Wo pflegende Angehörige Hilfe finden

Die meisten kranken oder alten Menschen werden von Angehörigen versorgt. Woher nehmen sie die Kraft? Beispiele und Tipps

von Larissa Gaub, 02.03.2018

Pflege zu Hause: Michael unterstützt seine Frau Julia. Ihre Lieblingsbeschäftigungen sind Zeichnen und Fußball (als Fan)


Wenn Julia U. (41) die Wohnung verlassen will, muss jemand sie die Treppen hinuntertragen. Aus dem dritten Stock. Und später wieder hinauf. Ganz langsam, ganz vorsichtig. Julia sitzt fast schon ihr Leben lang im Rollstuhl, sie leidet an einer seltenen Form von Rheuma. In den letzten Jahren kam noch Osteo­porose hinzu, sie hat sehr brüchige Knochen. Julia ist darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmert. Das übernimmt ihr Mann Michael (44), seitdem sie sich kennengelernt haben. Mittlerweile 14 Jahre.

2,9 Millionen Deutsche brauchen Pflege

Meist erfolgt die Pflege in den eigenen vier Wänden. Still, unbemerkt, selbstverständlich. Von knapp 2,9 Mil­lionen Menschen, die in Deutschland auf Pflege angewiesen sind, lebt nur ein Viertel in einem Heim. Die Mehrheit wird zu Hause versorgt: von der Familie, vom Partner, von Bekannten oder Nach­barn. Und die Zahlen steigen. Bis zum Jahr 2030 sollen bereits 3,5 Millionen Menschen hierzulande Pflege benötigen, sagt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Doch schon jetzt sind die Wartelisten in vielen Pflegeheimen endlos lang, die Mitarbeiter maßlos überfordert, oft ausgebrannt.

Viele pflegende Angehörige können das nachempfinden. Bei ihnen kommt erschwerend hinzu: Sie haben nie gelernt, einen kranken oder alten Menschen zu versorgen. Ihn zu wickeln, aus dem Bett zu heben, zu füttern. Meist bringen sie sich das alles selbst bei, irgendwie. So wie auch Michael.

Ohne Schmerzen hochheben

Er arbeitet in der Nähe von Stuttgart als Maschinenführer, 40 Stunden die Woche. Das bedeutet, dass er seine Frau jeden Tag achteinhalb Stunden alleine lassen muss. Damit es ihr in dieser Zeit an nichts fehlt, steht Michael um 5.30 Uhr auf, um alles vorzubereiten. Er schmiert Brote und kocht Tee, deckt den Tisch, hilft seiner Frau aus dem Bett und auf die Toilette, bereitet ihr etwas zum Mittagessen vor. Am späten Nachmittag ist er wieder bei ihr. Er hebt sie in die Dusche, drückt das Duschgel aus der Tube, schäumt ihr die Haare ein.

Pflegestützpunkte und Krankenkassen bieten Kurse an, die Laien bei der Pflege helfen sollen. Michael versucht schon länger, ein passendes Angebot zu finden. Er hat im Internet gesucht, bei Pflegestützpunkten angerufen. Keiner konnte ihm weiterhelfen. Bisher hat er sich alles selbst beigebracht, viel gelesen, mit seiner Frau gesprochen und einfach ausprobiert. Zum Beispiel, wie er seine Partnerin am besten aus dem Rollstuhl hebt, ohne ihr wehzutun.

Hilfe aus dem Netz

Die besten Tipps bekommt er von anderen Betroffenen im Internet. Michael ist in verschiedenen Facebook-Gruppen angemeldet, liest, postet, liked die Geschichten anderer. Die Gemeinschaft hilft ihm. "Sie ist für mich da und spricht einem Mut zu", sagt er. Das gebe ihm Halt und das ­Gefühl, nicht allein zu sein. Und alleingelassen fühlt er sich oft.

Zeit für Freunde hat Michael nicht. Nach der Arbeit geht er einkaufen, kocht Essen, wischt die Wohnung. "Und dann kommt ja noch ein ganz schöner Papierkrieg bei der Pflege hinzu." Anträge stellen, Begriffe aus Arztbriefen googeln, sich über die Rechte informieren. Das alles macht er nachts.

