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Schwerbehindertenausweis: Das sollten Sie wissen

Schweregrade, Merkzeichen, Antragstellung: Wir klären die wichtigsten Fragen zum Schwerbehindertenausweis

von Dagmar Fritz, aktualisiert am 13.05.2020

In Deutschland leben rund 7,8 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung (Stand Dezember 2017). Das bedeutet, ungefähr jeder zehnte Mensch ist schwerbehindert. Als Behinderung definiert der Gesetzgeber einen Zustand, der länger als sechs Monate anhält und in dem körperliche Funktionen, geistige Fähigkeiten oder die seelische Gesundheit von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen. Dadurch sind Menschen mit Behinderung an der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt.

Unter diese Definition fallen Menschen mit den verschiedensten geistigen oder körperlichen Handicaps. Aber auch solche, die unter einer schweren Krankheit wie Krebs leiden und die dadurch – zeitlich befristet – gesundheitliche Einschränkungen zu verkraften haben.

Was der Grad der Behinderung bedeutet

Wie schwer ein Mensch durch seine Behinderung beeinträchtigt ist, wird durch den "Grad der Behinderung", kurz GdB, angegeben. "Den GdB ermitteln Mitarbeiter des Versorgungsamtes aus ärztlichen Befunden, Berichten von Rehabilitationseinrichtungen und medizinischen Gutachten", erklärt Cornelia Jurrmann, ehemalige Sprecherin des Sozialverbands VdK Deutschland. Dabei finden einheitliche, medizinische Richtlinien Anwendung, die sogenannten "versorgungsmedizinischen Grundsätze". Im Zweifelsfall kann auch eine ärztliche Untersuchung angeordnet werden.

Der GdB ist gestaffelt in Zehnerschritten und kann zwischen 20 und 100 betragen. Ab einem Grad von 20 gilt man als behindert. Schwerbehinderung liegt bei einem Grad von mindestens 50 vor. Erst dann können Betroffene einen Schwerbehindertenausweis beantragen. Liegen mehrere Erkrankungen vor, wird ein Gesamt-Grad der Behinderung gebildet, wobei die einzelnen Grade nicht addiert werden.

"Entscheidend für den Gesamt-GdB ist, wie sich einzelne Funktionsbeeinträchtigungen zueinander und untereinander auswirken", erklärt Jurrmann. "Die Behinderungen und ihre Auswirkungen werden insgesamt betrachtet, nicht als voneinander isolierte Beeinträchtigungen."

Welche Merkzeichen es im Ausweis gibt

Neben dem GdB sind im Schwerbehindertenausweis auch besondere Merkzeichen angegeben, die genauer auf die Art der Behinderung eingehen und spezielle Nachteilsausgleiche ermöglichen. Die Merkzeichen sind in unterschiedliche Kategorien unterteilt:

  • G für erheblich gehbehindert
  • aG für außergewöhnlich gehbehindert
  • H für hilflos. Das bedeutet, der Betroffene ist dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen
  • BL für blind
  • GL für gehörlos
  • B bedeutet, dass Begleitung bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel erforderlich ist
  • RF: Bei diesem Vermerk ist eine Rundfunkgebühren-Befreiung und Telefonermäßigung möglich.
  • Für kriegsgeschädigte Personen gibt es Sondermerkzeichen.

Schwerbehindertenausweis: Wer bekommt ihn?

Wenn eine Schwerbehinderung, also ein GdB von 50 oder höher, vorliegt, können Betroffene einen Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis stellen. Voraussetzung:  Antragstellende müssen ihren Wohnsitz in Deutschland haben oder zumindest hierzulande arbeiten oder sich für gewöhnlich aufhalten.

Den Antrag für einen Schwerbehindertenausweis stellt man in der Regel beim zuständigen Versorgungsamt. Je nach Landesrecht kann die Zuständigkeit in den einzelnen Bundesländern aber auch bei den Landratsämtern oder beim Landesamt für Soziales liegen. Am besten bei der Stadtverwaltung, der örtlichen Gemeindeverwaltung oder beim Landratsamt nachfragen. Dort erhält man die Adresse des zuständigen Amtes. Formlos kann man beim zuständigen Amt die Zusendung eines Antragsformulars anfordern. Manche Versorgungsämter bieten auf ihrer Internetseite auch die Möglichkeit, den Antrag online auszufüllen und abzuschicken.

Der Schwerbehindertenausweis muss bei offiziellen Stellen wie Behörden, Sozialleistungsträgern, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch beim Arbeitgeber gezeigt werden, um Leistungsansprüche geltend zu machen. Der aktuelle Schwerbehindertenausweis ist grün und so groß wie eine Scheckkarte. Bei Anspruch auf unentgeltliche Beförderung in öffentlichen Verkehrsmitteln ist er halbseitig orangefarben.

