Sexualität nach der Prostataoperation

Muss ihre Prostata entfernt werden, leiden Männer danach oft unter Erektionsstörungen. Doch selbst bei schwerwiegenden Potenzproblemen gibt es erfolgreiche Therapien

von Silke Droll, 05.04.2017

Für die meisten Menschen sind Zärtlichkeit und Sexualität in jedem Alter wichtig


Er habe eine Partnerin, die er liebe und die geliebt werden wolle. Deshalb könne er sich ein Leben ohne Geschlechtsverkehr nicht vorstellen. Nicht für jeden ist Liebe zwangsläufig mit Sex verbunden – für Xaver Mayer (Name von der Redaktion ge­ändert) schon: "Das gehört für mich einfach dazu." Als er nach seiner Prostata-OP keine Erektion mehr bekommen konnte, war das für den damals 63-Jährigen ein Schock.

Dann empfahl ihm sein Arzt eine Vakuumpumpe. Inzwischen nutzen Mayer und seine Partnerin dieses Hilfsmittel so selbstverständlich wie andere Paare das Kondom. "Es dauert keine fünf Minuten und wir können miteinander schlafen", sagt Mayer. Aber nicht nur das. "Ich habe das Gefühl, ich bin noch ein Mann."

Nach der Prostataoperation sind Erektionsprobleme häufig

Der gelernte Metzger aus dem Hochtaunuskreis musste sich seine Prostata entfernen lassen. Wegen Krebs. Damit verlor er auch die dort verlaufenden Nerven, die eine Erektion ermöglichen. Jährlich unterziehen sich in Deutschland etwa 25 000 bis 30 000 Männer einem solchen Eingriff. Im Durchschnitt sind sie dann 66 Jahre alt. Sehr viele von ihnen haben anschließend Erek­tionsprobleme.

Nur bei etwa der Hälfte der Patienten klappt eine sogenannte nervenschonende Operation. Wenn der Tumor sich noch nicht zu weit ausgebreitet hat, können die Gefäßnervenbündel auf beiden Seiten der Prostata ganz oder teilweise erhalten bleiben. "Aber auch bei schweren Erektionsstörungen gibt es Möglichkeiten der erfolgreichen Therapie", sagt Dr. Christian Leiber.

Nicht jedes Paar will Hilfe

Gleichzeitig stellt der Urologe der Uniklinik Freiburg klar: Behandeln kann man, muss man aber nicht. "Es kommt auf den Leidensdruck an." Vielen älteren Paaren sei Geschlechtsverkehr nicht mehr so wichtig. Sie genießen andere Arten von Zärtlichkeit. Und ein Orgasmus ist schließlich auch ohne Erektion möglich.

Manchmal sind die Wünsche unterschiedlich. Beispielsweise will der Mann unbedingt seine Erektionsfähigkeit erhalten, während dieser Aspekt für die Frau keine große Rolle spielt. Leiber: "Der Erfolg einer Therapie hängt aber auch davon ab, dass beide Partner dahinterstehen."

Die Lust auf Reha

Wollen betroffene Paare nicht auf Geschlechtsverkehr verzichten, müssen die Schwellkörper im Penis bereits ­wenige Wochen nach der OP wieder durchblutet werden. Andernfalls bildet sich das Gewebe dort zurück. "Je früher man anfängt, desto besser das Ergebnis", sagt etwa Professor Ullrich Otto, ärztlicher Direktor und leitender Chefarzt des Urologischen Kompetenzzen­trums für die Rehabilitation (UKR) in Bad Wildungen.

Eine urologische Reha steht jedem Patienten nach dem Eingriff zu. Dort trainieren die Männer unter anderem mit Physiotherapie ihre Kontinenz, um den Urin wieder halten zu können. "Das kommt auch der Wiedererlangung der Erektionsfähigkeit zugute", sagt Otto.

Individuelle Therapie ist wichtig

Generell stellt Sexualität in der Reha ein großes Thema dar. "Der Vortrag zu erektiler Dysfunktion ist immer gut besucht", berichtet Otto. Doch eine generelle Therapie-Empfehlung gibt es nicht. Jeder muss ausprobieren, welche Hilfe zu ihm und seiner Partnerschaft passt.

Üblicherweise nehmen Betroffene zunächst Tabletten der Wirkstoffklasse PDE-5-Hemmer – entweder punktuell oder als tägliches Dauermedikament. Erektionen entstehen damit nicht auto­matisch, sondern nur wenn der Mann sexuelle Lust und Erregung verspürt. Außerdem können die Pillen lediglich vorhandene körpereigene Funktionen verstärken. "Wenn sich gar nichts mehr tut, sind Tabletten sinnlos", sagt Experte Leiber.