Starke Belastung für Pflegende

Wer sich dafür entscheidet, einen Angehörigen zu pflegen, stößt schnell an die eigenen Grenzen. Viele fühlen sich von der Aufgabe stark belastet, das zeigt unter anderem eine Studie der DAK von 2015. Demnach leiden 55 Prozent an psychischen Erkrankungen, in der Vergleichsgruppe sind es 39 Prozent. Auch Skelett- oder Muskelerkrankungen treten bei Pflegenden häufiger auf. Tages-, Kurzzeit- oder die Verhinderungspflege sollen die Betroffenen zumindest für eine Weile entlasten – doch nicht alle nehmen diese Möglichkeiten in Anspruch.

Kleine Verschnaufpausen

Pro Jahr hat ein Pflegebedürftiger Anspruch auf 42 Tage Verhinderungs- und 56 Tage Kurzzeitpflege. Es ist auch möglich, stundenweise Verhinderungspflege zu nutzen. Pflegekassen bezuschussen diese Maßnahmen mit jeweils bis zu 1612 Euro jährlich.

Der Hilfsbedürftige muss mindestens Pflegegrad zwei vorweisen und kann erst einen Antrag auf Verhinderungspflege stellen, wenn er bereits sechs Monate pflegebedürftig ist. Experte Stefan Wilderotter rät: "Am besten im Vorhinein mit der Pflegekasse klären, welche Leistung im Einzelfall die optimale ist."

Soll der Pflegebedürftige in gewohnter Umgebung betreut werden, kann ein Pflegedienst dies übernehmen (Verhinderungspflege). Will man den Angehörigen rund um die Uhr versorgt wissen, kann man ihn in ­einer stationären Pflegeeinrichtung unterbringen. Viele Heime bieten Kurzzeitpflege an. Kosten für die Betreuung übernimmt die Pflegekasse, Unterbringung und Essen muss der Hilfsbedürftige selbst zahlen. "Ist der Kurzzeitpflegebetrag ausgeschöpft, müssen auch die Kosten für pflege­­bedingte Aufwendungen bezahlt werden", so Wilderotter. Erkundigen Sie sich so früh wie möglich, ob zum ­gewünschten Datum ein Platz frei ist, und klären Sie die Kostenfragen.

Springt ein Nachbar oder ein entfernter Verwandter ein und kümmert sich, zahlt das die Pflegekasse im Rahmen der Verhinderungspflege bis zum jährlichen Höchstbetrag. Wird die Verhinderungspflege jedoch von nahen Familienangehörigen wie Geschwistern oder der Schwiegertochter erbracht, gelten andere ­finanzielle Regeln. Wilderotter rät auch in diesem Fall, das Vorgehen mit der Pflegekasse abzustimmen.

Fliehen ins Mittelalter

Für Michael etwa kam das bisher nicht infrage. Hat er einmal keine Zeit oder ist krank, unterstützt ihn Julias ­Familie. Wenn seine Schwiegermutter da ist, geht er ab und zu eine Runde schwimmen oder liest ein Buch – am liebsten historische Romane, die im Mittelalter spielen. Noch lieber orga­­nisiert er für sich und seine Frau kleine Fluchten aus dem Alltag. Fast jedes ­­Wochenende sind sie bei einem Fußballspiel des VfB Stuttgart. "Es tut uns beiden immer gut rauszukommen."

Hin und wieder verreisen die beiden auch. Dann packt Michael die Koffer, nimmt den Plastikstuhl mit, den seine Frau zum Duschen braucht, überprüft die Menge der eingepackten Tabletten. Auf die Frage, woher er die Kraft nimmt, wie er das alles schafft, antwortet er: "Ich liebe Julia, sonst hätte ich sie doch gar nicht geheiratet."

