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Wo bleibt die elektronische Patientenakte?

Interessenkonflikte verzögern das Großprojekt seit Jahren. Jetzt bringen Angebote der Kassen neue Bewegung in die Digitalisierung - und neue Probleme

von Julia Rudorf, 20.02.2019
Elektronische Patientenakte

Die elektronische Patientenakte soll Befunde, Röntgenbilder, Laborwerte, Medikationspläne und Notfalldaten beinhalten – wenn sie kommt


Die Meldung im September ging etwas unter. Als das Kabinett das Terminservice- und Versorgungsgesetz beschloss, umfasste es nicht nur neue Regelungen für Arzttermine, sondern auch ein Großprojekt des deutschen Gesundheitswesens: Patienten sollen in Zukunft Daten über ihre Gesundheit selbst einsehen und verwalten können.

Spätestens 2021 müssen Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePA) zur Verfügung stellen. Darüber sollen Röntgenbilder, Befunde, Notfalldaten, Medikationspläne oder Labordaten digital zugänglich sein, etwa für behandelnde Ärzte. Der Versicherte kann mit dem Smartphone ebenfalls auf diese ePA zugreifen. Er hätte Röntgenbilder, Laborwerte, sein Bonusheft und den Impfpass immer dabei. Die Hoffnung: Durch diese Digitalisierung könnten lebenswichtige Informationen im Notfall schneller verfügbar sein. Außerdem würden Doppel­­untersuchungen vermieden und Kosten gespart.

15 Jahre alte Pläne

Das klingt zukunftsweisend. Doch die Pläne sind alles andere als neu. "Die ersten Ideen zur elektronischen Patientenakte gab es schon unter Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Das ist jetzt 15 Jahre her", sagt Peter Haas, Professor für Medizinische Informatik der Fachhochschule Dortmund. Schon damals wurde an Konzepten gearbeitet, um den Datenaustausch zwischen Apothekern, Ärzten und Krankenhäusern zu erleichtern.

Klappen sollte das mithilfe der elek­tronischen Gesundheitskarte (eGK). Über einen Chip auf der Karte hätten Patienten und ihre Ärzte Zugriff auf alle dort abgespeicherten Informationen erhalten. Das Problem: Die Umsetzung dieser Idee überließ die Politik der Selbstverwaltung, also den Krankenkassen, Apothekern und Ärzten. Als gemeinsame Gesellschafter gründeten diese 2005 eine GmbH, die gematik. Die Firma sollte ein sicheres Netz aufbauen, das den Informationsaustausch vereinfacht. Gleichzeitig sollte sie da­rauf achten, dass der Versicherte trotzdem Herr seiner Daten bleibt.

Anstatt das Projekt voranzutreiben, bremsten sich die Beteiligten jedoch gegenseitig aus. Bis alle Versicherten überhaupt mit einer Gesundheitskarte ausgestattet waren, dauerte es nicht wie geplant zwei Jahre – sondern neun. Auch das ehrgeizige Ziel eines hoch ­sicheren Gesundheitsdaten-Netzes, der sogenannten Telematik-Infrastruktur, geriet immer wieder ins Stocken. Eigentlich sollten Ende 2018 alle Arztpraxen in Deutschland an diese Infrastruktur angeschlossen sein. Doch nach den Zahlen der Industrie haben bisher erst 40 000 die notwendige Hardware angeschafft.

Nachholbedarf im deutschen Gesundheitswesen

Im internationalen Vergleich steht das deutsche Gesundheitswesen damit nicht besonders gut da. Eine aktuelle Studie der Stiftung Münch untersuchte die Digitalisierung in 20 europäischen Ländern. In die Bewertung floss beispielsweise ein, ob Patienten online Arzttermine buchen können, ob Haus­­ärzte Rezepte digital ausstellen oder Notaufnahmen elektronische Patientenakten nutzen. Auf dem ersten Platz liegt Dänemark, gefolgt von Finnland. Deutschland dagegen landet abgeschlagen auf Rang 13.