Nebenwirkungen: Ein Satz rote Ohren zu viel

Zudem können die Nebenwirkungen stressen. Denn die Mittel fördern nicht nur die Durchblutung des Penis, sondern des ganzen Körpers. "Ich hatte ständig einen roten Kopf, rote Ohren und eine Schniefnase, ein Gefühl wie bei Schnupfen", erzählt Martin Ritter (Name von der Redaktion geändert) aus Siegertsbrunn bei München.

Bereits mit 56 Jahren wurde ihm die Prostata entfernt. Obwohl die OP nervenschonend war, regte sich unmittelbar nach dem Eingriff auch mit Medikamenten kaum etwas. Martin Ritter versuchte es mit der Vakuumpumpe,  doch das mechanische Verfahren machte ihn nicht glücklich. Die lange Unterbrechung störte das Liebesspiel, die Pumpe wirkte als Lustkiller: "Meine Frau und ich, wir fühlten uns nicht wohl damit."

Spritze neben dem Bett

Nach Pillen und Pumpe ist eine Spritze das nächste Mittel der Wahl, die sogenannte Schwellkörperautoinjektionstherapie. Dabei spritzt sich der Mann ein Mittel seitlich in einen Schwell­kör­per des Penis. Das kostet Über­­windung, tut aber nicht so weh, wie viele denken. "Es ist die wirksamste medikamentöse Therapie. Sie bringt den Wirkstoff direkt an den Ort des Geschehens", so Leiber.

Wichtig dabei: unter Aufsicht eines Urologen die richtige Dosis finden. Das Glied soll ausreichend steif werden, ohne dass eine Erektion entsteht, die mehrere Stunden anhält. "Das wäre ein urologischer Notfall, der sofort behandelt werden muss", sagt Leiber.

Doch auch bei korrektem Gebrauch kann es nach der Injektion brennen und spannen. Als etwas verträglicher gilt ein Mix aus Papaverin und Phentolamin, den aber nur Apotheken mit einer Sterilfiltrationsanlage herstellen. Zudem kann man einen Wirkstoff auf die Eichel auftragen oder mit einem Applikator in die Harnröhre schieben. Der Effekt ist aber meist gering.

Option Penisimplantat: wenn alle andere Methoden versagen

Letzte Lösung: ein Implantat für den Penis. "Dazu ist zwar eine Operation notwendig, aber es funktioniert", sagt Leiber. Derzeit gibt es in Deutschland allerdings nicht viele Ärzte, die den Eingriff regelmäßig durchführen. Das Verfahren wird derzeit nur 700 bis 800 Mal jährlich angewandt.

Dem Patienten werden zwei Silikon-Zylinder in die Penis-Schwellkörper eingesetzt, eine kleine Pumpe in den Hodensack und ein Mini-Tank mit Kochsalzlösung in den Unterbauch. Von außen ist nichts davon zu sehen. Doch mit einem Griff an den Hoden kann der Mann seinen Penis bei Bedarf quasi aufpumpen.

Manchmal hilft auch Geduld

Meist lohnt es sich aber, erst einmal abzuwarten. Sind die wichtigen Nervenbündel noch vorhanden, können sie sich nämlich innerhalb von zwei Jahren erholen. Bei Martin Ritter zum Beispiel war das der Fall. Mittlerweile braucht er für eine Erektion nur noch eine Pille. Oder einen Penisring, der das Blut staut.

Neben viel Geduld haben Martin Ritter auch Gespräche geholfen: sowohl mit seiner Frau als auch mit ­anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe (Adressen finden Interessierte online unter www.impotenz-selbsthilfe.de). Die intensive Kommunikation hat in der Partnerschaft Positives bewirkt. Durch die notwendige Auseinandersetzung mit seinen Erektionsproblemen sei die Sexua­lität in seiner Ehe heute abwechslungsreicher als früher. Und der Umgang des Paares damit vielleicht noch lockerer. Um ein Schäferstündchen zu planen, fragen sich die Eheleute augenzwinkernd: "Heute mal wieder mit Pille?"

Was zahlt die Kasse?

Die Therapien gegen erektile Dysfunktion müssen von einem Arzt verordnet werden, doch die Krankenversicherung bezahlt sie nicht immer. Für die Kosten der  Medikamente (Tabletten oder Injektion) muss der Betroffene selbst aufkommen. Am günstigsten ist der Wirkstoff Sildenafil. ­Eine Vakuumpumpe und das Schwellkörper-Implantat über­nehmen die Kassen.