Als die beiden sich ineinander verliebten, saß Julia bereits im Rollstuhl. Manchmal verändert sich aber auch ­alles ganz plötzlich, etwa durch einen Unfall oder eine schlimme Diagnose.

Plötzlich Pflegefall

Elke Feit (46) wird diese eine Nacht, die das Leben ihrer Familie auf den Kopf stellte, nie mehr vergessen. Ihre Mutter war mit Verdacht auf Schlag­anfall ins Krankenhaus gekommen. Sie sei zur Beobachtung dort geblieben und dann über acht Stunden mit Gurten am Bett fixiert worden, erzählt Elke Feit.

Als sie am nächsten Morgen in die Klinik kam, war die Mutter ein anderer Mensch, für die Tochter nicht wiederzuerkennen. Die Augen ängstlich und verweint, bei jeder Kleinigkeit fuhr sie erschrocken zusammen. Elke Feits Mutter, die Jahre zuvor nach einem Schlaganfall gelernt hatte, wieder einigermaßen selbstständig zu leben, war nun ein permanenter Pflegefall. Sie litt unter Panikattacken, konnte keine Sekunde mehr alleine sein.

Bedingungslose Liebe schenken

"Nach der Entlassung waren wir erst einmal hilflos und im Schock", erinnert sich Elke Feit. Aber die Familie aus der Nähe von Frankfurt reagierte schnell, sie baute das Bad und das Schlafzimmer um, organisierte, wer sich zu welcher Tageszeit kümmert. Seitdem kommen Elke Feit und ihre Geschwister jeden Tag in ihr Elternhaus. Der Bruder mittags, Elke Feit nach der Arbeit.

Dann spricht sie viel mit ihrer Mutter und hilft ihr beim Waschen. Anfangs war das für Mutter und Tochter nicht leicht. "Es kostete uns beide Über­­windung", erzählt Elke Feit. Doch mit der Zeit hat die Tochter die neuen He­­rausforderungen angenommen, sogar schätzen gelernt: "Erst durch die Pflege meiner Mutter habe ich erkannt, was es bedeutet, jemandem bedingungslose Liebe zu schenken."

Das und der Zusammenhalt innerhalb der Familie geben ihr die Kraft, auch die schlechten Tage durchzu­stehen. An einem guten Tag lacht die Mutter viel, an einem schlechten weint sie viel. Dann sei es sehr schwer, überhaupt an sie heranzukommen.

Ehrenamt gibt Kraft

Elke Feit will etwas verändern in der Pflege, sie ist aktiv im Pflege-Selbsthilfe­­verband Deutschland, will es möglich machen, dass Menschen in Würde altern können, dass Gesetze ergänzt und eingehalten werden. Sie will, dass auch Menschen, die noch nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sind, auf die Probleme in der Pflege aufmerksam werden. Oft arbeitet sie nachts für den Verein, schreibt Politikern, prangert Unzulänglichkeiten an.

Jede Geschichte, die sie von einem ­Betroffenen erfährt, treibt sie an, weiterzumachen. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man nicht allein ist. Das gibt mir Kraft", sagt Elke Feit. Sie will nicht, dass das, was ihrer Mutter passiert ist, anderen passiert: festgeschnallt sein am Bett, die ganze Nacht. Elke Feit kämpft für liebevolle Pflege – egal ob zu Hause, in der Klinik oder im Heim.

Keine Zeit mehr für Hobbys

Seitdem ihre Mutter auf die Hilfe der Familie angewiesen ist, hat Elke Feit ihr Leben umgekrempelt. Früher hat sie gerne gemalt oder sich der Bildhauerei gewidmet. Dafür bleibt heute keine Zeit. Elke Feit ist glücklich, wenn sie samstags mal zwei Stunden auf der Couch verbringen und ein bisschen Schlaf nachholen kann.

Während der Woche arbeitet sie im Vertrieb einer Firma für Anlagenbau. Einige Kollegen wissen, dass sie ihre Mutter pflegt. Der Arbeitgeber zeigt sich kooperativ, das ist keine Selbstverständlichkeit. Elke Feit kann morgens früh anfangen und nachmittags meist zeitig das Büro verlassen.

