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Versorgung bei Notfällen: Reform nötig?

Notaufnahme statt Bereitschaftsarzt: Die Ambulanzen der Kliniken sind abends und am Wochenende oft überfüllt. Eine umfassende Reform soll Abhilfe schaffen

von Dr. Christian Heinrich, 18.01.2019
Notfallzentrum

Außerhalb der Sprechzeiten sollten Patienten eine hausärztliche Bereitschaftspraxis aufsuchen - wenn es nicht lebensbedrohlich ist


Donnerstagabend, 20:40 Uhr, seit einer Stunde Bauchkrämpfe. Sie sind stark, hören nicht auf, werden sogar schlimmer. Langsam beginnt der Patient sich Sorgen zu machen. Was tun? Ins Krankenhaus? Oder gibt es da nicht so eine Nummer, einen kassenärztlichen Notdienst? Aber wo ist die Praxis? Und bis wann hat sie auf? Diese Auswahl an Möglichkeiten und die Unsicherheit der Patienten haben die Notfallversorgung in Deutschland in eine Krise gestürzt.

Nun soll ein Konzept des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) alles besser machen. Die Idee: Es gibt nur noch eine Anlaufstelle für alle - örtlich wie telefonisch.

Wichtige Nummern

Momentan lautet die Regelung: Muss jemand außerhalb der Sprechzeiten zum Arzt, sollte er eine hausärztliche Bereitschaftspraxis aufsuchen. Wo es keine feste Bereitschaftspraxis gibt, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst die erste Anlaufstelle. Bei Bedarf macht er auch einen Hausbesuch. Welcher Arzt gerade zuständig ist, erfahren Patienten über die Telefonnummer 116 117. Nur in lebensbedrohlichen Fällen ist die Notaufnahme der Klinik zuständig oder der Rettungsdienst unter 112.

Doch die Realität sieht häufig anders aus. Unter anderem, weil viele Menschen die bundesweit einheitliche Rufnummer 116 117 nicht kennen – oder nicht wissen, dass sie sich an die ärztlichen Notfallpraxen wenden sollen. Selbst bei leichten Beschwerden sind viele nicht bereit, bis zum nächsten Morgen zu warten. Im Zweifel gehen sie lieber ins Krankenhaus.

Die Folgen: Vor allem in Großstädten sind die Notaufnahmen regelmäßig heillos überfüllt. Die Wartezeiten sind lang, die Patienten unzufrieden. Dabei hat fast die Hälfte der im Krankenhaus ambulant behandelten Patienten die falsche Anlaufstelle gewählt, ermittelte das Beratungs- und Forschungsunternehmen AQUA-Institut in Göttingen. Sprich: In 10,7 Millionen Fällen hätten sie auch vom ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden können.

Kampagnen ohne Erfolg

Dass die Versorgung von dringenden Fällen nicht so recht funktioniert, haben Medizinfunktionäre schon länger erkannt und sind in mehrerlei Hinsicht aktiv geworden. So wurde die Nummer 116 117 des Bereitschaftsdienstes in einigen Kampagnen umfassend beworben. Auch eine Art Belohnung für Kliniken wurde eingeführt. Rund acht Euro erhalten sie, wenn sie einen Patienten aus der Notaufnahme in die ärztliche Bereitschaftspraxis schicken – sofern es sich um keinen echten Notfall handelt. Von Erfolg gekrönt war bisher keine dieser Initiativen.

Eine gewisse Ausnahme bilden lediglich die sogenannten Portalpraxen, von denen es in Deutschland mittlerweile mehrere Dutzend gibt. Dabei werden die ärztlichen Bereitschaftspraxen in der Klinik oder deren unmittelbarer Nähe untergebracht. So können Patienten, die ins Krankenhaus kommen, gewissermaßen sortiert werden. Entweder werden sie direkt in der Notaufnahme der Klinik versorgt oder an die ärztliche Bereitschaftspraxis nebenan verwiesen. "In einigen Regionen arbeiten Portalpraxen bereits erfolgreich", sagt Dr. Martin Albrecht vom IGES Institut, einem unabhängigen Forschungsund Beratungsinstitut in Gesundheitsfragen.

Portalpraxis oder lieber Zentrale?

Doch es gibt auch hier ein Problem: "Die niedergelassenen Ärzte und die Klinikmedizin leben im Grunde in zwei Welten", sagt Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt und Vorsitzender des SVR. Der Patient, der seine Chipkarte abgibt, merkt zwar nichts davon, aber niedergelassene Ärzte und Kliniken rechnen nach unterschiedlichen Sätzen ab, nutzen jeweils eigene Geräte. Und vor allem weiß der eine nicht immer, was der andere tut.

Die möglichen Folgen: Doppeluntersuchungen, fehlende Informationen über den Patienten, nicht abgestimmte Behandlungen. Der aktuelle Vorschlag des Sachverständigenrats soll diese Weltentrennung aufheben – und damit, so hoffen Fachleute, den Durchbruch bringen.

Das Konzept fußt auf drei Säulen. Die erste ist eine integrierte Leitstelle. Rettungsdienst und Bereitschaftsdienst werden miteinander verknüpft. Ganz gleich, ob Patienten dann die 112 oder 116 117 anrufen: Sie landen bei einer Zentrale. Dort wird der Patient je nach Dringlichkeit und Zuständigkeit entsprechend weitervermittelt.

Die zweite Säule stellen die sogenannten integrierten Notfallzentren dar, letztlich eine Weiterentwicklung der Portalpraxen. "Wir empfehlen integrierte Notfallzentren, die ebenfalls in der Klinik untergebracht sind, aber bei denen es keine Trennung mehr gibt zwischen niedergelassenen Ärzten und GerKlinikärzten", erläutert der SVR-Vorsitzende Gerlach. "Sie sollen eng zusammenarbeiten sowie Aufwand, Geräte, Personal und Honorare gemeinsam verwalten."

Die Akutversorgung der Patienten, die eine Klinik aufsuchen, würde damit in eine Hand gelegt. Dabei verweist der Sachverständigenrat unter anderem auf die Erfahrungen der Niederlande. Nach der Einführung eines ähnlichen Modells nehmen dort deutlich weniger Patienten die Notaufnahmen in Anspruch. Und drittens plädiert der Sachverständigenrat für eine Reform des Rettungswesens.

Klinikärzte und niedergelassene Ärzte zusammenführen

Heute können bei einer Rettungsdienstfahrt nur dann die Fahrtkosten abgerechnet werden, wenn der Patient in eine Klinik transportiert wird. Die Beförderung zu einem niedergelassenen Arzt dagegen erstatten die Kassen nur in Ausnahmefällen. Diese Abrechnungspraxis soll geändert werden – und den Rettungsdienst freier machen in seiner Entscheidung, ob er tatsächlich ein Krankenhaus oder doch eine Arztpraxis ansteuert.

Alle Teile des Reformkonzepts verfolgen damit ein Ziel, das manche wohl als kühn bezeichnen würden: Die beiden Welten Klinik und niedergelassene Ärzte sollen zusammengeführt werden. "Es gibt eine Reihe von Modellprojekten deutschlandweit, die in diese Richtung gehen", sagt Experte Martin Albrecht. "Gerade am Anfang sollte man hier eine gewisse Vielfalt erhalten, auch um herauszufinden, welche Details bei der Umsetzung besonders wichtig sind."

Sollte das Konzept aufgehen, dürfte sich viel verbessern für Patienten wie auch Ärzte und Klinikpersonal. Denn derzeit ist die Notfallversorgung selbst ein Notfallpatient.