Partnerschaft: Lieber Kuscheln als Sex?

Wenn eine Beziehung in die Jahre kommt, flaut die Leidenschaft oft ab. Dass der Sex mit der Zeit abnimmt, ist normal – und längst kein Grund, aufzugeben. Wie die Liebe lange hält
von Christian Andrae, aktualisiert am 02.12.2016

Inniger Kuss: Der Rausch der Gefühle weicht irgendwann dem Alltag

Jupiter Images GmbH/BrandX

Nein, nicht schlimm, wenn im Schlafzimmer mehr geschnarcht als gestöhnt wird. Das ist ganz normal und geschieht recht schnell: Sechs, vielleicht zwölf Monate – und die Leidenschaft deutscher Paare hat im Vergleich zu den ersten gemeinsamen Wochen schon deutlich nachgelassen. Das zeigt eine kürzlich im Fachblatt Social Science Research veröffentlichte Studie.

Ein Phänomen namens Panda-Syndrom

Mit den Jahren geht es weiter rapide abwärts, wie die Forscherinnen des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften in Mannheim sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München schreiben: Nach sechs bis acht Jahren hat das sexuelle Verlangen in Liebes­beziehungen seinen Tiefpunkt erreicht. Danach kann es nur noch wieder besser werden. Das kommt sogar vor, ist aber laut der Studie eher die Ausnahme als die Regel.

Auch Boulevard-Zeitschriften thematisieren den Trend der sexlosen Partnerschaft. Sie schreiben vom "Panda-Syndrom", weil bei den niedlichen Bären auch höchst selten die Leidenschaft entflammt. Klingt deprimierend? Muss es aber nicht sein.

Wenig Sex: Anzeichen für eine stabile Beziehung

Im Gegenteil. Weniger und langweiliger Sex können aus Sicht von Sexualwissenschaftlern sogar ein Indiz für ­eine stabile Beziehung sein. Probleme bereitet jedoch oft die eigene Erwartungshaltung an Sex. Denn obwohl jeder im Grunde weiß, dass die Lust aufeinander nicht über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg gleich stark bleibt, spüren viele immer wieder diese leisen Zweifel: Führen meine Frau und ich wirklich eine gute Ehe – wo wir doch oft monatelang nicht miteinander schlafen? Liebt mein Freund mich eigentlich noch, auch wenn er kaum mehr Sex mit mir will?

Forscher suchen Formel für die Liebe

Die Wissenschaft stellt sich ähnliche Fragen. Gesucht wird nach einer Art Grundrezept für eine harmonische Beziehung. Wie viel Streit, Harmonie, Gemeinsamkeiten und Freiraum, Erotik und Zärtlichkeiten brauchen glück­­liche Paare? "Pairfam" nennt sich die größte Studie, die es jemals zum ­­Thema Partnerschaft und Familie in Deutschland gegeben hat: Über 12.000 Männer und Frauen sowie deren Partner, Kinder und Eltern werden seit 2008 zu ihrem Liebes- und Familien­leben befragt. Durch das bis 2022 ­angelegte Projekt wollen Forscher herausfinden, was Beziehungen auf Dauer aufrechterhält.

Abenteuerlicher Sex und immerwährende Leidenschaft scheinen es jedenfalls nicht zu sein. Wer sich fragt, ob auch in anderen Betten nach einiger Zeit mehr gekuschelt als miteinander geschlafen wird, kann beruhigt sein. Für die meisten Paare gilt: je länger die Beziehung, desto weniger Sex. Darauf deuteten schon die inzwischen angestaubten Reports des US-amerikanischen Sexualforschers Alfred Kinsey in den 40er- und 50er-Jahren hin.

Beim Sex ist nichts normal

70 Jahre später können die Sozialwissenschaftlerinnen Dr. Jette Schröder und Dr. Claudia Schmiedeberg diese Aussage bestätigen – mit aktuellen Daten der Pairfam-Studie: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs von der Dauer der Partnerschaft abhängt, nicht aber vom Zusammenleben oder von der Heirat." Jedoch bedeute weniger Sex nicht, dass die Partner unglücklich sind.