Nachteilsausgleiche: Vorteile eines Schwerbehindertenausweises

In vielen Bereichen gibt es einen gesetzlich geregelten Nachteilsausgleich für schwerbehinderte Menschen. Allerdings kann nicht jeder Mensch mit Schwerbehinderung jeden Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen. Viele Ausgleichsleistungen sind an die Höhe des GdB und die Zuteilung von Merkzeichen gebunden.

Die wichtigsten Vorteile im Überblick:

  • Unterstützung zur Erhaltung oder Erlangung eines behindertengerechten Arbeitsplatzes, zum Beispiel technische Hilfen oder Lohnkostenzuschüsse.
  • Übernahme von Reise-, Wohn-, Prüfungs- oder Lehrgangskosten, wenn diese für die Teilhabe am Arbeitsleben notwendig sind. 
  • Steuererleichterungen wie beispielsweise ein zusätzlicher Pauschbetrag bei der Einkommens- und Lohnsteuer.
  • Anspruch auf bezahlten Zusatzurlaub und auf Wunsch Freistellung von Mehrarbeit.
  • Vorzeitige Altersrente, wenn man mindestens 35 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat. Allerdings muss dazu ein Mindestalter erreicht sein. Für Schwerbehinderte gelten besondere Regelungen bezüglich der Regelaltersgrenze. Hierzu sollte man sich individuell beraten lassen. Am besten einen Termin bei einer Rentenberatungsstelle vereinbaren.
  • Besonderer Kündigungsschutz – nur mit der Zustimmung des Integrationsamtes kann Schwerbehinderten gekündigt werden. 
  • Vergünstigungen bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und öffentlicher Einrichtungen, wie Bäder, Museen und Theater.
  • Die Familienversicherung greift auch für behinderte Kinder jenseits der Altersgrenzen, die nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Dabei muss die Schwerbehinderung bereits vor dem 23. bzw. in Ausbildung vor dem 25. Lebensjahr eingetreten sein. 
  • Bundesländer gewähren zinsfreie Baudarlehen für behindertengerechten Umbau oder Neubau.  
  • Ermäßigte Rundfunkbeiträge werden sehbehinderten Menschen gewährt, wenn das Merkzeichen RF im Schwerbehindertenausweis eingetragen ist. Dazu muss jedoch ein Antrag gestellt werden, den man bei der Gemeinde- oder Stadtverwaltung erhält.
  • Höhere Einkommensfreibeträge für Schwerbehinderte, wenn es um Wohngeld und einen Wohnberechtigungsschein geht.

Mehr Informationen über die Nachteilsausgleiche finden Sie auch auf "einfach-teilhaben.de", einem Angebot des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

Außerdem gewähren viele Vereine, Verbände und Unternehmen auf freiwilliger Basis bei Vorlage eines Schwerbehindertenausweises Vergünstigungen.

Ein häufiger Irrtum in Verbindung mit dem Schwerbehindertenausweis: Inhaber dürfen nicht automatisch Behindertenparkplätze nutzen. Dazu benötigen sie einen speziellen blauen Parkausweis, den sie bei der Gemeinde- oder Stadtverwaltung beantragen können. Voraussetzung ist allerdings, dass das Merkzeichen aG (außergewöhnlich gehbehindert) oder Bl (blind) im Ausweis eingetragen ist. 

An die Verlängerung denken

Ein Schwerbehindertenausweis ist teilweise nur fünf Jahre gültig, manchmal auch unbefristet. Danach kann er beim zuständigen Amt zweimal verlängert werden. Ist das bereits zweimal der Fall gewesen, muss ein neuer Schwerbehindertenausweis beantragt werden. Ist beim Antragstellenden eine wesentliche gesundheitliche Änderung nicht zu erwarten, wird der Ausweis in manchen Fällen auch unbefristet ausgestellt.

Etwa drei Monate bevor der Schwerbehindertenausweis abläuft, sollte man sich um die Verlängerung kümmern. Auch wenn sich der Gesundheitszustand wesentlich verbessert oder verschlechtert, müssen Ausweisinhaber dies dem Versorgungsamt mitteilen, damit ein neuer GdB festgesetzt werden kann. Lassen Sie sich davor beraten. Es wird immer der komplette Gesundheitszustand bzw. GdB geprüft, nicht nur die Verschlechterung. Somit ist es möglich, dass man die Schwerbehinderung wieder verliert.

Hat ein Schwerbehindertenausweis auch Nachteile?

Manche Unternehmen scheuen den besonderen Kündigungsschutz und zögern daher, Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung einzustellen. Gerade jungen Erwachsenen, die auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder einem Arbeitsplatz sind, kann der Schwerbehindertenstatus daher die Suche erschweren.

Menschen mit Schwerbehinderung sind nicht unkündbar. Eine Kündigung ist jedoch erst dann wirksam, wenn die Zustimmung des Integrationsamtes vorliegt. Deshalb verschweigen manche Beschäftigte ihren wahren Status. In manchen Fällen kann es  auch besser sein, erst nach dem Eintritt in die neue Firma einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen.