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Aggression: Kraftquelle und Gefahr

In jedem Menschen brodelt manchmal der Wunsch, gewalttätig zu werden. Angeboren ist diese dunkle Seite nicht - aber überlebenswichtig

von Nina Himmer, 01.02.2019
Mann trainiert

Grenzen überwinden: Aggressive Emotionen mach uns nicht nur grausam und unbarmherzig. Sie stacheln uns an, Grenzen zu überwinden. Sport kann uns helfen, einen Überschuss an Aggressionen abzubauen


Sigmund Freud war sich sicher: Der Mensch ist grausam. Sein Hang zu Gewalt und Aggression wird ihm in die Wiege gelegt, ein tief verwurzelter Instinkt, der sich immer wieder Bahn bricht. Kriege, Zerstörung, Gewalt, Mord und Totschlag? Aus seiner Sicht alles unvermeidbar. Fast 90 Jahre später ist klar, dass der Begründer der Psychoanalyse hier auf der falschen Fährte war. Wenn der Blutdruck steigt, die Pupillen sich weiten und Botenstoffe den Körper blitzschnell in Kampfbereitschaft versetzen, wird kein angeborener Trieb befriedigt.

Emotionale Attacken

"Aus neurowissenschaftlicher Perspektive lässt sich die These vom Aggressionstrieb nicht bestätigen", sagt Professor Joachim Bauer aus Berlin. Der Psychiater erforscht seit vielen Jahren die dunklen Seiten des Menschen und betont: "Die moderne Wissenschaft gibt vielmehr Charles Darwin recht." Dieser glaubte, dass der Mensch zwar von Natur aus über ein gewisses Potenzial an Gewalt verfüge, ohne Not aber nicht aggressiv werde. Studien belegen das. Sie zeigen, dass Menschen nur ausrasten, wenn sie provoziert werden. Dann schießt Adrenalin durch den Körper, die Muskeln spannen sich an, Hände ballen sich zu Fäusten.

Typische Auslöser dafür sind nicht nur körperliche Angriffe. "Auch Ausgrenzung, Scham oder Demütigung führen zu Aggression", sagt Psychiater Bauer. Die mobbende Kollegin, der brüllende Chef, die nörgelnde Lehrerin, der hänselnde Mitschüler – solche Kränkungen machen uns auch dann wütend, wenn gar nicht wir selbst betroffen sind.

Körperlicher und seelischer Schmerz

Keine Mutter sieht ungerührt, wenn ihr Kind angegriffen wird. Uns packen Hass und Wut, wenn ein Hundebesitzer sein Tier schlägt, Jugendliche einen Obdachlosen anpöbeln oder eine Frau in der U-Bahn belästigt wird. Schwere Verbrechen können selbst bei friedlichsten Menschen Gewaltfantasien gegen den Täter hervorrufen.

Um Aggression besser zu verstehen, hilft ein Blick ins menschliche Gehirn. Hier offenbart sich zum Beispiel, dass bei Angst und Aggression die gleichen Strukturen aktiv sind. "Extreme Angst kann deshalb schnell in Aggression umschlagen und umgekehrt", erklärt Bauer. Ebenfalls entlarvend: Wenn wir uns von anderen Menschen akzeptiert und wertgeschätzt fühlen, läuft das Belohnungssystem des Körpers auf Hochtouren und schüttet Glücksbotenstoffe aus. Fühlen wir uns dagegen zurückgewiesen, sind dieselben Schmerzzentren aktiv wie bei einer körperlichen Attacke.

Der Schmerz der Ausgrenzung

Untersuchungen der amerikanischen Neurobiologin Naomi Eisenberger zeigen, dass unser Gehirn auf Demütigung, Armut oder soziale Ausgrenzung genauso reagiert wie auf körperliche Gewalt: mit Aggression.

Wahrscheinlich ist diese erstaunliche Verschaltung im Gehirn ein Überbleibsel unserer Entwicklungsgeschichte. Schließlich konnte es früher den Tod bedeuten, aus einer sozialen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Zwar sind diese Zeiten vorbei, für unsere Gesellschaft bringen die uralten Mechanismen in unserem Kopf aber Probleme mit sich. "Menschen erleben auch die Ungleichheit der Verteilung von Vermögen und Einkommen als Ausgrenzung", sagt Bauer. In Ländern, in denen die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinanderklafft, gibt es daher mehr Gewalt.

Wo unsere Schmerzgrenze verläuft, lässt sich allerdings nicht allein mit der Chemie von Botenstoffen erklären. "Faktoren wie Kultur, Erziehung und Sozialisation spielen ebenfalls ­eine wichtige Rolle", sagt Uwe Wetter vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Ein Mensch, der in einem archaischen Kulturkreis aufwächst, in dem man Dieben die Hand abhackt oder Ehebrecher steinigt, entwickelt ein anderes Verständnis von Gewalt als einer, in dessen Herkunftsland keine Todesstrafe existiert und Gewalt verpönt ist.

