Liebe auf Distanz: Geht das gut?

Mobil im Job, mobil in der Liebe. Immer mehr Paare führen eine Fernbeziehung, manche unfreiwillig, die meisten auf Zeit. Wie die Partnerschaft auf Distanz glücken kann

von Ingrid Kupczik, 27.03.2017
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Abschiedsschmerz: Eine Fernbeziehung bringt Vor- und Nachteile mit sich


Kennengelernt hat Max B. seine Freundin Sabrina bei Facebook. Sie schrieb ihn an, meinte ihn aber gar nicht. Zufällige Namensgleichheit. "Ich habe den Irrtum schnell aufgeklärt. Und da wir uns viel zu sagen hatten, chatteten wir weiter." Irgendwann wurde ein Treffen verabredet, dann noch eins, die beiden verliebten sich ineinander. Zwei Jahre ist das her. Seitdem sieht sich das Paar alle drei bis vier Wochen – Liebe auf Distanz zwischen Hamburg, wo Max studiert, und Sabrinas Studienort Frankfurt. 500 km entfernt, doch stets ganz nah am Leben des anderen, dank Flatrate, WhatsApp und Skype. "Super Lösung", urteilt der 22-Jährige, "jedenfalls für die Studienzeit."

"Absolut notwendig für die berufliche Karriere meiner Frau, aber ansonsten furchtbar", empfindet indes Betriebswirt Martin H. aus München die Fernbeziehung zu seiner Frau, seit sie im Auftrag ihrer Firma für ein Jahr nach England gegangen ist. Zwei Monate ist das erst her, eine gefühlte Ewigkeit. "Nie hätte ich gedacht, dass mir die räumliche Trennung so zu schaffen machen würde", sagt Martin H., der seine Frau täglich per Video-Chat und alle drei Wochen in ihrer gemeinsamen Wohnung in München wiedersieht.

Moderne Technik hilft

Ein Klick verbindet Kontinente: Noch nie war es so einfach wie heute, Liebe auch auf große Distanz zu pflegen, und immer mehr Paare lassen sich auf das Experiment ein. Einige vom Start weg, weil sie sich im Urlaub oder Internet kennengelernt haben. Andere, weil der nächste Karriereschritt den Auslandsaufenthalt erfordert. Nicht wenige wiederum sind gezwungen, über weite Strecken zu pendeln, um überhaupt Arbeit zu haben. Nach Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung werden fast 13 Prozent aller Partnerschaften zumindest zeitweise auf Distanz gelebt – von den Pendler-Paaren, die sich regelmäßig am Wochenende sehen, bis zu jenen, die Wochen oder gar Monate getrennt sind.

"Die moderne Technik schafft eine gewisse Erleichterung, dennoch sind die Herausforderungen an eine Fernbeziehung groß", sagt der Paarforscher Dr. Peter Wendl von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er erinnert sich lebhaft an jene Zeit vor 20 Jahren, als seine heutige Frau in Neuseeland ein Studienjahr absolvierte – und Telefonieren noch ein Vermögen kostete. Wendl, der mit seiner Frau acht Jahre Liebe auf Distanz überstand, erforscht Chancen und Risiken von Fernbeziehungen und hat dazu mehrere Sachbücher verfasst. Im Auftrag der Bundeswehr und der Militärseelsorge berät er Soldaten und ihre Angehörigen zu den besonderen Bedingungen ihrer Beziehung im Zusammenhang mit Auslandseinsätzen.

Wichtige Fragen zu Beginn klären

Damit eine Fernbeziehung glückt, sagt Wendl, sollten für beide Partner grundlegende Fragen geklärt sein. Vor allem die nach dem Sinn des Ganzen: Warum führen wir eine Fernbeziehung? Weil es nicht anders geht? Weil der Beruf per se Mobilität erfordert, etwa beim Piloten? "Nur wenn für beide Partner die Sinnfrage klar beantwortet ist, sind sie auch längerfristig bereit, die Entbehrungen mitzutragen", betont Wendl. Sofern sich der Sinn nur für den einen erschließe, etwa finanzielle Erwägungen oder Karrieremotive, überstehe die Fernbeziehung kaum mehr als zwei Jahre. "Dann ziehen die Paare zusammen – oder trennen sich."

