Wie Sie gute Pflege finden

Im Netz informieren, Fragen stellen – und auf Ihr Recht bestehen. Die wichtigsten Tipps und Kontakte, zusammengestellt von correctiv.org

von Benedict Wermter / Daniel Drepper, correctiv.org, aktualisiert am 07.06.2016

Wie sieht das Heim aus? Schauen Sie sich gründlich um


Pflege und Skandal scheinen untrennbar verbunden. Geschlagene und ans Bett gegurtete Großmütter. Verzweifelte Angehörige. Die Pflege-Mafia. Wie können Sie trotzdem gute Pflege finden, egal ob zu Hause oder im Heim?

Erste Anlaufstelle für eine unabhängige Hilfe ist der Pflegestützpunkt. In Deutschland gibt es 300 Pflegestützpunkte, die Betroffenen und ihren Angehörigen kostenlos Hilfestellungen bieten und alle Fragen beantworten. In Deutschland gibt es jedoch zu wenige solcher Einrichtungen. Im Kreis Gütersloh zum Beispiel deckt ein Stützpunkt 350.000 Bewohner ab. Wo der nächste Pflegestützpunkt in Ihrer Umgebung ist, weiß Ihre Krankenkasse.

Für Menschen, die wenig Pflege benötigen und Angehörige oder Freunde um sich haben, ist die ambulante Pflege daheim oft eine gute Lösung. Wenn Sie mehr Hilfe benötigen oder das Umfeld die Pflege nicht leisten kann, ist oft ein Pflegeheim nötig. Sollten Sie sich für ein Pflegeheim entscheiden, lassen Sie sich Zeit bei der Entscheidung. Der erste Eindruck kann täuschen.

Viele Pflegeheime werben mit einer sehr guten Pflegenote, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen verteilt. Diese Schulnoten geben jedoch kaum Aufschluss über die Qualität eines Pflegeheims. Im Gegenteil: Die Bewertung ist das Ergebnis eines bürokratischen Aktes, den die allermeisten Heime mit Bravour meistern. Die durchschnittliche Pflegenote für ein Heim in Deutschland liegt bei 1,2, glatt sehr gut. Für wirklich aufschlussreiche Informationen und Bewertungen müssen sich Betroffene an anderer Stelle informieren.

Berichte der Heimaufsicht aussagekräftiger

Aussagekräftiger sind oft die Berichte der Heimaufsicht. Diese prüft alle ein, zwei Jahre die Heime und schreibt einen Qualitätsbericht. Das Recherchezentrum Correctiv hat zahlreiche Heimaufsichtsberichte auf seiner Internetplattform correctiv.org/pflege veröffentlicht und erklärt dort auch, wie Sie an noch nicht veröffentlichte Berichte gelangen können.

Auf dieser Internetplattform hat Correctiv auch Daten zu jedem einzelnen Pflegeheim in Deutschland ausgewertet. Dort vergleichen die Rechercheure nicht nur Informationen wie den Preis, die Größe oder das Alter der Heime, sondern haben auch Auffälligkeiten der Prüfberichte ausgewertet. Wenn ein Heim bei entscheidenden Kriterien wie Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung, Behandlung von Schmerzen und Wunden, Inkontinenzversorgung und dem Umgang mit Medikamenten und ärztlichen Anordnungen nicht die volle Punktzahl erreicht hat, können Sie sich auf der Seite darüber informieren. 60 Prozent aller Heime in Deutschland erreichen in einem dieser entscheidenden Kriterien nicht die volle Punktzahl.

Um mehrere Besuche vor Ort kommen Sie bei der Heimauswahl jedoch um keinen Fall herum. In den seltensten Fällen ist das erste gleichzeitig auch das beste Heim für Sie oder Ihre Angehörigen. Erstes Gebot ist daher, mehrere Heime aufmerksam zu besichtigen. Ist das Gebäude in einem guten Zustand? Beim Betreten sollten Sie Ihren Augen, Ihrer Nase und Ihrem Bauchgefühl vertrauen. Riecht es streng nach Urin und Kot, oder auch Desinfektionsmitteln? Seien Sie vorsichtig. Das Heim soll kein Krankenhaus-Platz, sondern ein jahrelanges Zuhause sein.

Kleinigkeiten beachten

Achten Sie auf Kleinigkeiten: Gibt es genügend Desinfektionsspender? Welchen Eindruck machen Heimbewohner auf Sie? Sitzen sie nur stundenlang herum oder gibt es Aktivierungsangebote? Nimmt der Heimleiter sich ausreichend Zeit, um alle Fragen zu beantworten?

Generell gilt: Je mehr die Bewohner selbst machen dürfen, desto besser. Ein schief geknöpftes Hemd ist doppelt gut. Der Bewohner durfte sich selbst anziehen. Und die Pfleger haben ausgehalten, dass er es falsch gemacht hat. Sie haben ihn nicht korrigiert, haben ihn so leben lassen, wie er es wollte. Pflege ist für die Bewohner da, nicht für die Besucher.

Bevor Sie eine endgültige Entscheidung treffen, sollten Sie sich das Heim unbedingt noch ein zweites Mal ansehen – am besten zu einer unbequemen Tageszeit, morgens oder abends. Zu pflegeintensiven Tageszeiten sehen Sie am besten, wie es um das Personal wirklich bestellt ist. Ist es gestresst, unfreundlich, unmotiviert? Steht das Essen kalt auf dem Tisch oder wurde der Nachtisch nicht angereicht? Auch ein Gespräch mit anderen Bewohnern oder deren Angehörigen kann hilfreich sein. Wie zufrieden sind die mit den Bedingungen im Heim? Welche Kritik gibt es?

Wenn Sie sich ein gutes Bild gemacht haben und ein Heim Ihrer Wahl gefunden haben, dann ziehen Sie nicht einfach ein. Sondern vereinbaren Sie ein Probewohnen, mit Aussicht auf dauerhaften Aufenthalt. Erst dann sollten Sie einen Vertrag unterschreiben.

Informationen zu jedem einzelnen Pflegeheim in Deutschland, einen ausführlichen Ratgeber und Kontakte zu den wichtigsten Organisationen und Webseiten finden Sie unter correctiv.org/pflege. Dort können Sie auch das Buch zur Recherche ("Jeder pflegt allein") bestellen.

Checkliste: 10 Punkte, an denen Sie ein schlechtes Heim erkennen

1. Das Gebäude ist in einem schlechten Zustand.

2. Die Einrichtung wirkt kalt, mehr Krankenhaus als Zuhause.

3. Das Heim sieht dreckig aus. Es riecht nach Urin oder Kot.

4. Die Betten oder Stühle sind ständig nass.

5. Das Essen schmeckt nicht und ist nicht ausgewogen. Es riecht trotz Essenszeit nicht nach Essen.

6. Das Essen steht kalt auf dem Tisch oder Nachttisch und wurde nicht angereicht.

7. Das Personal ist unfreundlich. Sie haben den Eindruck, dass die Pfleger unmotiviert oder gestresst sind. Und Sie haben keinen verbindlichen Ansprechpartner.

8. Bewohner müssen sehr lange warten, wenn sie Hilfe benötigen – zum Beispiel beim auf die Toilette gehen.

9. Es gibt kaum Beschäftigung für die Bewohner, die nicht aus ihren Zimmern kommen oder lustlos herumsitzen.

10. Es gibt keine oder nur wenige Betreuungskräfte oder ehrenamtliche Helfer.