Auch die Art der Elternbindung, Rollenvorbilder, gesellschaftliche Ideale, Bildung und das soziale Umfeld beeinflussen, wann unsere Zündschnur durchbrennt. Von Natur aus seien Menschen aber soziale Wesen, die nach einem harmonischen Miteinander in einer Gemeinschaft streben, betont Wetter. "Dieses Bedürfnis ist ein starker Gegenpol zu Gewalt und Aggression."

Gehirn belohnt Gewalt nicht

Gegen einen Aggressionstrieb spricht zudem: Psychisch gesunde Menschen werden nur aggressiv, wenn es einen klaren Auslöser gibt – und es kostet sie Überwindung. Belohnungssysteme im Gehirn sind dabei nicht aktiv. "Gewalt bedeutet Stress und kostet Kraft", sagt Psychiater Bauer. Zudem sorgen sogenannte Spiegelneuronen dafür, dass wir das Leid anderer nicht einfach aus­­blenden können. Diese speziellen Nervenzellen lassen uns deren Gefühle teils mit­empfinden. Bauer: "Deshalb fällt es psychisch gesunden Menschen schwer, Schmerz zuzufügen."

Anders bei Psychopathen. Sie werden auch ohne Auslöser gewalttätig, manche ziehen gar Befriedigung aus den Qualen ihrer Opfer. Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen "heißen" und "kalten" Psychopathen. "Heiße Psychopathen sind zum Beispiel junge Männer, die beim kleinsten Anlass völlig ausrasten und einen anderen halbtot schlagen", erklärt Bauer. Bei ihnen reagiert das Angstzentrum über, während die Gegenkontrolle im Gehirn – etwa in den Moralzentren – zu schwach ausfällt.

Kalter oder heißer Verbrecher?

Als kalte Psychopathen bezeichnen Experten Menschen, die anderen ohne jede Emotion schlimmste Gewalt antun oder sie sogar töten. Heiße Psychopathen gelten als gut therapierbar, kalte als so gut wie nicht. Es ist daher wichtig, Täter im Rahmen von Strafprozessen richtig einzustufen. Bei seiner Arbeit als Gutachter versucht Psychologe Uwe Wetter genau das. "Es gilt herauszufinden, ob jemand rational aggressiv gehandelt hat oder nicht."

Wut oder Aggression?

Doch ist Aggression immer nur schlecht? Hier gehen die Meinungen auseinander. "Ohne ein gewisses Aggressionspotenzial hätten wir nicht überlebt", sagt Rechtspsychologe Wetter. Auch im Sport könne der Mensch aggressive Emotionen als Kraftquelle nutzen. Der Experte sieht sie zudem als positiven Gegenentwurf zu lähmender Passivität. Psychiater Bauer hält dagegen: "Aggression hat nichts mit Kraft, Motivation oder Energie zu tun. Die Systeme im Gehirn, die bei Motivation aktiv sind, sind andere als bei Angst und Aggression. Das sind zwei Paar Stiefel."

Einig hingegen sind sich die meisten Wissenschaftler, dass wir eine Vorstufe der Aggression positiver sehen sollten: die Wut. Die Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner etwa, die sich als Gutachterin im Fritzl-Prozess einen Namen gemacht hat, plädiert seit Langem dafür, Wut wertzuschätzen. Sie sagt: "Wut ist eine Emotion, Aggression ein Verhalten" – und fordert eine klare Unterscheidung.

Während Aggression meist schade, könne Wut sehr heilsam sein. Dafür müssten wir allerdings aufhören, sie ständig zu unterdrücken. Doch wütend zu werden – das ist in unserer Gesellschaft verpönt, gilt gar als Schwäche. Wer zornig wird, der hat seine Gefühle nicht im Griff. "Dabei ist Wut eine Art Frühwarnsystem dafür, dass etwas nicht stimmt", so Kastner.

Wut zulassen ist gesund

Statt negative Gefühle runterzuschlucken, sei es besser, sie zu äußern: Ärger ansprechen, Klartext reden, Nein sagen. Damit stößt man den brüllenden Vorgesetzten oder den putzmuffeligen Partner zwar möglicherweise vor den Kopf – doch man wendet auch manches zum Besseren.

Wer dem Zorn mehr Raum gibt, lebt außerdem gesünder. So setzt ­­unterdrückte Wut vor allem dem ­Herzen zu, wie eine Studie des Instituts für Stressforschung der Universität Stockholm zeigt. Mentaler Stress durch Dauerfrust kann überdies Depressionen und passiv-aggressives Verhalten begünstigen.

Nicht zuletzt schadet aufgestauter Ärger mitunter auch Unschuldigen. "Es kommt zu verschobener Aggres­sion", erklärt Bauer. Wer zum Beispiel Wut von der Arbeit mit nach Hause nimmt, lässt sie schon mal am Partner oder an den Kindern aus – und trifft damit die Falschen.