Abfluss für das Mittelohr: Paukenröhrchen

Sekretansammlungen im Mittelohr beeinträchtigen das Gehör und schmerzen eventuell. Ist der Erguss nicht mit Medikamenten zu beseitigen, kommt ein Paukenröhrchen infrage

von Dr. med. Johannes Rückher, aktualisiert am 04.04.2017

Korrekte Lage des Paukenröhrchens im Ohr


Was ist ein Paukenröhrchen?

Das Paukenröhrchen setzen Ärzte ins Trommelfell des Ohres ein, damit Flüssigkeit aus dem Mittelohr nach außen abfließen kann. In der Regel hat das Paukenröhrchen einen Durchmesser von etwa 1,2 bis 1,5 Millimetern. Seine Aufgabe besteht darin, das hinter dem Trommelfell liegende Mittelohr zu belüften. Paukenröhrchen bestehen normalerweise aus Kunststoff wie Silikon, Polyethylen oder Teflon, und manchmal auch aus Gold. Oft verwendete Modelle haben eine Spulen- oder Röhrchenform. Zur langfristigen Belüftung des Mittelohres wählen die Ärzte oft T-Formen.

Flüssigkeit im Mittelohr: Wie entsteht ein Paukenerguss?

Sekret sammelt sich vor allem dann im Mittelohr an, wenn es nicht ausreichend belüftet wird: Das Mittelohr und der Nasen-Rachen sind über die Eustachische Röhre, auch Tube genannt, miteinander verbunden. Diese Verbindung kann sich aus mehreren Gründen verschließen. Meistens sind Infekte durch Viren oder Bakterien oder entzündlich-allergisch bedingte Infekte der oberen Luftwege dafür verantwortlich. Dazu zählen Nasen- und Nasennebenhöhlen-Entzündungen, Nasen-Rachen-Schleimhaut-Entzündungen oder Entzündungen der Nasen-Rachen-Polypen (Adenoide Vegetationen der Nasen-Rachen-Mandeln). Mitunter können auch sehr große Gaumen-Mandeln (Tonsilla palatina) die Verbindung verschließen. Selten können auch angeborene Fehlbildungen wie eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte der Grund sein, warum die Eustachische Röhre nicht durchgängig ist.

Fast alle Kinder haben bis zum achten Lebensjahr mindestens einmal einen Paukenerguss. Erwachsene sind deutlich seltener betroffen. Die meisten Paukenergüsse verschwinden mit antientzündlichen und abschwellenden Medikamenten, vor allem die akuten Paukenergüsse. Von einem chronischen Paukenerguss spricht der Arzt erst, wenn er länger als drei Monate andauert.

Wie macht sich ein Paukenerguss bemerkbar?

Wenn sich Flüssigkeit im Mittelohr ansammelt, verspüren die Betroffenen zumeist ein Druck- und Völlegefühl im Ohr. Und die Menschen im Umfeld bemerken oft, dass derjenige schlechter hört, weil das Trommelfell bei Schalleinwirkung nicht ungehindert schwingen kann: Kleinkinder reagieren nicht oder nur verzögert auf Stimmen oder Geräusche. Ältere Kinder und Erwachsene fallen durch lautes Sprechen auf. Bleibt bei Kindern eine Schwerhörigkeit unbehandelt, kann sie zu sprachlichen Entwicklungsstörungen und abfallenden Leistungen in der Schule führen. Oft geht dem Paukenerguss eine Mittelohrentzündung voran. Oder der Paukenerguss infiziert sich, was sich dann auch durch Schmerzen und Fieber bemerkbar macht.

Wie stellen Ärzte einen Paukenerguss fest?

Bei Verdacht auf einen Paukenerguss untersuchen die Ärzte den Patienten immer mit Hilfe der Ohrmikroskopie. Damit können sie den Flüssigkeitsspiegel hinter dem Trommelfell erkennen. Wenn das Trommelfell aber zum Beispiel durch frühere Mittelohrentzündungen vernarbt ist, kann der Arzt den Paukenerguss nicht sehen, sondern nur in der Tympanometrie feststellen. Die Tympanometrie ist eine Untersuchung des Mittelohrdrucks samt graphischer Darstellung der Trommelfell-Beweglichkeit mithilfe eines Messgeräts. Im akuten Stadium ist das Trommelfell auch entzündlich gerötet, im chronischen Stadium eher rosa verdickt. Außer dem Tympanogramm hilft das Tonaudiogramm beim Sichern der Diagnose. Es misst unter anderem die Hörschwelle für Luftleitung und Knochenleitung.

Die Ärzte untersuchen auch die Nase und den Nasen-Rachen, sowie die Nasennebenhöhlen und den Rachen, um mögliche Ursachen für den Paukenerguss zu finden.