Für Volker Amelung, Professor für Gesundheitsökonomie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Autor der Studie, liegt der Grund auf der Hand. "Für so ein Großprojekt braucht es auch eine entsprechende Haltung der Beteiligen und politischen Willen. Beides war in Deutschland in der Vergangenheit nicht vorhanden."

Pilotprojekte in Eigenregie

Manchen Krankenkassen ging diese Entwicklung zu langsam. Gemeinsam mit IT-Dienstleistern starteten deshalb einige im vergangenen Jahr den Versuch, ihren Versicherten eigene elektronische Patientenakten anzubieten. Mit speziellen Apps, die über das Smartphone genutzt werden können, sollen Patienten ihre Gesundheitsdaten verwalten können. Der Fachbegriff lautet elektronische Gesundheitsakte (eGA).

Was bedeutet ...?

Elektronische Patientenakte (ePA): Sie soll Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Patienten vernetzen. Gespeichert werden zum Beispiel Befunde, Diagnosen, Medikamente. Die Nutzung ist für Patienten freiwillig.
Elektronische Gesundheitskarte (eGK): Oft wird darunter nur die Karte der Versicherung mit Chip und Foto verstanden. Eigentlich steht die eGK jedoch für die gesamte Infrastruktur.
Telematik-Infrastruktur (TI): Sie ist eine Art mehrfach geschützter Datentunnel, durch den die sensiblen Gesundheitsdaten transportiert werden können. Die eGK soll den Zugang ermöglichen.
Elektronische Gesundheitsakte (eGA): Unter diesem Begriff laufen die Angebote der Krankenkassen. Versicherte können etwa via App ihre Daten verwalten.

Ob solche Apps die Lösung sind, da­ran gibt es Zweifel. Smartphones haben viele Sicherheitslücken und gelten auch in anderen Bereichen, wie etwa dem Online-Banking, als problematisch. Die Telematik-Infrastruktur dagegen erfülle da wesentlich höhere Sicherheitsanforderungen, argumentieren Experten. Trotzdem hat der Vorstoß etwas Positives. "Immerhin haben die Initiativen der Kassen eine gewisse neue Dynamik in den Prozess gebracht", sagt Medizin­informatiker Peter Haas.

Plötzlicher Elan

Auch die Politik will sich nicht mehr mit Absichtserklärungen vertrösten lassen. Wenn den Patienten bis 2021 keine Akte angeboten wird, heißt es, will das Bundesgesundheitsministerium die Gestaltung des Projekts selbst übernehmen. Im Moment beteuern allerdings sämtliche Akteure, für die Digitalisierung zu brennen. Apotheker und Ärzteverbände etwa wollen ab sofort eng zusammenarbeiten und eine "digitale Agenda" entwickeln. Und die Kassen zeigen bereits, was im Bereich des Datenaustauschs alles geht – auch ohne die Infrastruktur der Telematik.

Der plötzliche Elan könnte für die Versicherten jedoch auch problematisch werden. "Gerade reißen sich die Akteure darum, die technischen Standards festzulegen – und zwar so, wie es für sie besonders günstig ist", sagt Sebas­­tian Zilch, Vorsitzender des Bundesverbandes Gesundheits-IT bvitg. Die Interessen der Patienten stünden dabei nicht unbedingt an erster Stelle.

Probleme trotz Euphorie

Ärzte befürchten zudem, dass nun ein unüberschaubarer Flickenteppich an unterschiedlichen Insellösungen entstehen könnte und sie sich bald in ihren Praxen mit Dutzenden verschied­ener Apps und Datenverwaltungs­systemen auseinandersetzen müssen. Manche sehen außerdem das Risiko, dass Versicherte durch die unterschiedlich gestalteten Patientenakten technisch an eine Krankenkasse gebunden werden. Ein Kassenwechsel könnte sich dann schwierig gestalten, wenn der Umzug vertraulicher Daten zum Problem wird.