Pflege: Schlechte Heime für teures Geld

Eine Auswertung des Recherchezentrums correctiv.org zeigt: 60 Prozent aller Pflegeheime fallen bei Prüfungen auf. Warum ist das so? Dafür gibt es drei Gründe. Und alle drei haben mit der Finanzierung der Heime zu tun

von Sandhya Kambhampati, Stefan Wehrmeyer und Daniel Drepper, correctiv.org, aktualisiert am 07.06.2016

Nicht immer werden Pflegebedürftige richtig mit Essen oder Medikamenten versorgt


In Rheinland-Pfalz müssen Pflegebedürftige im Verhältnis das meiste Geld für die schlechteste Pflege zahlen. Das hat eine Auswertung durch das Recherchezentrum correctiv.org ergeben. Ein halbes Dutzend Reporter und Programmierer hat in den vergangenen Monaten die Daten aller deutschen Pflegeheime sowie Informationen zu allen Landkreisen und Städten ausgewertet. Die Analyse offenbart viele Probleme.

Vier von fünf Pflegeheimen in Rheinland-Pfalz fallen demnach bei den jährlichen Qualitätsprüfungen der Krankenkassen negativ auf, was den medizinisch relevanten Teil der Pflege betrifft, etwa die Versorgung mit Nahrung, Schmerzbehandlung oder die Vorsorge für Bettlägerige, damit diese sich nicht wundliegen. Dennoch ist die Pflege in kaum einem Bundesland so teuer wie in Rheinland-Pfalz: 3453 Euro kostet hier im Schnitt ein Heimplatz in Pflegestufe 3 pro Monat. Mehr als 1800 Euro davon müssen Pflegebedürftige privat zahlen.

Jedes Jahr werden deutsche Heime vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geprüft und erhalten eine Pflegenote. Die meisten Heime schneiden "sehr gut" ab, der Notendurchschnitt liegt bundesweit bei 1,2. Tatsächlich sagt diese Note kaum etwas aus über die Qualität der Pflege: Ein gut lesbarer Speiseplan kann einen mangelhaften Umgang mit Medikamenten ausgleichen.

Wie kann man aus diesen Prüfberichten ein realistischeres Bild zeichnen? Die Rechercheure haben aus den 77 Kriterien fünf Bereiche herausgelöst: die ausreichende Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit; den Umgang mit Schmerzpatienten; den Umgang mit Inkontinenz; die Versorgung von Wunden; die Gabe von Medikamenten. All das sind Fragen, die zentral sind für die Pflege alter und gebrechlicher Menschen.

Probleme bei Medikamentengabe

Das Ergebnis: Nimmt man nur diese fünf Bereiche, dann fallen 60 Prozent aller Heime negativ auf. Mehr als 50 Prozent der Heime versorgen die Alten und Kranken den Prüfungen zufolge nicht korrekt mit Medikamenten, mehr als 30 Prozent nicht vorschriftsmäßig mit Nahrung und Flüssigkeit.

Durch die Auswertung dieser Bereiche ist nun erstmals auch ein detaillierter Vergleich zwischen allen Bundesländern, Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland möglich. In Rheinland-Pfalz und Bayern werden etwa 80 Prozent aller Heime auffällig, in Baden-Württemberg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nur die Hälfte, in Brandenburg gar nur 40 Prozent.

Noch größer sind die Unterschiede zwischen einzelnen Landkreisen. In der Südwestpfalz, in Kelheim, in Zweibrücken und in Dillingen an der Donau fallen alle Heime in den Prüfungen negativ auf. Dagegen gibt es keinen einzigen Landkreis, dessen Pflegeheime ohne Probleme sind. Prignitz und Baden-Baden sind die Landkreise mit Heimen, die in den Prüfberichten vergleichsweise am seltensten auffallen. Hier werden ein Viertel der Heime auffällig.

Der MDK wird immer wieder dafür kritisiert, dass er vor allem die Dokumentation von Pflege prüft – aber nicht, wie gut es den Heimbewohnern wirklich geht. Da der MDK nach Bundesländern organisiert ist, kann ein Teil der Unterschiede dieser Auswertung auch mit unterschiedlich harten Prüfern zusammenhängen. Die grundsätzlichen Regeln für die Prüfungen sind jedoch in allen Bundesländern einheitlich.

1000 Euro Preisunterschied

Die Daten geben Hinweise darauf, wie unterschiedlich die Qualität der Pflege ist – und dass zweitens teure Pflegeheime nicht automatisch gut sind. Im Gegenteil: Die Einrichtungen in Rheinland-Pfalz werden am häufigsten bemängelt – und gehören mit einer Zuzahlung von 3453 Euro bei Pflegestufe drei zu den teuersten. Nur Nordrhein-Westfalen (3601 Euro) und das Saarland (3614 Euro) sind teurer. In Sachsen-Anhalt (2450 Euro), Mecklenburg-Vorpommern (2571 Euro), Sachsen (2602 Euro) und Niedersachsen (2673 Euro) ist die private Zuzahlung dagegen nur etwa halb so hoch, die Heime sind rund 1000 Euro günstiger – jeden Monat. Auf die Frage, warum ihr Bundesland so schlecht abschneide, sagt die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) auf Anfrage, ein Ländervergleich über die Pflegenoten sei "nicht aussagekräftig".