Wichtig ist laut Wendl auch die Frage nach der Perspektive: Wann können wir uns kurzfristig wiedersehen? Wie oft können wir uns die Treffen überhaupt leisten? Auf welchen Urlaub dürfen wir uns mittelfristig freuen? Wie lange wollen wir diese Fernbeziehung führen? Als Projekt für drei Jahre, oder länger? "Der Mensch braucht eine Perspektive, um die Kraftanstrengung über längere Zeit zu akzeptieren", betont der Experte.

Fernbeziehung bringt auch Vorteile

Zum Gelingen einer Fernbeziehung gehöre ferner die Bereitschaft, einen erfüllenden Alltag für sich allein zu kultivieren. "Ich darf nicht nur leiden, weil der Partner nicht da ist, sondern muss auch die Vorteile sehen, etwa mehr Freiheiten und Freizeit, in der ich mich verwirklichen kann." 75 Prozent der Fernbeziehungspendler sind Männer, wie eine Studie an der Universität Eichstätt-Ingolstadt ergab. "Viele von ihnen sagen: ‚Ich kann bis acht Uhr im Büro bleiben und hinterher noch zum Sport gehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben‘", erklärt Wendl. Student Max aus Hamburg denkt ähnlich. "Wenn ich mit meinen Bandkollegen bis in die Nacht probe, schmollt zuhause niemand."

Entfernte Partner fühlen sich oft intimer miteinander verbunden als andere, ergab eine Studie amerikanischer und chinesischer Forscher, die im Journal of Communication veröffentlicht wurde. Paare in Fernbeziehungen geben sich demnach mehr Mühe als andere Paare, ihre Zuneigung und Innigkeit dem Partner zu vermitteln. "Dieses Bemühen zahlt sich aus", betont Studienleiter Crystal Jiang.

Das Wiedersehen nicht überfrachten

"Die Fernbeziehung wird von den Betroffenen für wertvoller gehalten als eine Alltagsbeziehung. Distanz schafft eine gewisse Exklusivität", hat der Berliner Paartherapeut Florian Klampfer festgestellt. Paradox: Viele Paare empfinden mehr Nähe zueinander, wenn sie getrennt sind. Beim Wiedersehen muss oft erst eine gewisse Fremdheit überwunden werden. "Oft fühlen sich die ‚Heimkehrer‘ zuhause wie ein Gast", sagt Klampfer. Die Erwartung, dass die gemeinsame Zeit besonders aufregend, innig und erlebnisreich sein müsse, sorge für Druck auf beiden Seiten. "Das Wiedersehen wird mit Erwartungen überfrachtet, und heikle Themen werden ausgespart, denn man möchte die Harmonie nicht gefährden."

Dabei sei es notwendig, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten – über das eigene Single-Leben, die Entbehrungen und Erwartungen an die Beziehung. "In einer Partnerschaft auf Distanz liegt auch die Chance, sich mit eigenen Themen auseinanderzusetzen", sagt Klampfer, der selbst seit fünf Jahren in einer "spannenden Fernbeziehung" zwischen Berlin und Leipzig pendelt. "Für viele Paare ist die Fernbeziehung ein gutes Modell, weil sie gar nicht so viel Nähe aushalten können."

"In jedem Wiedersehen liegt ein Neuanfang", betont Dr. Peter Wendl. "Man kann nicht einfach dort weitermachen, wo man zwei Wochen vorher aufgehört hatte, sondern justiert sich stets von Neuem." Dazu gehöre auch, sich immer wieder die Sinnfrage zu stellen. "Sobald es für einen Partner nicht mehr stimmt, müssen beide nach einer gemeinsamen neuen Lösung suchen."