Wie man den Zauber einer Beziehung erhält

Dasselbe sagt Dr. Andrea Burri von der Auckland-Universität in Neuseeland. Die Schweizer Sexualforscherin findet das ganze Tamtam um Sex übertrieben: "Flauten im Bett können immer wieder mal vorkommen – und sind kein Grund zur Sorge." Flauten im Bett sind normal.

Wobei Burri bei dieser Formulierung das Wort "normal" stört. Gerade in Bezug auf Sexualität sollte es laut der Expertin am besten gar keine Normierung geben. Das würde der Gesellschaft den Druck nehmen, gewissen – meist utopischen – sexuellen Standards gerecht werden zu müssen.

Weniger Fleisch, mehr Sport, weniger dies, mehr das: "Wir sind ohnehin in zu vielen Lebensbereichen entmündigt", findet Burri. Doch der Mensch verlerne dabei, auf sich und seine Bedürfnisse zu hören. "Es wäre schön, wenn wir zumindest die Sexualität noch frei nach Gusto ausleben könnten", so die Forscherin.

Ungleichgewicht kann zum Problem werden

Mit der Sexualität verhalte es sich so wie mit fast allen Lebensbereichen: ­­Jeder will und braucht etwas anderes. "Einige Menschen haben einen sehr ausgeprägten sexuellen Appetit, wohingegen andere mit einer geringeren Frequenz sexueller Interaktionen genauso zufrieden sein können."

Schwierig werde es laut Burri erst dann, wenn Sex zu einem Ungleichgewicht in der Beziehung führt. "Zum Beispiel weil einer der Partner öfter möchte, sich aber durch die Lustlosigkeit des anderen zurückgewiesen fühlt", sagt die Expertin. Umgekehrt kann sich der lustlose Partner unter Druck gesetzt fühlen, weil er glaubt, die Bedürfnisse des anderen nicht zu erfüllen.

Raus aus der Lustlosigkeits-Falle

Hier rät Burri, gemeinsam über die Wünsche und Erwartungen zu sprechen sowie zu ergründen, wieso der ­eine oder gar beide Partner keine Lust auf Sex verspüren. "Manchmal haben sich auch nur Dynamiken und Gewohn­heiten festgefahren, die gar nichts mit Lustlosigkeit zu tun haben. Anderes ist einem einfach wichtiger. Dies bewusst zu durchbrechen kann oft schon Wunder wirken."

Das bestätigt auch die Psychotherapeutin Professor Kirsten von Sydow von der Psychologischen Hochschule Berlin. "Berufstätige Paare mit Kindern und vielleicht noch zu pflegende Eltern haben denkbar wenig Zeit für sich selbst." Wichtig sei, dass sich Paare in solch einer Situation nicht noch zusätzlich von den Medien beeinflussen lassen. Wie dort über Sexualität berichtet werde, habe meist nichts mit dem echten Leben zu tun, sagt die Paartherapeutin und Sexualforscherin.

Einmal im Monat Sex ist realistisch

Aber was entspricht dann der Realität? Hierzu interviewte von Sydow in einer Studie 30 junge Paare, die sich bewusst für ein Kind entschieden haben. Glückliche Menschen. Sieben Jahre nach Geburt des ersten Kindes schliefen die Befragten im Schnitt ein- bis zweimal im Monat miteinander.

Der Mensch sehnt sich nach emotionaler Sicherheit und sexueller Aufregung zugleich. Manchmal stehen diese Wünsche im Konflikt miteinander. Denn beides über Jahrzehnte stabil aufrechtzuerhalten, sei schlichtweg unmöglich, sagt Sydow. "Je wichtiger der Partner für einen wird, desto größer wird auch die Furcht, ihn durch neue Experimente im Bett zu verunsichern. Deshalb bleiben viele Paare bei dem Repertoire, das sie gemeinsam zu Beginn der Beziehung erlernt haben."

Wünsche und Angst. Das blockiert. Aber dieser innere Konflikt kann laut der Paartherapeutin gelöst werden – indem man miteinander redet.


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