Die Pflege befindet sich seit Jahren in einer Abwärtsspirale. Immer lauter beschweren sich Pfleger und Angehörige über zu wenig Zeit, zu wenige Fachkräfte, zu wenig Geld. Billige Pflege wird in Deutschland stärker honoriert als gute Pflege. Das liegt an drei ganz grundsätzlichen Problemen.

Erstens: Pflegeheime lassen sich nicht miteinander vergleichen. Die offiziellen "Pflegenoten" sind Augenwischerei. Man kann von außen derzeit kaum entscheiden, wie gut oder wie schlecht ein Heim ist. Der Correctiv-Pflegewegweiser auf correctiv.org/pflege macht zwar alle derzeit verfügbaren Daten und Prüfberichte transparent. Das ist aber nur ein Anfang, denn viele Daten werden entweder nicht erhoben oder nicht öffentlich gemacht.

Für jeden sichtbar ist allein der Preis. Die Kosten für einen Platz im Heim, die Höhe der eigenen Zuzahlung. Das allein sehen die Kunden, also die Bewohner und Angehörigen. Ein Jahr im Pflegeheim kostet rasch 20.000 Euro Zuzahlung. Zum Teil unterscheiden sich die Preise der Heime aber um mehr als 1000 Euro im Monat. Das treibt die Heimbetreiber dazu, möglichst billige Pflegeplätze anzubieten.

In allen Branchen gibt es diesen Preisdruck. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Ein billiges Auto, das Mängel hat, erhält schlechte Kritiken – und verkauft sich nicht. Ein günstiges Hotel, dessen Personal unfreundlich ist, wird schlecht bewertet – und kann am Markt nicht bestehen. Es gibt Produkttests und Portale mit hunderten von Bewertungen. All das gibt es in dem Ausmaß für Pflegeheime nicht.

Ein gebrechlicher Mensch hat nur selten die Möglichkeit, mehrere Heime auszuprobieren. Eine kurze Besichtigung sagt meist nur wenig aus. Es gibt keine unabhängige Prüfstelle, die diesem Namen gerecht wird. Inspektionsberichte bleiben häufig unter Verschluss oder sind nicht vergleichbar.

Es gibt keine Transparenz, keine unabhängigen Tester. Die Anbieter können nicht objektiv miteinander verglichen werden. Sie konkurrieren deshalb beim Preis – nicht bei der Qualität.

Zweitens: Zu viele Menschen reden bei der Finanzierung mit. In jedem einzelnen deutschen Bundesland werden Rahmenverträge ausgehandelt, von drei Parteien: den Pflegekassen, den Sozialämtern, den Heimbetreibern. Dabei müssen sich stets alle Beteiligten einig sein.

Wenn nur einer der Verhandler sein Veto einlegt, kommt kein Vertrag zustande. Pflegekassen und Sozialämter können also hohe Ausgaben blockieren. Viele werfen aber den großen Heimbetreibern Caritas, Diakonie oder AWO vor, dass sie sich nicht stark genug für bessere Bedingungen einsetzen, das heißt: für bessere Bezahlung und mehr Personal. Dass sie nicht häufiger ihr Veto einlegen.

Legen die Heimbetreiber ihr Veto ein, wird der Fall einem Schiedsgericht vorgelegt. Doch solche Verfahren ziehen sich hin, schnell vergeht mehr als ein Jahr. Bis eine Entscheidung fällt, gilt der alte Vertrag weiter – und müssen die Betreiber die gestiegenen Kosten selbst tragen. Und dann wissen sie immer noch nicht, ob ihnen das Schiedsgericht Recht gibt. Was dazu führt, dass die Heimbetreiber in den Verhandlungen auch Pflegesätze abnicken, die viel zu niedrig sind.

Drittens: Die Sozialämter der Kommunen haben ein zu großes Interesse an Billig-Pflege. Warum? Die Preise in der Pflege steigen, aber die Pflegekassen zahlen gleich viel. Was dazu führt, dass der Eigenanteil für die Bewohner und ihre Angehörigen seit Jahren steigt. Ein Beispiel: Seit 1999 ist der Eigenanteil in Pflegestufe 1 um 400 Euro pro Monat gestiegen. Wer sich diesen Eigenanteil nicht leisten kann, beantragt Hilfe vom Staat. Darum sitzen auch die Sozialämter der Städte und Gemeinden mit am Verhandlungstisch, wenn die Pflegesätze ausgehandelt werden. Die meisten deutschen Städte sind pleite. Was dazu führt, dass die Sozialämter die Kosten noch härter drücken als die Pflegekassen.

Am Freitag, 3. Juni, läuft um 21.15 Uhr eine Dokumentation zur Recherche im NDR bei "die reportage". Die Reporter haben sich in Kooperation mit Correctiv mit versteckter Kamera als Bewohner in Pflegeheime eingeschlichen.

Informationen zu jedem einzelnen Pflegeheim in Deutschland hat das Recherchezentrum Correctiv zusammengetragen. Die Reporter haben zudem monatelang mit Hunderten Menschen gesprochen und ein Buch zur Recherche veröffentlicht. Daten und Prüfberichte zu allen Pflegeheimen sowie das Buch "Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht" finden Sie unter correctiv.org/pflege