Abrutschen in die Altersarmut

"Zum Glück bin ich da sehr flexibel, sonst würde ich das alles gar nicht unter einen Hut bekommen." Elke Feit macht ihr Job Spaß, sie will weiter arbeiten. Falls es ihrer Mutter schlechter ginge, müsse man überlegen, welche Hilfe man in Anspruch nimmt.  

Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt und deswegen die Arbeitszeit reduziert oder ganz aus dem Beruf aussteigt, erwirbt seit der Pflegereform im Januar 2017 Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Betroffene bekommen zudem meist höhere Ansprüche an die gesetzliche Rentenkasse gutgeschrieben. Voraussetzung: Die zu pflegende Person hat Pflegegrad zwei oder höher und wird mehr als zehn Stunden pro Woche versorgt, an mindestens zwei ­Tagen. Doch reicht das wirklich aus, um später nicht in die Altersarmut abzurutschen?

Wissenschaftler sehen das skeptisch. Die Rentenansprüche seien zwar verbessert worden, aber immer noch würden zu wenige Menschen Angebote wie eine Freistellung in der Arbeit oder das Pflegeunterstützungsgeld nutzen. So das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Die Autoren der Untersuchung vermuten, dass viele Betroffene die Angebote nicht nutzen, weil sie nichts davon wissen. Sie fordern mehr Aufklärung über die Möglichkeiten, Beruf und Pflege zu vereinbaren.

Finanzielle Entlastung

Zuschüsse zum Umbau: Breitere Türen, damit der Rollstuhl durchpasst, Dusche statt Badewanne. Um Pflege zu Hause möglich zu machen, muss oft einiges umgebaut werden. "Wohnumfeldverbesserungen bezuschussen Pflegekassen mit bis zu 4000 Euro", sagt Stefan Wilderotter, Referatsleiter Pflege vom Verband der Ersatzkassen.
Wichtig: Die Pflegebedürftigkeit muss vorher vom Medizinischen Dienst festgestellt sein, die Pflegekasse muss einen Pflegegrad bescheinigen.

Fehltage im Job: Angehörige dürfen zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben, wenn sie Zeit brauchen, um akut die Pflege eines Angehörigen zu organisieren. Für
diese Zeit ist eine Lohnersatzleistung, das Pflegeunterstützungsgeld, vor­­gesehen. "Das können Betroffene bei der Pflegeversicherung ihres Angehörigen beantragen", sagt Wilderotter. Die zehn Tage können auf mehrere pflegende Angehörige verteilt werden.

Längere berufliche Auszeit: "Arbeitnehmer haben die Möglichkeit, in Absprache mit ihrem Arbeitgeber bis zu sechs Monate teilweise oder ganz auszusteigen, und erhalten eine unbezahlte, aber sozialversicherte Freistellung", sagt Wilderotter. Voraussetzung: In der Firma müssen mindestens 15 Menschen beschäftigt sein, und der Angehörige muss ­Pflegegrad zwei oder höher haben.

Zinsloses Darlehen: In dieser sogenannten Pflegezeit ­verdienen Angehörige nichts. Sie ­können aber bis zu sechs Monate aus dem Job aussteigen und ein ­­zinsIoses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragen. Die monat­lichen Raten müssen erst mit Ende der Pflegezeit zurückgezahlt werden.

Es muss sich etwas ändern

Auch Elke Feit hofft, dass pflegende Angehörige in Zukunft mehr Unterstützung bekommen – nicht nur finanziell. Unter anderem wünscht sie sich etwa, dass sich Pflegekräfte und Angehörige mehr austauschen. Es solle ­möglich werden, dass jeder Mensch, der auf Hilfe angewiesen ist, sie auf wertschätzende Art bekommt.

Elke Feit weiß, was sie will. Sie wirkt kämpferisch – fast, als hätte sie vor nichts Angst. Doch ganz so ist es nicht: "Wenn sich die Pflege­situation nicht ändert, habe ich Angst davor, selbst alt zu werden."


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