Pflege daheim oder Pflegeheim?

Vielen widerstrebt der Schritt, ihre Angehörigen ins Pflegeheim zu bringen. Eine Expertin sagt dazu: „Elternliebe hat nichts mit Pflege zu tun“. Ein Interview

von Larissa Gaub, 09.03.2018
Gruppe Senioren

Heim oder nicht Heim? Der Einzug kann die Beziehung zu den Angehörigen entlasten


Ulrike Döring ist Vorsitzende des Evangelischen Fach- und Berufsverbands für Pflege und Gesundheit sowie Mitglied des Deutschen Pflegerates. Wir haben sie dazu befragt, wie pflegebedürftige Angehörige am besten versorgt werden können.

Frau Döring, Pflege zehrt oft stark an den eigenen Kräften.

Das stimmt. Wir werden heute immer älter, deswegen kann es vorkommen, dass die 90-jährigen Eltern von ihren 70-jährigen Kindern gepflegt werden. Viele stecken das dann nicht mehr so leicht weg, sind überfordert, übermü-
det und überarbeitet.

Ulrike Doering

Was raten Sie Angehörigen dann?

Das Wichtigste ist, dass alle ehrlich zueinander sind. Hat der Pflegebedürftige vorher keine eigenen, die Kinder entlastenden Entscheidungen für diesen Fall getroffen, sollten sich alle gemeinsam beraten lassen. Erste Anlaufstation sind die Beratungsstellen der Krankenkassen, der Kommunen oder der freien Wohlfahrtspflege.

Aber das hilft ja nicht gegen das schlechte Gefühl, man würde jemanden im Stich lassen …

Nein, natürlich nicht. Aber wer an seine Grenzen kommt, sich ständig abgeschlagen und müde fühlt, muss etwas ändern. Aus meiner Sicht hat Liebe zu den Eltern nichts damit zu tun, ob ich sie pflege oder nicht. Im Gegenteil: Wenn die Kinder bei der Pflege selber an die Grenzen ihrer Kräfte geraten, belastet das auch die Beziehung zu den Eltern.

Kann das Pflegeheim die Beziehung wieder retten?

Bestimmt nicht immer. Aber ich habe schon oft erlebt, dass die Beziehung zwischen Kindern und Eltern schlagartig besser wurde. Die Pflege nimmt viel Zeit in Anspruch, was den Raum für schöne gemeinsame Stunden kleiner macht. Außerdem: Nur weil man sich beraten lässt, muss nicht ein Heim der Ausweg sein.

Sondern?

Viele Menschen kennen die Angebote gar nicht, die pflegende Angehö­rige entlasten können. Manchmal reicht eine Kurzzeitpflege aus, damit der Angehörige mal Urlaub machen kann und neue Kraft schöpft.

Wenn es trotzdem nicht mehr geht?

Die Entscheidung, wann ein Heim der letzte Ausweg ist, kann einem niemand abnehmen. Meist spielt auch die Gesundheit der Betroffenen eine Rolle. Zum Beispiel müssen Demenzerkrankte oft rund um die Uhr betreut werden. Das können Angehörige oft nicht leisten.

Wie spricht man das Thema Heim am besten an?

Mit einem Gespräch ist das nicht erledigt, das ist ein Prozess. Natürlich wird einem durch einen Umzug in ­eine Pflegeeinrichtung bewusst, dass das eigene Leben begrenzt ist. Aber eigentlich geht es nicht darum, wie lange, sondern wie man die Zeit verbringt. Viele merken im Heim: Ich habe hier eine ganz andere Lebensqualität.

Was erleichtert den Umzug?

Es lohnt sich, den Weg lange vorzubereiten. Wer sich in Ruhe und überlegt ein Heim aussuchen kann, das zu einem passt, kann dort auch mit erhobenem Haupt einziehen.

Hat sich die Pflegesituation in den letzten Jahren verändert?

Es heißt ja immer, die Pflege sei ein Problem der Neuzeit. Aber das stimmt so nicht. Diejenigen, die wirklich Pfle­ge benötigten, konnten schon früher oft nicht ausreichend versorgt werden, weil keiner Zeit hatte.