Wann kommt ein Paukenröhrchen in Frage?

Vor allem bei Kindern behandeln die Ärzte abgestuft: Bei akuten serösen Paukenergüssen setzen sie antientzündliche und abschwellende Medikamente ein. Dabei verordnen sie unter anderem Nasentropfen, Sprays und Inhalationen. Ist der Paukenerguss mit Bakterien infiziert und eitrig, können Antibiotika die Therapie ergänzen. Chronische Ergüsse sind häufig Folge einer nicht ausgeheilten Mittelohrentzündung. Erst wenn die erwähnten konservativen Maßnahmen auf Dauer nicht erfolgreich sind, sollten Ärzte eine operative Behandlung in Betracht ziehen.

Antibiotika haben nach aktuellem Wissensstand in der Regel keine Wirkung auf einen chronischen Paukenerguss. Die Ärzte setzen sie deshalb deutlich zurückhaltender ein als noch vor einigen Jahren.

Wie setzen Ärzte das Paukenröhrchen ein?

Paukenröhrchen können ambulant eingesetzt werden, bei Kindern aber nur in einer (kurzen) Vollnarkose mit Masken-Beatmung, also ohne Intubation. Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene benötigen nicht unbedingt eine Vollnarkose. Allerdings ist eine lokale Betäubung mit Spritzen kurzfristig schmerzhaft. Stattdessen wird meistens ein örtliches Betäubungsmittel mit Hilfe eines getränkten Tupfers für 15 Minuten über den Gehörgang auf das Trommelfell verabreicht. Im Anschluss setzen die Ärzte mit einem kleinen Skalpell oder auch einem Laser einen winzigen Schnitt im vorderen unteren Trommelfellbereich. Durch das kleine Loch im Trommelfell kann der Operateur den Erguss absaugen. Mit einer winzigen Zange setzt er das Paukenröhrchen in das Loch.
Sind vergrößerte Nasen-Rachen-Mandeln Ursache des Paukenergusses, können diese in der gleichen Sitzung entfernt werden, allerdings nur in Vollnarkose.

Ist der Eingriff riskant?

Insgesamt gilt die Einlage eines Paukenröhrchens als risikoarmer Eingriff, abgesehen von den üblichen Risiken, wenn eine Vollnarkose angewandt wird.

Bleibende Vernarbungen des Trommelfells oder im Bereich des Mittelohrs sind sehr selten. Auch angrenzende Nerven und Blutgefäße werden nur selten verletzt. Eine dauerhafte Schwerhörigkeit ist die Ausnahme.

Bei etwa zwanzig Prozent der Kinder, die ein Paukenröhrchen wegen einer Mittelohrentzündung erhalten, kommt es im Folgenden zu eitrigem Ausfluss aus dem Ohr, einer sogenannten Otorrhoe. In so einem Fall kann der Arzt gegebenenfalls antibiotische und kortisonhaltige Ohrentropfen verordnen. Bei verstopften Paukenröhrchen kann der Arzt Lösungsmittel verabreichen, manchmal muss er aber auch das Röhrchen gegen ein neues austauschen.

Was ist beim Kontakt mit Wasser zu beachten?

Nach der Operation sollten Patienten mit Paukenröhrchen das Ohr schützen, wenn sie sich ins Wasser begeben. Dazu eignet sich ein Wasserschutz aus dem Sportgeschäft oder eine von einem Hörgeräte-Akustiker angefertigte Otoplastik. Tiefer als sechzig Zentimeter sollte man damit aber nicht tauchen. Andernfalls kann das Wasser ins Mittelohr eindringen und eine  Entzündung auslösen.

Wie lange muss das Paukenröhrchen im Ohr bleiben?

Das Paukenröhrchen kann bis zu einem Jahr im Trommelfell verbleiben, wenn es nicht verstopft ist. Meistens stößt es das Trommelfell schon vorher von selbst ab oder ein Arzt entfernt es. Bei mehr als achtzig Prozent der Patienten ist das Mittelohr damit dauerhaft ausgeheilt. Treten erneut Probleme auf, kann ein neues Paukenröhrchen eingesetzt werden.

Beratende Expertin: Professor Dr. med. Dr. med. habil. Kerstin Lamm ist Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Professorin für HNO-Heilkunde an der TU München und führt seit 2005 eine eigene Praxis in München mit den Schwerpunkten Tinnitus, Hörstörungen und Schwindel.

Quellen:

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4. Weber R: Schwimmen und Paukenröhrchen: Keine Einwände. In: HNO aktuell 2005, 13: 25-26
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Wichtiger Hinweis:
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