen - das gilt natürlich auch nach unserem eigenen Tod.

Gehen Kinder nicht ohnehin davon aus, dass ihre Eltern ihnen das Glücklichsein nicht verbieten würden - sondern sich genau das wünschen?

Natürlich ist das so, dass man sich wünscht, dass die Kinder glücklich sind und das gilt ebenso für die Zeit nach dem eigenen Tod. Aber wenn ich plötzlich sterbe, werden sich die Kinder lange fragen: Darf ich überhaupt noch lachen, wenn meine Mutti gestorben ist?

Wenn ich als Mutter dann aufgeschrieben habe: "Das genau habe ich mir gewünscht: dass Du ein weiterhin glückliches Leben führst", nimmt das ganz viel Schuld und Trauer von diesen Kindern, die ja sehr verletzt und häufig sehr traumatisiert sind.

Sie sprechen auch von chronischer Trauer - was steckt dahinter?

Das ist eine Traurigkeit, die über längere Zeit bleibt. Gerade bei Kindern, Jugendlichen und Menschen, die wenige Sozialkontakte haben, kriegt man diese Traurigkeit manchmal gar nicht mit. Die Traurigkeit nach einem schweren Schicksalsschlag wie dem Tod eines Elternteils wird manchmal zu so etwas wie einer Haltung und zieht sich dann durch das ganze Leben durch, weil ein Abschluss, ein Abschied oder vielleicht auch dieser innere Kompass nicht mehr da sind.

Wir müssen uns ja vorstellen, dass Kinder, die mit ihren Eltern zusammen großwerden, ganz häufig ihre Eltern - auch wenn sie das nicht zugeben wollen - als Berater nehmen. Gerade in der Pubertät weiß man: Kinder tun so, als würden sie den Rat ihrer Eltern nicht brauchen. Aber sie brauchen ihn ganz intensiv. Wenn dieser Rat nicht mehr möglich ist, ist es ganz hilfreich, wenn Trost und Kompass da sind und das Leben dadurch mittelfristig wieder in glückliche Bahnen gelenkt werden kann.

Wie beeinflusst es Kinder, wenn Vati oder Mutti plötzlich sterben und es kein Vermächtnis gibt - hat das etwa Auswirkungen auf den Werdegang?

Kinder haben, wenn ein Elternteil früh stirbt, manchmal ein großes Schuldgefühl und wollen diesen Schmerz lösen. Es gibt tatsächlich Menschen, die bestimmte Berufe wählen oder bestimmte Projekte machen, weil sie etwas heilen wollen, was ganz tief in ihnen ist. Weil sie helfen wollen, dass sowas nicht mehr so oft passiert, und zum Beispiel Krebsforscher werden, wenn die Mutter an Krebs verstorben ist.

Es ist blöd, wenn mein Kind, den Weg, den es eigentlich gehen könnte oder würde, wenn ich noch am Leben wäre, nicht mehr geht - weil es sich so sehr in der Schuld und Trauer sieht, dass es kompensiert und dadurch zum Beispiel einen Beruf wählt, den es sonst nicht gewählt hätte.

Sollten Eltern schon frühzeitig darüber nachdenken, ein Vermächtnis zu schreiben?

Eltern, auch werdende Eltern, sollten sich meiner Meinung nach, genauso wie andere Menschen, Gedanken darüber machen, wie es nach ihrem Tod weitergehen soll. Dazu gehört, Verantwortung für die Hinterbliebenen zu übernehmen. Ein Teil dieser Verantwortung kann das emotionale Vermächtnis sein.

Sollte ein Elternteil sterben, bevor ein Kind etwa fünf Jahre alt ist, wird dieses Kind sich später kaum erinnern können und es bleiben viele Fragen. Auch älteren Kindern gibt es ihr gesamtes Leben über Sicherheit und einen gewissen Frieden, wenn sie wissen, was ein Elternteil sich für sie gewünscht hätte - nämlich, nicht in Trauer zu verzweifeln, sondern irgendwann wieder glücklich zu sein und das auch zu dürfen.

Ist es auch sinnvoll, wenn Omas und Opas über ein Vermächtnis für ihre Enkel nachdenken?

Natürlich ist es für jedes Großelternteil, das eine Beziehung zu seinen Enkeln pflegt, für jeden, der einen Partner hinterlässt, für jeden Freund, für jeden guten Nachbarn, zu dem es eine enge Beziehung gibt, toll, wenn man sich zu Lebzeiten, wenn es einem gut geht, um so ein Thema kümmert. Und dann etwas für den anderen hinterlässt, was ein Akt der Liebe bildet, aber auch Orientierung und Sicherheit gibt.

Nicht jeder beschäftigt sich zu Lebzeiten gerne mit seinem Tod - wie geht man so ein Vermächtnis an?

Natürlich beschäftigt man sich nicht gerne mit seinem Tod. Letztlich tut das aber jeder, der eine Patientenverfügung oder ein Testament verfasst, ebenso. Wer es schafft, sich damit zu befassen, kann sich vielleicht auch als Zusatz mit dem emotionalen Vermächtnis befassen.

Ich habe immer folgenden Tipp: Man sollte das an einem Tag tun, wo es einem richtig, richtig gut geht. Ich bleibe mal beim Beispiel der Eltern: Wenn man einen tollen Familienausflug gehabt hat, und ganz viel gelacht hat, dann ist es vielleicht ein guter Moment, um sich am Abend hinzusetzen und sich zu sagen: So, jetzt schreibe ich Dir mal auf, wie sehr ich Dich liebe, mein Kind. Und was ich mir für Dich und Dein Leben wünsche. Man muss auch gar nicht die ganze Zeit an seinen eigenen Tod denken, sondern kann sich einfach Gedanken machen, was man sich für sein Kind - oder etwa seinen Partner - wünscht.

Dazu kommt: Wenn man in guter Stimmung und guter Laune ist, ist es gar nicht wichtig, dass man perfektionistisch ist und Seiten lang etwas schreibt. Ich glaube tatsächlich, einem Testament beigelegt, sind schon drei, vier Sätze unheimlich wertvoll: "Deine Mama hat Dich ganz doll lieb und wünscht Dir, dass Du ein ganz, ganz glückliches Leben führst, auch wenn Du jetzt durch meinen Tod sehr verletzt bist. Überwinde das und führe irgendwann wieder ein glückliches Leben."

Je länger man schreibt, desto umfangreicher und tiefer wird es natürlich - man muss sich überlegen, dass die Kinder dieses Vermächtnis wohl hundert Mal in ihrem Leben lesen werden, und es immer wieder hervorkramen, wenn sie eine schwierige Zeit durchmachen. Um noch einmal nachzulesen, was einem das Elternteil mit auf dem Weg gegeben hat.

Was halten Sie davon, das Vermächtnis per Video oder Audio aufzuzeichnen?

Ich glaube, dass man das natürlich per Audio oder Video machen kann. Wenn man sich mit diesem sehr emotionalen Thema beschäftigt, werden manche Menschen weinen müssen. Die emotionale Herausforderung, es einzusprechen oder aufzunehmen, ist sehr viel größer als das Aufschreiben.

Ich glaube außerdem, dass das emotionale Vermächtnis einen ganz großen Stellenwert im Leben des Hinterbliebenen hat - und Papier länger, besser und sicherer hält als solche Dateien. Es wäre auch ein großer Schmerz, wenn man diese Dateien plötzlich nicht mehr hat, weil man sie versehentlich löscht zum Beispiel.

Nun denkt man ja in fünf Jahren vielleicht anders über Dinge als heute - was die Frage aufwirft, wie oft man das Vermächtnis umschreiben sollte?

Der Gedanke, dass man das Vermächtnis zum Beispiel alle fünf Jahre aktualisieren möchte, kann sogar hilfreich sein. Das nimmt beim ersten Aufschreiben den Druck, jeden Satz in Perfektion zu gestalten. Gleichsam kann es spannend sein, sich durchzulesen: Wie habe ich selbst vor fünf Jahren auf die Welt und die meiner Kinder geguckt.

Inwiefern kann Corona vielleicht motivieren, sich mit dem Vermächtnis auseinanderzusetzen?

Die Pandemie macht uns bewusst, dass man plötzlich und vor allem auch ohne gravierende Vorerkrankungen sterben könnte. Das gilt natürlich auch für alle tödlichen Unfälle und Gewaltverbrechen. Deswegen kann man die Pandemie zum Anlass nehmen, sich mit dem Vermächtnis zu beschäftigen - genauso wie es manche gerade auch mit dem Testament tun - und insofern auch einen positiven Nutzen aus dieser Corona-Situation zu ziehen.

Wirkt es auch in den Alltag hinein?

Wenn man das Ganze gemacht hat, sich mit seinem emotionalen Vermächtnis beschäftigt und es aufgeschrieben hat, dann wird man merken, wie wichtig einem Familie und Angehörige sind. Und wenn man diesen Gedanken dann in den aktuellen Alltag überträgt, wird einem bewusst, dass man seinen Kindern ja auch einfach jetzt sagen kann, wie sehr man sie liebt, wie wichtig sie einem sind und wie viele Wünsche man für sie hat - dann trägt das Ganze vielleicht auch im Hier und Jetzt zu etwas Gutem bei.