Mathias Arnold: "Wohnortnahe Versorgung stärken"

Die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel gilt in Deutschland, aber nicht mehr für solche aus dem EU-Ausland. ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold über die Folgen für Apotheken und Kunden

von Stefan Schweiger, aktualisiert am 31.10.2016

Auch weiterhin Partner in Sachen Gesundheit: Apothekerin und Kunden


In Deutschland unterliegen rezeptpflichtige Medikamente einer Preisbindung. Sie haben einen einheitlichen Abgabepreis. Für Versandapotheken aus dem EU-Ausland gilt das seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) nicht mehr. Was dies für Patienten und Apotheken bedeutet, beantwortet Mathias Arnold im Interview. Er ist Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und Inhaber einer Apotheke in Halle/Saale.

 

Herr Arnold, vor allem viele chronische Patienten, die auf teure Medikamente angewiesen sind, haben sich über das Urteil des Europäischen Gerichtshofs gefreut. Sie könnten zukünftig Kosten sparen. Was bedeutet das Gerichtsurteil also für Apothekenkunden?

Für Patienten, die ihr Rezept in ihrer Stammapotheke einlösen, ändert sich überhaupt nichts. Chronisch kranke Menschen bekommen in der gesetzlichen Krankenversicherung ihre notwendigen Medikamente ja auch bisher schon von der Krankenkasse bezahlt. Übersteigen die Zuzahlungen eine einkommensabhängige Grenze, können die Patienten sich bei ihrer Krankenkasse von allen Zuzahlungen – nicht nur bei Medikamenten – befreien lassen. Fast sieben Millionen Menschen haben bereits eine Zuzahlungsbefreiung. Die übrigen gesetzlich versicherten Patienten müssen eine vorgeschriebene Zuzahlung zwischen 5 und 10 Euro pro verordnetem Arzneimittel leisten, die auch wiederum an die Krankenkasse geht. Viele Sparmöglichkeiten gibt es da nicht.

Deutsche Apotheker reagierten mit Entsetzen auf das Urteil. Wie sollte sich die einzelne Apotheke nun aufstellen?

Für die Apotheken in Deutschland ändert sich die Rechtslage nicht. Sie müssen sich weiterhin an die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente halten, die in der Arzneimittelpreisverordnung steht. Die Apotheken stehen aber schon heute in einem starken Wettbewerb zueinander. Diese Konkurrenz wird bei Rezepten nicht über Preise ausgetragen, sondern über Qualität, Service, Beratung und Schnelligkeit. Wenn jetzt noch der Preiswettbewerb mit Internetanbietern dazu kommt, dann sind gerade kleine Apotheken, die für die Versorgung auf dem Land und in Stadtrandlagen wichtig sind, in ihrer Existenz gefährdet.

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) schlägt vor, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in Deutschland generell zu verbieten. Ließe sich das überhaupt durchsetzen und wäre es zeitgemäß?

Im Jahr 2004 hat Deutschland den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln ohne Not eingeführt. In den meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union ist er aber bis heute verboten. Ein Verbot auch in Deutschland wäre europarechtlich daher in Ordnung. Zeitgemäß wäre ein Verbot allemal, weil es die flächendeckende und wohnortnahe Arzneimittelversorgung in Deutschland stärkt. Das ist gerade in einer älter werdenden Gesellschaft immer wichtiger. Rezeptfreie Arzneimittel, bei denen keine Preisbindung besteht, könnten ja auch zukünftig per Versandhandel bestellt werden.

Wie sieht für Sie das Bild des modernen Apothekers aus? Und widerspricht es nicht einem modernen Berufsbild, wenn man sich so vehement gegen Wettbewerb wehrt?

Der Apotheker von heute ist Experte für Arzneimittel und versteht sich wie der Hausarzt auch als Heilberufler. Er berät seine Patienten, begleitet ihre Arzneimitteltherapie, engagiert sich in der Gesundheitsvorsorge und steht dabei im Qualitätswettbewerb mit seinen Kollegen. Und genau wie beim Hausarzt soll auch seine Leistung überall zu den gleichen Bedingungen verfügbar sein. Denn kein Patient soll sich im Krankheitsfall Gedanken darüber machen müssen, irgendwo benachteiligt zu werden. In einem modernen Gesundheitswesen sollen alle Patienten den gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen haben. Die Zeiten, in denen der Geldbeutel des Patienten darüber entscheidet, sollten vorbei sein.